Nein, das nüchterne Hotelrestaurant im Siebziger-Jahre-Betonklotz ist nicht der Ort, an dem die vier jungen Frauen und Männer in ihrer Freizeit rumhängen würden. Aber die Maturanden Sina Poffa (19) und Robin Bannwart (20) sowie die KV-Lehrtochter Cristine Paduga (21) und der Elektromonteur-Stift Simon Mäder (18) sind auch nicht aus Buchs, Brugg, Uetendorf und Busswil nach Aarau gekommen, um sich mit ihren Altersgenossen zu vergnügen. Ihr Treffen ist ein journalistisches Experiment:

Die Schweizer Jugend wird immer konservativer, das zeigen mehrere Studien. Sie sei austauschbar, berechenbar und langweilig, schnöden linke Soziologen. Es fehle ihr das Weltumstürzlerische, der revolutionäre Esprit. Einige sprechen bereits von einer "Zombie-Generation", die da heranwachse. Einer Generation, die, seelenlos und geschichtsvergessen, nach Anerkennung und Liebe lechzend, durchs Leben schlafwandle.

Die Gleichung "Junge revoltieren, Erwachsene nehmen Forderung auf" funktioniert nicht mehr. Was aber heißt das? Wohin werden die heutigen Twens die Schweiz führen?

Um dies herauszufinden, baten wir die junge Viererrunde zum Gespräch. Geboren zwischen 1993 und 1996, gehören sie zur sogenannten Generation Y. Einer Generation, die den Mauerfall nicht bewusst erlebte, die erstmals am 11. September 2001 von der Weltgeschichte berührt wurde und die bereits mit Handy, aber noch ohne Smartphone aufwuchs.

Es ist 19 Uhr, pünktlich trudeln Poffa, Bannwart, Paduga und Mäder ein. Sie begrüßen sich. Der Kellner kommt. Sie bestellen Rivella rot und Mineralwasser, mit und ohne.

DIE ZEIT: Was wollen Sie in Ihrem Leben erreichen?

Sina Poffa: Irgendwann möchte ich Eigentum besitzen. Ob Haus oder Wohnung ist mir egal. Das muss nicht einmal riesig sein, sollte aber dafür reichen, was ich dann brauchen werde für meine Familie.

Cristine Paduga: Ich strebe nach oben. Wirklich nach oben. Ich will reich werden. Das kommt vielleicht daher, weil ich von unten komme. Ich bin auf den Philippinen geboren und kam erst mit acht Jahren mit meiner Mutter in die Schweiz. Deshalb wollte ich auch den Gymer machen und studieren. Leider bin ich dann rausgeflogen.

ZEIT: Was erhoffen Sie sich vom vielen Geld?

Paduga: Ich will das nicht aus Geldgier, sondern wegen der Sicherheit – und weil ich meinen Kindern mal etwas weitergeben möchte.

ZEIT: Macht Geld glücklich?

Paduga: Ich weiß nicht, ob man das sagen darf ... ja, ich finde schon.

Lukas Golder arbeitet beim Forschungsinstitut GfS Bern. Der Sozialwissenschaftler fühlt seit 2010 alljährlich der Schweizer Jugend den Puls. Das Jugendbarometer im Auftrag der Großbank Credit Suisse ist eine der wenigen Jugendstudien. Dazu befragt das Institut rund 1000 Frauen und Männer zwischen 16 und 25 Jahren. Fragt man Golder selber, wie er die hiesige Jugend beschreiben würde, so vergleicht er sie mit einem Schlagerfan: "Das ist ein glücklicher Mensch, der zufrieden mit der heilen Welt ist und nicht nach Veränderungen strebt."

Simon Mäder: Ich habe halt so den Standardtraum: ein Haus, Familie, vielleicht doch mal ein Auto, Ferien ...

ZEIT: ... eine Familie ist Ihr Traum?

Mäder: Ja.

Paduga: Eine Familie braucht es, um glücklich zu sein.

Robin Bannwart: Wenn es sich ergibt, dann ja. Aber mir ist meine Flexibilität noch sehr wichtig, ich reise sehr gerne, bin sehr sprachinteressiert. Dafür ist mir Geld auch sehr wichtig. Es gibt Leute, die total Freude daran haben, große Zahlen auf ihrem Konto zu sehen. Für mich ist es wichtiger, wenn ich sagen kann: Hey, das ist zehnmal Japan!

Vier junge Schweizer: Die Welt läge ihnen zu Füßen, aber sie basteln im Geist bereits an ihrer Wagenburg. Wie geht das zusammen?

"Das ist eine stille Revolution gegen das Anything-goes der 68er", sagt Politologe Golder. Die kleinbürgerlichen Werte feiern jedoch nicht nur unter den Jungen ein Comeback. Golder und sein GfS-Team befragen jedes Jahr auch die älteren Schweizer nach ihrem Wohlbefinden. Im Vergleich mit dem Ausland suchen die Schweizer besonders ausgeprägt Halt in der Familie. Sie streben vor allen anderen Dingen – nach Zufriedenheit.

Mäder: Freizeit ist für mich das Allerwichtigste: meine Beziehung und meine Band. Wir nehmen Alben auf, gehen bald auf Schweizer Tournee. Aber leben werde ich davon nie können.

ZEIT: Was machen Sie für Musik?

Mäder: Deathcore.

Alle: Alle: (Gelächter)

Poffa: Ich tanze enorm gern und hätte mit acht Jahren den Weg in Richtung Profitänzerin einschlagen können. Ich mochte aber mein Hobby nicht zum Beruf machen. Als Tänzerin verdient man fast nichts, muss jeden Rappen zweimal umdrehen. Aber in der Schweiz sind wir einen ganz anderen Lebensstandard gewöhnt.