Gott muss LSD genommen haben. Am siebenten Tage der Schöpfung schmiss er gen Abend eine Handvoll Trips ein und stellte dann, zur späten Stunde, noch das Ennedi hin.

Mein lieber Herr Gesangsverein. Man möchte körbeweise Adjektive in die Gegend werfen, grandios, überwältigend, atemberaubend, ehrfurchtgebietend, wahnwitzig; die Felsen aber zucken nur mit den Schultern und fragen: Wie, das ist alles, mehr fällt dir nicht ein? Denn die Felsen haben Schultern. Gesichter, schwere Köpfe auf eleganten Hälsen. Mal stehen sie dicht gedrängt, wie Giganten in militärischer Aufstellung, dann wieder finden sie zu lässigen Grüppchen zusammen, mutmaßlich vertieft in einen Small Talk über die Ewigkeit.

Wir sind durch ein schier endloses Labyrinth mäandert. Als wir hinaustreten ins Offene, die Felsen schon zornesrot im Abendlicht, blicken wir eine Chaussee aus Sand entlang, die gesäumt ist von derart wuchtigen Steintürmen, man muss notgedrungen daran irre werden. Weil es mir angebracht scheint, lasse ich mich rücklings zu Boden sinken und liege prompt in einem halben Hundert Cram-Crams, aber wen stört das schon? Mein Gott, sage oder hauche ich, ich hatte ja keine Ahnung. Das steht hier alles einfach so rum, und keiner bestaunt es.

Fast keiner. Wir schon, ein Dutzend Trekking-Touristen, unterwegs im Nordosten des Tschads. Hamit, der Reiseleiter, reicht mir die Hand, holt mich auf die Beine und schabt mit seinem Messer die Cram-Crams, widerwärtige kleine Distelkletten, von meiner Hose. Währenddessen bringt er mir das französische Wort für "überwältigend" bei, ich ihm das englische. Die letzten Sonnenstrahlen feiern ein ganz großes Fest auf all dem irrerodierten Gestein.

Aber wer hätte diese psychedelische Eskapade der Geologie auch bestaunen können, ist doch der Tschad seit seiner Unabhängigkeit vom Kolonialherren Frankreich 1960 kaum zur Ruhe gekommen: Diktatur, Militärputsch, Rebellion, ethnische Konflikte, nahezu ununterbrochene Bürgerkriege mit bis zu einem Dutzend beteiligter Gruppierungen und begleitenden Invasionen durch Libyen; herüberschwappende Konflikte aus den Nachbarstaaten Sudan, Niger, Nigeria, aktuell aus der Zentralafrikanischen Republik. Ein Land, mehr als dreieinhalbmal so groß wie Deutschland, Sahara im Norden, mittig Sahel, im Süden Feuchtsavannen – und mehr oder weniger No-go-Area seit einem halben Jahrhundert.

Gelegentlich wandern wir an wüstengeschliffenen Kadavern libyscher Panzer vorbei. Ein Spraydosen-OK auf den Rümpfen signalisiert die Entschärfung von Munition, Minen, den Granaten, die neben Kamelknochen und Kalaschnikow-Magazinen im Sand liegen. Kriegsgerät im Wert von einer Milliarde Dollar soll Gaddafi in den achtziger Jahren hier im Saharasand versenkt haben. Weder seine demotivierten Soldaten noch seine schweren Panzer waren letztlich den wendigen Wüstenkriegern des nördlichen Tschads gewachsen; bevor so ein Panzer auch nur seinen Geschützturm drehte, hatten die Geländewagentrupps ihn längst ausgetrickst. Von den "Toyota-Wars" spricht die Geschichtsschreibung.

Seit ein paar Jahren hat sich die innenpolitische Lage stabilisiert. Und doch gelten Teilgebiete des Tschads derzeit wieder als unsicher. Point Afrique, ein mit Chuzpe und ethischem Anspruch betriebenes Alternativtouristik-Unternehmen aus Frankreich, hält allerdings weiterhin an seinem Trekking-Programm im Ennedi fest.

Wir landen quasi mitten in der Wüste, in Faya Largeau, einer Oasenstadt im Norden. Knapp 15.000 Seelen, niedrige Lehmbauten, Straßen aus Saharasand. Hier übernachten wir bei Familien, die Basthütten in ihre Höfe gestellt haben und sich mit Halbpension ein Zubrot verdienen; Point Afrique legt Logistik, Leitung und Betreuung der Exkursionen so weit wie möglich in einheimische Hände. Unser Reiseleiter Hamit und sein Team gehören zum saharischen Stamm der Tubu. Sehr souverän und mit viel Sinn für ironisches Geplänkel hält die Mannschaft ihre übernächtigten Schäfchen zusammen. Beim Zug durch die Gassen des Städtchens, über die bescheidenen Basare, über den Viehmarkt mit seinem Gewimmel aus Kamelen, Ziegen und Männern mit weißen Turbanen, durch die Handwerkerhöfe, in denen Haushaltswaren aus alten Ölfässern gefertigt werden, fällt auf, wie freundlich und locker einem die Menschen begegnen, weder aufdringlich noch abwehrend.

Und dann fahren wir auch schon hinein in den Erg du Djourab, die bilderbuchschöne Sahara-Sandwüste, die es eineinhalb Tage lang zu durchqueren gilt, bevor wir das Ennedi-Plateau erreichen. Nichts als Sand. Und Wind. Wind und Sand. Nichts weiter, nichts sonst. Die Luft so sandgesättigt, am Horizont diffundieren Himmel und Erde unbeaufsichtigt ineinander. Bei jedem Stopp will man nichts anderes als hineinspazieren in diese Maßlosigkeit aus Wind und Sand. Der Wind ist erstaunlich kühl, und er legt all den Sand in makellose Wellenmuster, miniaturisiert mir zu Füßen, getürmt zu Tsunamis mit scharf geschnittenen Graten, in allen feinsinnigen farblichen Nuancen: glühendes Orange, blasses Khaki, sprödes Ocker, grünstichiges Beige, ein irisierendes Gelb wie von radioaktiven Zitronencremeschnitten. Vielleicht kann man all das auch gelassen genießen, ich kann es nicht. ’Tschuldigung, ich muss grad mal die Wüstenspringmaus geben. Nur zu, sagt Hamit, sichtlich erfreut.

Hamit spricht Tubu, Französisch, Arabisch fließend, plus zwei, drei Nachbarstammessprachen (von knapp 200, die im Tschad gesprochen werden). Seit drei Jahren arbeitet er für Point Afrique, seine Frau und seine zweijährige Tochter leben in der Hauptstadt N’Djamena, während der Saison von November bis April sieht er sie nicht.

Irgendwo zwischen all dem Sand, dem Wind, verweht sich die Zeit, wir schaffen es am Ende des Tages nicht ganz bis ans Etappenziel Fada – ihr werdet es Dorf nennen, wir nennen es Stadt, sagt Hamit. Wir schlagen unser Lager im Wüstendunkel auf. Nachtessen bei Feuerschein. Erster Zeltaufbau ohne Tageslicht, und die Tubu, so mahnte schon das Infoschreiben von Point Afrique, verstehen sich nicht als Domestiken. Hilfe zur Selbsthilfe ist jedoch selbstverständlich, und so liegen selbst Nachtblinde und Ungeschickte alsbald so satt und müde auf dem Rücken, wie der Halbmond es vormacht.

Salz-und-Pfeffer-Streuer in Göttergröße

Tubu heißt Felsenmenschen, sie stammen aus dem Tibesti-Gebirge im Nordwesten. Ein Nomadenvolk der Sahara, ähnlich wie die Tuareg, nur ohne deren Mythos und Medienpräsenz. Federführend aber in den Kriegen, die hier lange tobten. Der Tschad ist zerrissen wie viele der Nachbarländer: Im Norden die muslimischen Völker, zumeist einstige Sklavenhändler, im Süden die traditionell Versklavten, christlich-animistisch. Die Regierungsmacht ging mit der Unabhängigkeit an den Süden, die Rebellen der Frolinat rebellierten gegen dessen Dominanz, zersplitterten sich, kämpften teils mit, teils gegen Gaddafi, und wer auch immer in N’Djamena an die Macht kam, herrschte blutig.

Nach dem Zwischenhalt in Fada, der Stadt, dem Dorf, wo wir Wasser aus einem öffentlichen Schlauch in große Kanister tanken, setzen uns die Toyotas am nächsten Morgen im Ennedi aus. Von nun an sind wir vier Tage lang zu Fuß unterwegs.

Ennedi. Felstäler wie die Schluchten Manhattans. In deren Tiefen erhitzt sich die Luft fast zu soliden Blöcken. An den Biegungen des Guelta d’Archeï, eines Canyons, erst Wasserlöcher, dann veritable Teiche, Kamelherden scheinen darüber hinwegzuflimmern. Nähert man sich respektvoll, bewahren sie weitaus würdevollere Gesichtsausdrücke als die Touristen. Wir werden unser Camp unweit vom Guelta aufschlagen, morgen früh um 5.30 Uhr aufstehen, eine Stunde später losmarschieren, in Geröll und wucherndem Fels eine Passhöhe ins Nachbartal überschreiten und uns einen Vorsprung entlangschummeln, bis wir ins andere Ende des Guelta hinabblicken können – auf ein Szenario, dem wir eigentlich nicht gewachsen sind.

Jäh stürzt die Welt ins Bodenlose, die klaffenden Wände spiegeln sich tief unten im Wasser des Canyons, dahinter, weit weg, sind Miniaturkamele auszumachen. Es ist noch nicht mal neun Uhr, und alle Superlative heben bereits bedauernd die Hände und winken ab.

Es ist noch nicht mal zehn Uhr, als wir retour über den Pass in die Ebene hinabgehen. Auf den Felsen zu, sagt Hamit, zeigt ins Ferne, wo man Tafelberge erahnt. Davor gibt es haushohe Felsen zuhauf. Am Horizont zur linken zwei konische Salz-und-Pfeffer-Streuer in Göttergröße, zur rechten ein Kastell, schwebend. Ich laufe hinein in all das, weit voraus, Hamit gibt acht, aber bemuttert nicht. Ich bin froh, hier laufen zu dürfen, im direkten Clinch mit den Dimensionen, ich würd’s sonst womöglich nicht glauben.

Wir wandern ernstlich in diesen Tagen. Wenn Hamit uns morgens um halb sechs weckt, bin ich schon eine halbe Stunde auf den Beinen, um der Wüste beim Aufwachen zuzusehen. Der rückenlägrige Mond ist dann längst verschwunden, die letzten Sterne – und sie sind alle dort draußen, jede Nacht, alle, keiner fehlt – packen ihre Sachen zusammen, unser Lagerfeuer glimmt, während sich Felsnadeln aus der Dämmerung schälen und ein sanftes Allahu Akbar den Tag begrüßt. Dann brechen wir die Zelte ab, packen die Rucksäcke, finden uns ein auf der großen Plastikbastmatte, trinken Instantkaffee und essen frische Crêpes mit Aprikosenmarmelade oder Schmelzkäse. Wüstenfliegen allüberall. Unser Gepäck haben die Kamele übernommen, zwölf soignierte Herrschaften, jeweils ein Reiter führt zwei Lasttiere, wir treffen sie mittags und abends.

Unterdes gehen wir. Acht Stunden am Tag. Wir gehen durch Sand zu erahnten Horizonten, wir gehen durch Geröllwüsten, die sich von hier bis Oberkante Ewigkeit erstrecken, und wenn man gerade die Fassungslosigkeit darüber niedergerungen hat, reißt plötzlich schon wieder ein derart schwindelerregendes Tal direkt zu unseren Füßen auf, dass der Grand Canyon, wüsste er davon, einpackte, sich heim zu Mutti trollte und weinte.

Die Kamelkarawane, bisweilen warten wir in einem Wadi auf sie, bisweilen erscheint sie plötzlich, schwebt über die leere Ebene von rechts nach links, zieht vorbei, ist fort. Silas, unser Koch, so sanft, klug und irritierend wie eine Katze, reitet mit ihr, serviert uns dann mittags Dosensalate, die schmecken wie frisch geerntet, und zum Dinner große Feldküchen-Cuisine. Wir bringen einander gegenseitig französische und englische Vokabeln bei, und ich kann natürlich längst "danke" auf Tubu sagen.

Es gibt schließlich ausreichend Gelegenheit dazu. Wenn mir Hamit die Cram-Crams vom Hosenboden bürstet. Wenn uns das für Westler naturgemäß nur mit Mikropur trinkbare "gute" Wasser ausgeht, wir nur noch Wasser mit circa 95 Oktan aus einem Ex-Benzinkanister haben, das so schmeckt, als setzte man einen Toyota-Tank für einen tiefen Schluck an – und Hamit und Silas dies fürsorglich zu beheben versuchen, indem sie für uns aus ihrer Familienpackung Chlor ein großzügiges Pfund ins Wasser kippen, was dann schmeckt wie ein Chemieunfall mit 95 Oktan. Dass wir’s nun erst recht nicht runterkriegen, verstehen sie nicht. So begreift man mal wieder, wie wenige von uns Menschen eigentlich Zugang zu sauberem Wasser haben.

Am letzten Wandertag müssen wir also auf schmackhafte Flüssigkeit verzichten, dafür fährt die Landschaft noch mal alles auf. Wir toben Sandhänge hinunter, an deren Ende sich eine Weite erstreckt, kein Wunder, dass die Götter sie als Spielplatz nutzen und überall ihre steinernen Flausen darauf verteilen: Von Stonehenge-Variationen über Osterinsel-Skulpturen bis zur kompletten Lustschloss-Replik ist alles dabei. Und nach dieser letzten Überdosis an Fantastik sind es plötzlich eher die Toyotas, am Abend treffen wir sie wieder, die irreal wirken.

Und so sind wir durch den Erg zurückgefahren nach Faya Largeau, haben ein letztes Camp in der Umarmung einer Düne aufgeschlagen, unsere Russin spielte ein paar schreckliche Chart-Hits auf dem iPhone und tanzte. Dann holte Hamit sein Handy, konterte mit Tschad-Pop, bei denen der Bandleader Soli auf getretener Katze zu intonieren schien, und wir tanzten alle miteinander auf der Matte vor dem Zelt, Chad style.

Am nächsten Tag brach bei einem der Toyotas irgendwas am Chassis, wir luden alles ab und jeden um, steckten nunmehr wie Dosensardinen im Wagen und versackten prompt wegen Übergewicht im Sand. Ist es nicht das, was man will von der Sahara? Wir schaufelten die Räder ein wenig frei, aber der Sand, der Sand war überall. Und dann stemmten wir alle alles, was wir hatten, unsere Schultern, Beine, Körper, Seelchen, gegen den Toyota, gegen den Sand, gegen den Wind, bis die Muskeln zitterten, die Lunge japste und die gottverdammten Reifen des gottverdammten Wagens griffen. Ihr habt Sahara gebucht, sagte Hamit, wir berechnen das deshalb nicht extra. Und gewiss, ich hätte mich bei der Reiseleitung beschwert, hätten wir uns nicht im Saharasand festgefahren. Der Sand. Er wird daheim noch Tage später unvermittelt aus meiner Brieftasche, aus meiner Hosentasche rieseln, in hübschen, angedeuteten Miniaturdünen.