Wer als Geiger auf einer Stradivari von 1690 spielen darf, die einst dem legendären Violinvirtuosen und -pädagogen Leopold Auer gehörte, läuft Gefahr, mehr über das (geliebte) Instrument reden zu müssen als über die Musik. Vadim Gluzman nervt das inzwischen. Schließlich lebt er nach der Maxime, dass man als Interpret zurückzutreten habe hinter dem "Päckchen" Musik, das man dem Publikum überreicht. Diese Einsicht, so erklärt er, sei auch das beste Mittel gegen Lampenfieber, diesem zwar "sehr menschlichen Phänomen", das in Wahrheit aber viel mit Selbstüberschätzung zu tun habe. Denn wenn man einmal verstanden habe, dass am Ende eines Abends "nur zählt, ob dieses Päckchen angekommen ist oder nicht, ganz egal, wer es überbracht hat", sei alles – zumindest theoretisch – leichter.

Das könnte kokett klingen, wie eine Nabelschau künstlerischer Bescheidenheit, käme es nicht aus dem Mund dieses so erfrischend uneitel und selbstironisch formulierenden ukrainisch-israelischen Musikers, der ein wenig aussieht wie der junge David Oistrach. "Wenn ich meinen Geigenkasten öffne, blicken mich als Erstes Fotos von Oistrach und Henryk Szeryng an", bekennt Gluzman prompt. "Das ist meine musikalische Heimat, aber ich habe mich doch sehr verändert." Tatsächlich beschwört sein voller, in sich pulsierender Geigenton auf verblüffende Weise das Goldene Zeitalter des 19. und 20. Jahrhundert herauf. Man könnte in pure Nostalgie versinken, wenn man hört, wie er auf seiner Geige singt und flötet und sie allen Nuancen der menschlichen Stimme anverwandelt. Mit welcher zarten Insistenz er in die verborgensten Seelenschichten von Tschaikowskys Violinkonzert vordringen kann, indem er die Canzonetta zu einem sich im Innersten aussprechenden Stück Kammermusik verklärt. Das hat einen musikalischen Ernst, vor dem man in die Knie sinken möchte.

Ist Vadim Gluzman ein verspäteter Romantiker? Keinesfalls, wenn man Romantik mit Sentimentalität verwechselt; zweifellos, wenn man darunter jene besessene Wahrheitssuche versteht, die von Baudelaires Mon cœur mis à nu über Arnold Schönbergs Herzgewächsen bis zu einigen Kompositionen der Gegenwart reicht. Den Austausch mit vornehmlich russisch geprägten Komponisten wie Lera Auerbach, Sofia Gubaidulina oder Pēteris Vasks empfindet Gluzman als Privileg. Am liebsten würde er auch Beethoven und andere Klassiker zu seinen Werken befragen. "Es ist noch nicht so lange her, dass ich es gewagt habe, Bach aufzunehmen", erzählt er. Die Wende kam, als er sich mit Gubaidulinas Violinkonzert Offertorium auseinandersetzte. "Da habe ich gemerkt, dass ich mit Oistrach nicht mehr übereinstimme. Früher habe ich mich ausgedrückt, indem ich Bachs Artikulation verändert habe. Jetzt muss ich mich in Bach wiederfinden und nicht Bach in mir." Die feinen Tempo- und Agogikfreiheiten, die er sich in seinen Interpretationen der zweiten und dritten Bach-Partita erlaubt, erwachsen so zwingend aus der musikalischen Struktur, als wäre diese Musik im Moment des Spielens gerade erfunden worden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Selbstüberschätzung war das Letzte, was sich der junge Vadim als Schüler der Musikspezialschule in Riga und in der Geigenklasse des berühmten Zakhar Bron (der in den achtziger Jahren noch in Nowosibirsk unterrichtete) leisten konnte. Doch dies ist so ziemlich der einzige Vorzug, den Gluzman dem auf Drill und Demütigung fußenden sowjetischen Ausbildungsstil, der weder Fragen noch Individualität dulde, heute zugesteht. Als er vor ein paar Jahren bei einem Geburtstagskonzert für seinen ersten Lehrer, Roman Šnē, aus dessen Mund zum allerersten Mal ein Lob zu hören bekam, wurden ihm vor Schreck die Knie weich. Das Lob bestand aus zwei tonlosen Worten: "Heute gut." Immerhin seien diejenigen, die diese Schule nicht gebrochen hätte, "aus einem anderen Holz geschnitzt. Indem wir lernen mussten, uns zu distanzieren, wurden wir stärker."

1973 in der Ukraine als Sohn eines Dirigenten und einer Musikwissenschaftlerin geboren, entwickelte der kleine Vadim viel Fantasie, nicht üben zu müssen, ohne dass dies aufflog. So malte er sich Saitenabdrücke auf die Fingerkuppen oder rieb sich das Kinn mit Sandpapier wund – und las lieber ein Buch oder setzte sich vor den Fernseher. Beim rabiaten Versuch, diesen mit Wasser abzukühlen, bevor die Eltern nach Hause kamen, ist das Gerät dann auch einmal explodiert. Begonnen hat er mit dem Geigenspiel erst als Siebenjähriger, also spät. Dass man "mit drei anfangen und mit fünf wie Paganini spielen müsse", um ein Profi zu werden, hält er für einen Mythos – und liefert mit seiner stupenden Virtuosität selbst den besten Beweis dafür. Freilich hat Gluzman, was er in Kinderjahren versäumt haben mag, später durch sein begieriges Studium – in Israel bei Yair Kless, in den USA bei Arkady Fomin, Dorothy DeLay und Masao Kawasaki – wieder wettgemacht.

Die faszinierende Mischung aus Bescheidenheit und Pragmatismus, Besessenheit und Unbeirrbarkeit, die Gluzman ausstrahlt, muss es gewesen sein, die eine folgenreiche Begegnung mit Isaac Stern in Jerusalem ermöglichte, nachdem die Familie 1990 aus der Sowjetunion nach Israel emigriert war. Stern lief zufällig vorbei, als Gluzman in der Lobby des Jerusalem Music Center stand und die Sekretärin davon zu überzeugen versuchte, ihn zum Vorspiel bei Stern zuzulassen, obwohl er nicht auf der Anmeldeliste stand. Aus fünf Minuten, die Stern dem Sechzehnjährigen spontan zugestand, wurde eine zweistündige Unterrichtsstunde. Als Gluzman wieder hinausging, hatte er eine neue Violine, ein Stipendium, einen berühmten Mentor und ein Zigarettenetui.

Dennoch war über ihm gerade der "Himmel zusammengebrochen". Denn Stern hatte ihm aufgetragen, künftig Haydn-Quartette zu studieren. Kammermusik galt in der sowjetischen Ausbildung als Auffangbecken für hoffnungslose Fälle, als Versagermusik, wenn man so will. Mittlerweile zählt sie zu Gluzmans absoluten Leidenschaften, in Chicago hat er sogar ein eigenes Festival dafür gegründet. Seine feste Kammermusikpartnerin, die Pianistin Angela Yoffe, ist zugleich seine Ehefrau. In den USA, Israel, Frankreich und England wird Gluzman, der 1994 den Henryk Szeryng Award erhielt, längst als einer der vielversprechendsten Geiger seiner Generation gefeiert. Seine bei dem skandinavischen Label Bis erscheinenden CDs sind zum Teil mehrfach preisgekrönt worden.

In Deutschland hingegen gilt Vadim Gluzman noch als Geheimtipp. Das dürfte sich ändern, wenn er am heutigen Donnerstag mit Prokofjews 2. Violinkonzert sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gibt. Gluzmans Weg an die Spitze mag bedächtiger gewesen sein als der manch anderen Musikers – dafür aber traut man diesem Geiger zu, dass er sich dort oben auch hält.