Man könnte diesen Film mühelos in zehn, zwanzig einzelne Szenen zerlegen. Jeder dieser Splitter würde wie ein in sich geschlossener Kurzfilm funktionieren, und in jedem würde man die Meisterschaft des Regisseurs Nuri Bilge Ceylan erkennen, die seltsame Schönheit und diskursive Kraft seines in türkischen Landschaften und Stadtlandschaften verankerten Kinos.

Zum wohl bedeutendsten Regisseur seines Landes wurde Ceylan mit Filmen über zwei Schichten und Lebensformen, die nebeneinander existieren, ohne einander zu berühren, geschweige denn zu verstehen: hier die türkische Landbevölkerung, religiös und der Tradition verbunden, dort ein in der säkularen Moderne lebendes gebildetes Bürgertum. Auch in seinem neuen Film Winterschlaf, der in der bizarren Tuffsteinlandschaft von Kappadokien spielt und in diesem Jahr die Goldene Palme von Cannes gewann, gibt es diese einander fremden und sich immer weiter entfremdenden Welten: In einem Höhlenhotel, das der Familie gehört, verbringen der etwa sechzigjährige ehemalige Theaterstar Aydin (Haluk Bilginer), seine geschiedene Schwester Necla und seine wesentlich jüngere Ehefrau Nihal den Winter. Aydin schreibt Kolumnen für eine kleine Provinzzeitung, seine Frau nutzt die Räume des Hotels für Wohltätigkeitsveranstaltungen, seine Schwester analysiert die eigene Verbitterung. Es ist eine Lebensform, die sich selbst überlebt hat, und Anton Tschechow, von dessen Kurzgeschichten sich Ceylan inspirieren ließ, scheint über den Bildern zu schweben.

Das einfache Volk tritt in Form von Dienstpersonal und zahlungsunfähigen Mietern auf. Wenn Aydin vor dem Häuschen einer Familie vorfährt, die ihm Geld schuldet, hält er es nicht einmal für nötig, den Jeep zu verlassen. Eine kaum merkliche Anspannung liegt in der Luft.

Als der kleine Sohn der Schuldnerfamilie die Scheibe des Jeeps mit einem Stein zertrümmert, entsteht für einen Moment der Eindruck, eine unsichtbare Wand sei zerschlagen worden: Der Onkel des Jungen, ein Imam, versucht auf unterwürfige Weise zu vermitteln zwischen dem verzweifelten Stolz des Kindes und Aydins achselzuckender Arroganz. Es gibt Besuche, Gespräche, Entschuldigungen, immerhin eine Art Kontakt. Aber je mehr die Beteiligten miteinander reden, desto weniger haben sie sich zu sagen.

In diesem Film, in dem mehr als je zuvor bei Nuri Bilge Ceylan geredet wird, gehört die Sprache den Intellektuellen. Aydin, Necla und Nihal benutzen sie, um einander den Prozess zu machen. Mit Plädoyers, Verhören, Verteidigungsreden. Sie sezieren Schuld und Versagen, durchbrechen die mangelnde Deckung des anderen. Ihren Nachhall entwickeln diese gnadenlosen Dialoge in den Aufnahmen der kargen Winterlandschaft. Und in der Ruhe, die sich der Regisseur lässt. Manchmal wirkt Winterschlaf wie eine Sinfonie des Stillstands, deren einzelne Sätze von Franz Schuberts Klaviersonate in A-Dur markiert werden.

Und so ist dieser Film weit mehr als ein Sozialpanorama. Auch mehr als das türkische Gesellschafts- oder Sittenbild, das man leichthin in seinen Bildern sehen könnte. Der Film ist ein großes Tableau menschlicher Lethargie und Fehlbarkeit. Nuri Bilge Ceylan zeigt, wie gefangen seine aufgeklärten, wohlhabenden Helden in sich selbst sind und wie verloren in ihren letztlich schütteren Weltbildern. In seiner perfekten Lichtregie erscheinen sie wie Stillleben ihrer selbst. Ihre Melancholie oder auch komfortable Lethargie wird entzaubert, weil Winterschlaf zeigt, worauf sie beruht: auf der vollkommen selbstverständlichen, geradezu naturhaften Ausbeutung der anderen. So hilflos wie entschlossen versucht Aydins junge Frau, ihr schlechtes Gewissen zu bekämpfen, indem sie Geld für die Instandsetzung von Dorfschulen sammelt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

In einer großartigen Szene entspinnt sich ein Streit zwischen Aydin und seiner Schwester. Die Schwester liegt träge auf dem Sofa, während ihr Bruder im Vordergrund am Schreibtisch sitzt. Draußen pfeift der Wind, und drinnen, im warmen Schein der Messinglampen, entwickelt sich, bald gereizt und mit kleinen Pausen, ein Gespräch. Es geht um die Kolumne, die der Bruder gerade schreibt und aus der er der Schwester einige Zeilen vorliest. Der Text mokiert sich über den Imam, seine angeblich scheinheilige Religiosität. Die Schwester erkennt sofort die Grundhaltung hinter den Zeilen: einen alternden Künstler, der sich selbst abhandengekommen ist und dies letztlich anderen zum Vorwurf macht. Was könne er, der Nihilist, schon groß von der Religion wissen, wenn er nie das Grab seiner Eltern besuche, hält sie dem Bruder vor. Er wiederum bezichtigt sie, ihre Frustration und Einsamkeit auf andere zu übertragen.

In der nächsten Szene, einer Totalen, sieht man Aydin am Grab der Eltern sitzen. Was mag er denken? Auch dies macht die Größe von Nuri Bilge Ceylans Film aus: Er nimmt nicht Partei, er wahrt Abstand, er lässt den Figuren ihre Schwächen und Stärken, ihre Verletzlichkeit und ihre Ratlosigkeit, auch sich selbst gegenüber.

Die Sprachlosigkeit, die der Film verhandelt, ist keine soziale, sondern eine tragische. Die Einsamkeit der Figuren ist nicht individuell, sondern existenziell. Und der titelgebende Winter, auch das gewahrt man bewundernd und erschauernd, ist viel mehr als eine Jahreszeit. Nuri Bilge Ceylan zeigt den Schnee, der auf den Seelen liegt.

Einmal, nach einer durchzechten Nacht, sieht man Aydin und eine Handvoll Freunde auf einem Jagdausflug. Genauer: Man sieht, wie sie, Gewehre in der Hand, durch die gefrorene Schneeoberfläche brechen und – immer noch leicht torkelnd – bei jedem Schritt mit den Füßen im pulverigen Nichts versinken. Zumindest im Blick eines großen Cineasten kann unsere Verlorenheit auch ziemlich komisch sein.

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