Selbstversuch. "Wie sieht Ihr Alltag aus?", fragt die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung. Ich antworte: "Wecker um halb acht, Dusche, Kaffee und Zeitung, ins Büro, recherchieren, schreiben, abends joggen oder Türkisch-Kurs oder Kino." Die Stimme stellt weitere Fragen. Und ich antworte, exakt 1.447 Wörter. Mein Gesprächspartner zählt mit. Das fällt ihm nicht schwer, er ist ein Computer. Anhand der 1.447 Wörter soll er meine Persönlichkeit erkennen.

Der Computer steht bei der Firma Psyware in Aachen. Er gehört zu einer ganz neuen Generation von Maschinen. Sie können aus Wörtern mehr herauslesen als der Mensch. Die Software analysiert nicht den Inhalt des Telefonats. Wann ich dusche, interessiert sie nicht im Geringsten. Sie untersucht aber, welche Wörter ich wie oft benutze und in welcher Weise ich sie aneinanderreihe. Welche Pronomen verwende ich, welche Fragewörter, Adverbien, Konjunktionen und wie viele Negationen? Aus all den winzigen Wörtern setzt sie ein Bild meiner Persönlichkeit zusammen.

Aus Worten geheime Gedanken und Botschaften herauszulesen, reizt die Menschen seit je. Sigmund Freud suchte unter dem oberflächlichen Sinn der Worte stets nach tieferer Erkenntnis; der "Freudsche Versprecher" gehört längst zur Folklore. "Wenn wir etwas darüber erfahren wollen, wie sich Menschen im Alltag verhalten, dann müssen wir untersuchen, wie sie sprechen", sagt auch der Psychologe Matthias Mehl von der University of Arizona. Er und seine Kollegen verfolgen nun eine neue Strategie: Sie analysieren nicht mehr, was wir sagen – sondern wie wir es tun. "Der Inhalt ist meist durch die Gesprächssituation schon festgelegt", sagt Mehl. "Psychologisch gesehen ist er langweilig."

Pionier der automatischen Sprachanalyse ist der klinische Psychologe James Pennebaker von der University of Texas. Er hatte in den achtziger Jahren wissen wollen, wann es Menschen besonders hilft, traumatische Erlebnisse aufzuschreiben, ob also eine bestimmte Art des Schreibens mehr Erleichterung bringt als andere. Einigen Patienten ging es später schlechter, anderen besser, doch im Inhalt der Aufsätze spiegelte sich das nicht.

Dann kamen Pennebaker und sein Doktorand Sherlock Campbell auf eine andere Idee: Was, wenn die Wahrheit nicht in den inhaltsschweren Worten läge, sondern in unscheinbaren Wörtern und Wörtchen? Nun ließen die Psychologen ein Computerprogramm Pronomen, Artikel, Präpositionen, Negationen, Konjunktionen zählen. Und stießen auf Gold: "Das Ergebnis war atemberaubend", sagt Pennebaker. Je stärker die Patienten von Text zu Text die Personalpronomen variierten – von ich zu er, sie oder wir –, desto besser ging es ihnen später. Sie wechselten offenbar die Perspektive, und das half ihnen dabei, ihr Trauma zu überwinden. Pennebaker: "Alles, was ich über Worte zu wissen geglaubt hatte, war falsch."

Die Erkenntnisse, die dieser neue Blick auf die kleinsten Wörter verspricht, faszinieren – und irritieren: Ohnehin sind wir in Sorge, permanent analysiert und durchleuchtet zu werden. Und jetzt soll das nicht nur für den Inhalt unserer Telefonate, Mails, SMS und Tweets gelten – sondern auch für die heimlichen Botschaften unserer Pronomen, Artikel und Konjunktionen? Ausgerechnet das, was die Methode so spannend macht, macht sie auch so heikel: Sie ermöglicht die Analyse ungeheurer Textmengen. Und sie nimmt dabei Wörter unter die Lupe, deren Gebrauch wir nicht bewusst steuern. Darum interessieren sich für die Ergebnisse nicht nur Sprachforscher – sondern auch Geheimdienste.

Inzwischen gibt es auch eine deutsche Version von Pennebakers Programm, und Wissenschaftler nutzen die quantitativen Analysen für immer neue Fragestellungen. Sie haben Spuren in unserer Sprache gefunden, die sie zu unserer Identität und Persönlichkeit führen, ja sogar verraten, ob wir lügen und wen wir lieben. Sie fahnden in der Redeweise von Patienten nach Indizien für die Wirkung einer Psychotherapie und in der Sprache von Forschern nach verräterischen Anzeichen dafür, dass sie betrogen haben.

Die meisten von uns unterschätzen das Treiben der kleinen Wörter: Sagen Frauen häufiger ich oder Männer? James Pennebaker liebt es, seine Zuhörer mit solchen Fragen zu testen. "Regelmäßig tippen die Leute auf das Falsche", sagt er. Die meisten glauben nämlich, Männer sagten häufiger ich. Tatsächlich aber sind es die Frauen. Der Psychologe erklärt das so: Pronomen zeigen an, worauf jemand seine Aufmerksamkeit richtet. Und Frauen beschäftigten sich mehr mit sich selbst als Männer. "Unser Hirn verarbeitet Funktionswörter extrem schnell und effizient", sagt Pennebaker, "und meist unbewusst." Deshalb braucht es Maschinen, um den kleinen Verrätern auf die Schliche zu kommen – statistisch gesehen, sind sie weit treffsicherer als Menschen.

Pennebaker und seine Kollegen sind zu regelrechten Wortdetektiven geworden: Sie nahmen 25.000 Aufsätze von Studenten unter die Lupe, 100.000 Blogeinträge, dazu Reden von Politikern, SMS von Verliebten, Aussagen von Zeugen, die Mitschnitte der Gespräche zwischen Ex-Präsident Richard Nixon und seinen Mitarbeitern im Weißen Haus und die Videobotschaften von Osama bin Laden.

So haben sie Dutzende von unbewussten Mustern aufgespürt: Männer benutzen öfter die bestimmten Artikel der, die, das. Weil sie häufiger über Dinge und Fakten redeten, meint Pennebaker; deshalb verwendeten sie mehr konkrete Substantive, die wiederum einen Artikel erfordern. Jüngere Menschen benutzen mehr Personalpronomen (ich, er) und Hilfsverben (können, müssen), ältere mehr Artikel und Präpositionen (in, auf). Weil sich im Laufe des Lebens der Fokus verschiebe, von der eigenen Person hin zu den Dingen, die uns umgeben. Menschen mit niedrigem sozialen Status sagen, ganz entgegen unserer Intuition, weit häufiger ich als die Mächtigen. Weil, so erklären es sich die Forscher, sie mehr mit sich selbst beschäftigt seien und weniger Gelegenheit hätten, Weisungen zu erteilen – die mit du oder Sie anfangen.