Vor einigen Monaten habe ich mich dazu entschlossen, mein Erspartes an der Börse anzulegen. Seitdem beobachte ich die Kurse einiger Aktien sowie von Fonds, die einen Index wie den Deutschen Aktienindex, den Dax*, nachbilden und an der Börse gehandelt werden. Mein Plan ist wohl der jedes Anlegers: wenn kaufen, dann günstig. Doch das bringt mich in unerwartete innere Konflikte.

Gute Gelegenheiten gab es in den vergangenen Monaten einige: Der Terror in Nahost, der Konflikt um die Ukraine, die Ausbreitung von Ebola – abgesehen von den Zinsentscheidungen der Europäischen Zentralbank waren es 2014 vor allem die großen internationalen Krisen, die den Dax bewegt haben, und zwar nach unten. Angst ließ die Börsen immer wieder im Minus schließen.

Jede schlechte Nachricht lässt die Kurse vieler Aktien fallen und bringt mich meinem Kauf etwas näher. Doch bisher habe ich stets gezögert. Mir kamen Fragen in den Sinn, die mich irritiert, teils sogar beschämt haben. Soll ich zuschlagen, oder besteht die Chance, dass die Krise um den sogenannten "Islamischen Staat" weiter eskaliert und ich Aktien noch günstiger kaufen kann? Breitet sich Ebola weiter aus, ist es günstig, wenn ich warte? Solche Überlegungen empfinde ich als verstörend. Klar, sobald ich Aktien besitze, werde ich auf gute Nachrichten hoffen. Doch der Zwiespalt bleibt: Darf ich von etwas profitieren, unter dem andere Menschen leiden?

Anruf bei Georg von Wallwitz. Er ist Manager eines Investmentfonds, hat Philosophie und Mathematik studiert. Meine Frage, ob man auf schlechte Nachrichten hoffen darf, um ein gutes Geschäft zu machen, stößt bei ihm auf Widerspruch. Er sieht es so: An der Börse wetten Aktienhändler gegen andere Aktienhändler. Sie streiten darüber, welchen Einfluss bestimmte Ereignisse auf Konjunktur und Unternehmen haben. Häufig geht es um Entscheidungen von Unternehmen, aber natürlich können auch politische Ereignisse eine Rolle spielen, zum Beispiel wenn sie Einfluss auf Absatzmärkte haben. Etwa wenn deutsche Maschinenbauer wegen der Sanktionen nicht mehr nach Russland liefern dürfen. "Als Aktienkäufer hat man auf solche Ereignisse aber keinen Einfluss", sagt von Wallwitz. Deshalb gebe es keinen Grund, sich schuldig zu fühlen, selbst wenn man von der Situation profitiere. "Schuld setzt Verursachung voraus", sagt er, und die sei in solchen Fällen nicht gegeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Einfluss auf politische Krisen hat eine Kleinanlegerin wie ich nicht, das stimmt wohl. Doch sehen andere Anleger auch ein Dilemma? In Onlineforen und Blogs finde ich ungefilterte Meinungen. Mein erster Eindruck: Börse und Moral ist kein Thema für die Masse, aber es gibt Debatten. Einige Händler diskutieren, ob es ethisch vertretbar ist, finanziell von Krisen zu profitieren. Meist lautet ihre Antwort, dass man strikt trennen solle zwischen dem Mitleid mit Menschen in Krisengebieten und der eigenen Geldanlage. Als Händler müsse man einen "kühlen Kopf" bewahren. Das ist ernüchternd. Schon kontroverser wird debattiert, ob man Aktien von Rüstungsfirmen kaufen darf. Immerhin hängt der eigene Nutzen dann deutlich direkter von Entwicklungen ab, die mit dem Tod vieler Menschen einhergehen können.

Ja, sagt Georg von Wallwitz, für ihn gebe es Grenzen. Aktien von Rüstungsfirmen schließt er aus, weil er diesen kein Geld bereitstellen will. Auch Wetten auf die Preise von Lebensmitteln, etwa von Weizen, kommen für ihn nicht infrage, weil dort in seinen Augen die Gefahr besteht, den Preis für Lebensmittel nach oben zu treiben und das Leben von Millionen Menschen in armen Ländern negativ zu beeinflussen. Muss man für solch ethische Überlegungen auf Rendite verzichten? "Nein, es gibt genügend andere Möglichkeiten zu investieren", sagt von Wallwitz.

Vielleicht muss man seine Gefühle ignorieren, wenn man am Aktienmarkt erfolgreich sein will.

Nachfrage bei Fidel Helmer, dem Chefhändler der Privatbank Hauck & Aufhäuser. Seit 45 Jahren kauft und verkauft er Aktien. Für ihn ist an der Börse kein Platz für Emotionen. "Natürlich bewegen mich persönlich Nachrichten über Massenentlassungen oder Flüchtlingsdramen", sagt er, aber ein Profi bewerte solche Nachrichten danach, ob sie gut oder schlecht seien für die Kurse. Im Übrigen könne er nicht anders, er handele ja nicht für sich, sondern immer im Auftrag von Kunden. "Vor denen muss ein Händler seine Entscheidungen rechtfertigen können." Klar, Kunden wollen Rendite, nicht belehrende Worte. Deswegen orientieren sich Profis an Charts und Kennzahlen statt an einem vagen Bauchgefühl.