Die Protagonisten von André Kubiczeks Roman versuchen ihren Traum von einem besseren Leben auf dem Land zu verwirklichen.

Mit dem Schraubenzieher in der Tasche ist Andreas, genannt Ändie, in Ostberlin auf Wohnungssuche. Schließlich muss er gar nicht einbrechen, in der Choriner Straße haben sie nicht mal die Tür richtig zugezogen, so eilig hatten sie es, in den Westen zu kommen. Es ist das Jahr nach dem Mauerfall, ein freundlicher Ausnahmezustand, in den sich die Figuren in André Kubiczeks neuem Roman Das fabelhafte Jahr der Anarchie fallen lassen.

Alte Westautos dröhnen jetzt durch die Stadt, Schwarzhändler stehen an jeder Ecke und mit ihnen die kapitalistischen "Einflüsterer von außen". Denen wollen Ändie, sein Freund Arnd und ein paar junge Punks nicht das Feld überlassen. Sie glauben an einen dritten Weg. Nachts ziehen sie in ihren Lederjacken umher und kleben Wahlplakate für ihre "Basisdemokratische Vereinigung". Doch bei den ersten freien Wahlen gewinnt die CDU, sie selbst holen bloß ein läppisches Prozent. "Keiner will euch", fasst Ändies Freundin Ulrike zusammen, "wie sieht’s also aus mit dem Landleben, mein Freund?" Es ist weniger eine Flucht vor der Realität als eine vor der eigenen Machtlosigkeit darin, die den Rahmen der Erzählung bildet. Während dem Paar in Berlin die Weichen gestellt scheinen, gibt es für sie in Neu Buckow noch etwas zu gestalten, und wenn es zunächst nur der verkommene Hof von Ulrikes verstorbenem Großvater ist.

In Neu Buckow hängt die Wäsche im Hof, darunter picken die Hühner, man brät Dosenfleisch, raucht Club-Zigaretten und geht abends in den "Krug". Die Umwälzungen im Land dringen nur sehr gedämpft ins brandenburgische Idyll. Einmal finden sie einen desertierten Rotarmisten in der Scheune, der gleich zum Freund und Mitbewohner wird – die Klein-Utopie in Eigenbau funktioniert. Allerdings nur so lange, wie sie durch die Aufgabe, den Hof zu sanieren, einen Sinn hat und die beiden die Zukunftsängste und das schlechte Gewissen, ausgestiegen zu sein, wegarbeiten können, die mit den Besuchen des nach wie vor kämpferischen Arnd auf den Hof schwappen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

In der Ereignisarmut des Landlebens sind es vor allem die Dialoge, die Kubiczeks Roman zu guter Unterhaltung machen. Herrlich klar und direkt, mit angenehm ironiefreiem Witz und der richtigen Dosis Dialekt, zeichnen sie ein eindrückliches Bild der Atmosphäre in dieser einzigartigen Übergangsepoche. Mit stoischem Pragmatismus verwandeln seine Figuren die Ungewissheit in eine Verschnaufpause zwischen Sozialismus und Kapitalismus.

Natürlich ist die Eskapismus-Kritik nicht neu, sie bietet aber in ihrer Fokussierung auf die Flucht vor der Konfrontation mit der eigenen Wirkungslosigkeit auch eine Lesart der heutigen Stadtflucht. Auch hier steckt nicht selten das Gefühl der Machtlosigkeit im globalen Zirkus dahinter, wo sich das realpolitische Einflussnehmen für viele scheinbar im "guten Konsum" erschöpft hat, dessen Auswirkungen sie in der Großstadt nicht einmal richtig spüren.

So hat es sich für Ändie und Ulli auch bald ausverschnauft: Als die Arbeit nämlich zur Neige geht und die Befriedigung über die mikrokosmische Wirksamkeit des Selbst ausbleibt, planen sie schon die nächste Flucht.