Morgens um halb acht weiß Beate Thull nie, was sie erwartet. Vorsichtig öffnet die Lehrerin die Tür zum Klassenzimmer der 8g. Werden ihre Schüler müde in den Bänken hängen? Sich nicht konzentrieren können und unablässig quatschen? An diesem Dezembermorgen genügt es, dass Beate Thull "Verschuldung" in die Klasse ruft und ein paar Zahlen an die Wand projiziert – schon hat sie 28 erstaunlich aufmerksame Achtklässler vor sich.

Sie lesen, dass zwölf Prozent der 13- bis 17-jährigen Jugendlichen heute bereits Schulden in Höhe von 294 Euro haben. "Erstaunt euch das?", fragt Thull. Sofort recken sich die Arme nach oben. "Man ist ja selber schuld, wenn man sich so hoch verschuldet", empört sich ein Junge, der Leo heißt. "Wir borgen uns höchstens mal ein oder zwei Euro", sagt eine Schülerin. Aber was ist mit den Jugendlichen aus dieser Statistik, warum verschulden die sich so hoch? "Drogen!", rufen einige. "Man will etwas haben, was man sich eigentlich nicht leisten kann." Ein zustimmendes "Mhm" geht durch die Reihen. Das kennen sie: die Versuchungen der Werbung, Konsumterror und Markenwahn, Kostenfallen durch undurchschaubare Handyverträge, der Druck, der von der Clique ausgeht. So diskussionsfreudig seien ihre Schüler selten, wird Beate Thull später sagen.

Der Stoff soll die Lebenswirklichkeit der Schüler widerspiegeln

Was die 8g am Schiller-Gymnasium in Marbach am Neckar in diesem Schuljahr schon testet, soll bald überall im Land Baden-Württemberg die Regel werden. "Ein neues Fach zur Stärkung von Mündigkeit", heißt es beim Landesinstitut für Schulentwicklung. Sein Name: Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung. Von Herbst 2016 an wird es an allen weiterführenden Schulen Pflicht sein. In den Werkrealschulen, den Real- und Gemeinschaftsschulen von Klasse sieben an, im Gymnasium von Klasse acht an. Die erste Fassung des Bildungsplans gibt es schon heute, und Beate Thull probiert aus, ob die Inhalte die Lebenswelt ihrer Achtklässler treffen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Baden-Württembergs grün-rote Landesregierung hat für den überstürzten Umbau des Schulsystems, die schnelle Einführung von Gemeinschaftsschulen und die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung viel Kritik einstecken müssen. Nun aber nutzt das Land die reformerische Radikalkur geschickt aus, um Wirtschaft als eigenständiges Fach in den Kanon aufzunehmen. Ein Schritt, den andere Bundesländer immer noch scheuen. Denn obwohl die Forderung nach einer fundierten ökonomischen Allgemeinbildung inzwischen fast gesellschaftlicher Konsens ist, fristet die Wirtschaftsbildung in den meisten Bundesländern ein Schattendasein. Zwar steht sie in vielen Schulen im Verbund mit Technik, Recht, Arbeit, Gesellschaft, Gemeinschaftskunde, Gesundheit oder Hauswirtschaft auf den Stundenplänen. Wie viel Wirtschaft hinter diesen Etiketten aber wirklich steckt, weiß oft allein der Lehrer, der das Fach unterrichtet. In Nordrhein-Westfalen hat man gerade trotz großer Zustimmung durch Lehrer, Schüler und Eltern den Modellversuch "Wirtschaft an Realschulen" folgenlos beendet und damit die Chance auf ein eigenständiges Fach Wirtschaft wieder verspielt. Man müsse auch die Stundentafeln im Blick haben, die sich nicht beliebig ausweiten ließen, hieß es aus dem Kultusministerium.

Die Unangemessenheit des Rangs, den das Wissen über ökonomische Zusammenhänge in unserer Gesellschaft insgesamt einnehme, beklagte vor wenigen Monaten sogar Bundespräsident Gauck in einer Rede vor Bankern. Kaum ein politisches Lager – bis auf einige Gewerkschaftsvertreter, die vor einer zu großen Einflussnahme privater Unternehmen in den Schulen warnen – würde sich derzeit einer Kampfansage an den ökonomischen Analphabetismus verweigern. Immer wieder haben wissenschaftliche Studien in den vergangenen Jahren gezeigt, wie wenig Kinder und Jugendliche über ihre Rolle als Verbraucher, Konsumenten oder künftige Arbeitnehmer wissen. Von Fragen der finanziellen Allgemeinbildung ganz abgesehen. Der Umgang mit Geld wird den wenigsten in die Wiege gelegt, gleichzeitig werden Kinder und Jugendliche durch Werbung und Produktmarketing immer früher und aggressiver dazu aufgefordert, möglichst viel davon auszugeben.

Auch Eltern sind in Wirtschaftsfragen oft keine geeigneten Gesprächspartner – zu groß sind deren eigene Wissenslücken. Hierzulande kann man problemlos zum Doktor der Astrophysik oder der Biochemie aufsteigen, ohne auch nur das geringste Wissen über Buchführung haben zu müssen. Und im Klassenzimmer treffen Schüler zu oft auf Lehrer, die in Wirtschaftsthemen unzureichend ausgebildet wurden.

Diese Abwärtsspirale zu durchbrechen hat sich nun auch die Dieter von Holtzbrinck Stiftung* zum Ziel gesetzt. Mit ihrer Bildungsinitiative "Wirtschaft Verstehen Lernen" treibt sie die Entwicklung in Baden-Württemberg voran. An der Universität Tübingen wird sie eine Stiftungsprofessur für Ökonomische Bildung und Wirtschaftsdidaktik errichten. Denn eine erneuerte Ausbildung an den Universitäten gehört für die Stiftung ebenso zum eigenständigen Fach Wirtschaft wie reformierte Bildungspläne für die Schulen.

"Einem künftigen Wirtschaftslehrer nützt es gar nichts, wenn er sich durch Vorlesungen in Mikro- und Makroökonomie mit stochastischen Modellen quälen muss und davon später im Unterricht kaum etwas verwenden kann", sagt Eva Marie Haberfellner, die das Stiftungsprogramm leitet. Zurzeit ist sie viel unterwegs zwischen Stuttgart, Tübingen, Heidelberg und Freiburg, überzeugt Uni-Präsidenten von neuen Studiengängen und wirbt bei Unternehmen um Praktikumsplätze.