Er soll perfekt zu uns passen. Bei ihm wollen wir ganz wir selbst sein können. Wir wollen uns nicht eingeengt fühlen, auch wenn wir viel Zeit mit ihm verbringen. Er soll uns Raum zur Entfaltung lassen, mit ihm wollen wir uns weiterentwickeln. Wir wollen uns angekommen fühlen, und wenn es in anderen Lebensbereichen einmal nicht so gut laufen sollte, soll er es sein, der uns auffängt.

Die Rede ist nicht vom idealen Partner, sondern von unserem Beruf. War er lange nur Mittel zum Zweck, vergessen wir inzwischen fast, dass wir ihn für Geld ausüben. Stattdessen stellen wir heute Ansprüche an ihn, vor denen jeder Paartherapeut warnen würde. Während wir in Beziehungen gelernt haben, dass man auch gute Freunde braucht, weil der Partner nicht jedes Hobby mitmacht, suchen wir nach Arbeitsstellen, die allen Facetten unserer Persönlichkeit entsprechen. Während wir im Privaten wissen, dass der andere uns nicht blind versteht, erwarten wir von Vorgesetzten, dass sie uns unsere Wünsche von den Augen ablesen. Der Job ersetzt die große Liebe. Wir sind bereit, uns ihm hinzugeben – vorausgesetzt, er ist der Richtige.

Dazu gehört, dass wir bei ihm Sinn erfahren. 84 Prozent der Beschäftigten in Deutschland beschrieben in einer Erhebung des Statistischen Bundesamts Arbeit als sinnstiftende Ressource. Ob wir anderen Menschen direkt helfen oder nur ihr Leben durch Produkte zu bereichern glauben – wir möchten, dass das, was wir tun, irgendeine Bedeutung hat. Und wenn wir sie nicht selbst erkennen, halten wir es für die Aufgabe von Führungskräften, uns auf diese hinzuweisen.

Daher erwarten wir auch von den Arbeitgebern, dass sie diese Sinnhaftigkeit zu ihrem höheren Leitbild machen. Besonders jungen Menschen ist wichtig, wie "grün" ein Betrieb ist, zeigte im letzten Jahr eine weltweite Umfrage der Managementberatung Bain. Mehr als die Hälfte der unter 40-Jährigen gab an, bei der Arbeitgeberwahl auf dessen Nachhaltigkeitsstrategie zu achten. 15 Prozent der Angestellten würden sogar ein geringeres Gehalt in Kauf nehmen, wenn ihr Arbeitgeber sich nur ökologisch und sozial fair verhält.

Das Image des Brotgebers ist längst zu unserer eigenen Angelegenheit geworden. Gefällt es uns nicht, wenden wir uns ab, wie nach der Finanzkrise von den Banken. Seit 2008 ist ihr Prestige gesunken, und das auch bei Arbeitssuchenden: Laut dem Deloitte Student Banking Survey haben sie an Attraktivität für Absolventen eingebüßt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Aber auch persönlich muss alles stimmen. Die Arbeitskultur in einem Betrieb muss auf unserer Wellenlänge liegen. Wir wollen uns nicht verbiegen müssen, sondern so genommen werden, wie wir sind: in unseren Kapuzenpullis, mit allen unseren Marotten. Passen wir damit nicht in einen Konzern, gehen wir eben zu einem Start-up.

Sofern dort die richtigen Kollegen sind. Ach, wieso Kollegen – Freunde! Auch bei ihnen genügt es uns längst nicht mehr, dass sie mit uns den Büroraum teilen. Wir verbringen Tage, Wochen mit ihnen, wir bekommen ihre Stimmungen mit, wir wissen, was sie zu Mittag essen. Da erscheint es uns nur natürlich, auch Privates mit ihnen zu teilen und Verständnis zu verlangen, wo früher Toleranz ausreichte. Nichts erscheint uns selbstverständlicher, als mit ihnen nach der Arbeit auch noch ein Feierabendbier zu trinken. In Berlin boomen die Coworking-Spaces, in denen Selbstständige zusammen arbeiten können. Hier finden selbst diejenigen Kollegen, die von Natur aus keine haben. Schließlich ist dem geva-Institut zufolge die Zusammenarbeit mit Kollegen das Wichtigste, um sich am Arbeitsplatz wohlzufühlen.

Eine persönliche Beziehung wünschen wir uns auch zu unseren Vorgesetzten. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir uns an ein Unternehmen emotional gebunden fühlen. Sie sollen uns nicht wie Arbeitskräfte, wie Aufgabenwegschaffer behandeln, sondern als Individuen mit besonderen Bedürfnissen. Wir wollen von ihnen wertgeschätzt werden. In der Gallup-Studie, die sich regelmäßig mit der Situation der deutschen Arbeitnehmer beschäftigt, bemängelten 2013 viele, sie bekämen zu wenig Anerkennung.

Von unseren Chefs verlangen wir auch, dass sie für unsere Weiterbildung sorgen. Wir glauben, ein Menschenrecht auf Karriere zu haben und einen Anspruch darauf, gefördert zu werden. Sie sind dafür verantwortlich, dass wir kontinuierlich lernen, sie sollen uns Aufgaben zuweisen, die das Beste von uns zutage fördern. Wir schätzen Arbeitgeber wie die Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft, die ihren Angestellten als Abgleich für die Urheberrechte die Mitarbeit auf einem Weingut anbietet oder einen Sprachkurs in Großbritannien.

Unter alldem tun wir’s nicht. Und eigentlich ist das nur konsequent. Schließlich nimmt unser Beruf ja auch einen großen Platz in unserem Leben ein: 35 Stunden pro Woche verbringen wir mindestens mit ihm – häufig mehr als mit unserem Partner. Auch abends und übers Wochenende lassen wir den Kontakt oft nicht abreißen, per Smartphone sind wir ständig mit ihm verbunden.

Zudem werden wir schon früh dazu angehalten, unser Leben auf ihn auszurichten. Bereits in der Schule lernen wir, uns auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Im Studium machen wir damit weiter, gehen ins Ausland, absolvieren Praktika. Wir feilen an unserem Lebenslauf, um unsere Chancen zu verbessern.

Dass es nicht einfach irgendein Beruf sein soll, sagen uns ja auch alle immer. Firmen versprechen nicht eine Stelle, sondern "den Traumjob mit Wow-Effekt": "Übernimm eine spannende Rolle!", heißt es in den Stellenanzeigen. In den Einstellungsgesprächen lockt man uns mit Entwicklungschancen. Kein Wunder, dass unsere Erwartung steigt.

Dadurch aber laden wir den Beruf mit so viel Persönlichem auf, dass wir die Distanz verlieren. Wir sind beleidigt, wenn wir von unseren Vorgesetzten nicht gefördert werden, wir geraten in private Konflikte mit Kollegen, wo es eigentlich nur ums Geschäft geht. Wenn wir nicht das Ideal bekommen, kündigen wir innerlich.

Gleichzeitig vernachlässigen wir das, was wirklich persönlich sein sollte. Wir stellen Freizeitinteressen hintan, wir vergessen unsere anderen Rollen, weil wir so sehr mit der einen verschmelzen, dass wir nichts mehr trennen können.

Dabei steht der Beruf noch gar nicht so lange als Synonym für Berufung. Noch in den 1960ern nahm die Masse im Job, was sie kriegen konnte. Man hat die Arbeit nicht groß hinterfragt oder sie daraufhin abgeklopft, ob man sein Talent darin ausleben kann. Ein Job war dazu da, Geld einzubringen und sich etwas anzusparen. Außerdem bot er in einer Zeit, in der die Kommunikationsmöglichkeiten begrenzter waren, die Möglichkeit, unter Leute zu kommen.

Dass die Alternativen heute vielfältiger sind, ist zunächst einmal eine Chance. Aber nur, wer sich nicht im Job verliert, kann sie auch richtig für sich nutzen. Anstatt zu schmollen, wenn sich eine Stelle nicht als hundertprozentig perfekt erweist, kann man aktiv werden und sie sich zurechtschneidern. Wir haben heute mehr Spielraum und Macht, solche Wünsche durchzusetzen. Dabei aber hilft sachliches Verhandeln mehr als bloße Emotion. Das heißt nicht, dass man Arbeit nicht lieben kann. Aber in jeder Beziehung braucht man mal Abstand.