"Was bringen die ganzen Studien eigentlich? Die einen Wissenschaftler ziehen daraus diese Schlussfolgerungen, die anderen jene. Was soll ich denn da glauben?" Mit diesen Worten wird der Hamburger Schulsenator Ties Rabe in der ZEIT Nr. 50/14 zitiert. Selbst als Befürworter der empirischen Bildungsforschung gehe ihm bei der Vielzahl der Veröffentlichungen, zwischen Pisa, Iglu, Fiss und Biss, der Überblick verloren.

Unter dem Titel Studien ohne Ende stellt der ZEIT- Redakteur Martin Spiewak dar, wie die Schulen derzeit von der Studienflut überschwemmt werden. In kurzer Zeit habe sich die Zahl empirisch arbeitender Bildungsforscher vervielfacht, Fördergelder sprudelten wie nie zuvor. Das Resultat: eine Masse von Befunden, die weder bei der Politik noch bei der Öffentlichkeit ankomme. Spiewak bemängelt die fehlende Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis, aufgrund derer Erkenntnis versickere, anstatt umgesetzt zu werden.

Ich bezweifle jedoch stark, dass die Ergebnisse von Studien wie Neps, Nil und Co. den Unterricht tatsächlich voranbringen würden.

Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe bringt in seiner Aussage dreierlei auf den Punkt. Zum einen, wie interpretationsbedürftig jegliches statistische Material ist. Zahlen ohne Kontext sagen exakt: nichts. Wer nur auf Studienergebnisse schielt, ohne etwa die Fragestellung und die Art der Datenerhebung zu berücksichtigen, läuft schnell Gefahr, voreilige Schlüsse zu ziehen. Zweitens wird die Ergebnisrichtung oft schon durch den Aufbau der Studien vorweggenommen. Das erkenntnisleitende Interesse, wie Habermas es nennt, bestimmt die Herangehensweise. Entsprechende Modelle und Prämissen legen von vornherein bestimmte Interpretationen nahe. Drittens spricht Rabe den zweifelhaften Glauben an Wissenschaft als "neutrale" Methode an. Bereits die Behauptung, objektive, wert- oder ideologiefreie Wissenschaft sei überhaupt möglich, ist Ideologie.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Der aktuelle Stand der Wissenschaft ist nur der derzeit gültige Irrtum. Schon diese Sichtweise setzt eine wissenschaftliche Redlichkeit voraus, die in einem System, das sich über Kennzahlen, Rankings und eingeworbene Drittmittel definiert, nicht mehr uneingeschränkt erwartet werden kann. Die derzeitige Ökonomisierung von Bildungseinrichtungen wie auch der Wissenschaft zerstört die selbstverständliche Ehrlichkeit, die dort lange zur Kultur gehörte. Ein Symptom dafür sind die systematischen Fälschungen bei Medikamentenstudien, über die immer wieder berichtet wird.

Vorsätzlichen Betrug wie bei Medikamentenstudien erwartet bei der empirischen Bildungsforschung gegenwärtig niemand. Wenn aus fehlerhaften Studien Methoden und Rezepte für den Unterricht abgeleitet werden, ist das aber nicht weniger schädlich für die betroffenen Schülerinnen und Schüler. Die Schäden sind zwar selten gesundheitlicher Natur. Es sind aber sehr wohl Eingriffe in Bildungsbiografien und damit in Lebensentwürfe. Erstaunlich ist, dass weder Eltern noch Lehrer sich dagegen verwahren, dass die Schulen zu ständigen Versuchslaboren und Schülerinnen und Schüler ungefragt zu Versuchskaninchen der Testindustrie gemacht werden.

Die einseitige Förderung empirischer Untersuchungen zulasten klassisch philosophischer und textbasierter Forschung marginalisiert zudem wissentlich und vorsätzlich die wissenschaftliche Pädagogik. Anstatt sich auf pädagogische Traditionen zu besinnen, ertrinken derzeit alle Beteiligten in Daten, wie auch Martin Spiewak beschreibt.

Entscheider an Schulen und in Ministerien brauchten daher "Übersetzer, Relevanzerklärer, Studienqualitätsprüfer und Schleusenwärter für die Datenflut", schreibt er.

Problematisch wird es allerdings, wenn die Verantwortlichen für die Studien selbst ihre unverständlichen Ergebnisse erklären und deren Bedeutung für die Praxis darlegen sollen. Dem Unvermögen oder Unwillen, die eigene wissenschaftliche Arbeit verständlich zu machen, setzt Spiewak auch keine Forderung nach Klarheit in der Sprache oder Transparenz in der Bewertung entgegen. Stattdessen schlägt er ein Institut vor, das alle Studien zur Schulforschung sammelt und bewertet. In diesem Institut allerdings dürften wiederum wissenschaftlich in der empirischen Bildungsforschung sozialisierte Kollegen arbeiten, weil nur diese sich in der Methodenlehre auskennen. So sollte nicht argumentieren, wer im gleichen Beitrag zugibt, dass nach "den strengen Maßstäben der Biowissenschaft ... mehr als 90 Prozent aller empirischen Schulstudien Datenschrott sein dürften".

Nicht nur die Bio-, sondern jede Wissenschaft hat strenge Regeln. Das ist geradezu die Existenzbedingung für Wissenschaft. Wissenschaftliches Arbeiten erfordert Genauigkeit in allen Phasen, Offenlegung der Methoden und Daten, Nachvollziehbarkeit der Thesen und den ergebnisoffenen Diskurs. Selbst der Direktor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), Hans Anand Pant, wird jedoch mit den Worten zitiert, es sei befremdlich, was in seiner Disziplin mitunter als wissenschaftliche Studie durchgehe. Solche mangelnde Wissenschaftlichkeit und fehlende Methodik lässt sich nicht durch ein Institut beheben, das nachträglich Studien aussortiert. Sinnvoller und effizienter wäre es, Relevanz- und Methodenprüfungen vorzuschalten. Ein Teil des frei werdenden Etats könnte in verpflichtende Grundkurse der Philosophie für alle Studierenden der Pädagogik und Bildungsforschung investiert werden.

Wer auf diese Weise logisch denken lernt, hinterfragt die Validität von Messwerten, Empirie und statistischen Durchschnittswerten. Wer ethisch denken lernt, richtet Unterricht nicht an Kennzahlen und Rankings aus, sondern besinnt sich auf humanistische und demokratische Prinzipien. Wer philosophisch, logisch und erkenntnistheoretisch denken lernt, wird die Wissenschafts- und Zahlengläubigkeit der Empiriker und Statistiker ohnehin der Metaphysik zuordnen.

Bildung lässt sich nämlich weder messen noch quantifizieren. Abprüfen lässt sich nur der Lernfortschritt durch Üben und Trainieren. Natürlich werden sich empirische Bildungsforscher das nicht eingestehen, dadurch entzögen sie sich ja selbst die Grundlage. Aber wer glaubt, den Menschen und sein Verhalten messen, steuern und regeln zu können wie die Kybernetiker und Behavioristen mit ihrem programmierten Lernen, vergisst – oder verleugnet – das pädagogische Elementarprinzip. Lehren und Lernen ist immer Beziehungsarbeit zwischen Menschen. Das erfordert Dialog und Vertrauen in Lehrende wie in Lernende statt der Fixierung auf Zahlen und Methoden.

Wir können und wollen als Pädagogen Menschen, ihr Lernen und ihre Entwicklung nicht vermessen, sondern aktiv und konstruktiv fördern. Nicht das Erzeugen von Kennzahlen und Rankings anhand von Effektmaßen, wie sie der Bildungsforscher John Hattie verwendet, sollten das Ziel sein, sondern die Entwicklung eigenständiger und im Wortsinn eigenwilliger Persönlichkeiten.

Auch Persönlichkeit lässt sich nicht vermessen. Womöglich charakterisiert gerade das Nichtmessbare Wesentliches des Menschen als Individuum, und wir müssen erst wieder lernen, die nicht quantifizierbaren Qualitäten des Menschen wertzuschätzen.

Ralf Lankau ist Professor für Mediengestaltung an der Hochschule Offenburg