Ein Souvenir aus der alten Welt. Ein graues Büchlein mit Hammerzirkelährenkranz: mein Wehrdienstausweis. In der Folienhülle steckt die sogenannte Hundemarke, eine Alu-Plakette mit Personaldaten. Im Falle meiner kriegerischen Verhack- stückung sollte sie "zu benachrichtigenden Angehörigen" bezeugen, dass Artillerist D. im Feld der sozialistischen Ehre verblieben sei. Wieso Artillerist?

Mein militärisches Ideal war die Ausmusterung. Ich besaß ein Attest: "Wegen weicher Leisten mögl. kein schweres Heben." Der Musterungsarzt griente und entschied: Artillerie, da werden Sie gefahren! Dies geschah am 28. März 1974, im tiefen Frieden von Honeckers Gründerjahren. Damals erlernte ich im Erzgebirge den Beruf eines Facharbeiters für Filmwiedergabetechnik. Filmvorführer wurden bei der Fahne weder Artillerist noch Mot.-Schütze oder Panzersoldat, sondern schoben die ruhige Kugel. Sie zeigten Filme und pflegten sich und ihre Projektoren, wie weiland unser Kinotechnik-Lehrer in Rommels Afrika-Wehrmacht.

Zehn Jahre später hatte sich die Welt dramatisiert. Ost und West drohten einander mit Atomraketen. Ich, noch immer "ungedient", hatte mittlerweile Theologie studiert und war nun Vikar. Die NVA vergaß ich, sie mich keineswegs. Mit 26 Jahren wollte man mich "ziehen". Ich schrieb dem Wehrkreiskommando einen Bekenntnisbrief: Ich verweigere den Waffendienst aus Glaubensgründen und werde höchstens Bausoldat.

Man lud Bürger D. vor und schiss ihn feldmarschmäßig zusammen. Der Kernsatz lautete, gebrüllt: Der nächste richtige Krieg wird Ihnen den Jesusquatsch schon austreiben! Ich lief zu Manfred Stolpe, dem evangelischen Konsistorialpräsidenten von Berlin-Brandenburg. Dank dessen Fähigkeiten wurde ich verschont. Kürzlich erinnerte ich Stolpe dankbar daran. Er lächelte: Ja, mit denen konnte man ganz vernünftig reden.

Lieber Herr Stolpe, leider nicht jeder.

Mein Beispiel handelt vom individuellen Glück. Jedes Verweigern beginnt mit persönlicher Entscheidung, doch der Einzelfall lässt das gesellschaftliche Ganze unsichtbar. Diese größere Dimension beleuchtete unlängst Friedenszeugnis ohne Gew(a)ehr , ein Bausoldaten-Kongress in Wittenberg, der Stadt des großen Neinsagers Martin Luther. Veranstaltet von der Evangelischen Akademie, widmete sich das Treffen auch der Unheils-Allianz von Kirche und Krieg. Zum staatskirchlichen Bündnis von Thron und Altar gehörte jahrhundertelang die sakrale Überhöhung des Schlachtens und Verblutens. Kriegspredigten von 1914 feierten das "nationale Erwachen der deutschen Jugend" als Totenauferweckung, den Sturmangriff als "freudigen Opfergang", das millionenfache Verrecken im Schlamm als "göttliche Reinigung", den Krieg als Gottesdienst. Wie weit war es bis zu jenem Gebot, das 1948 in Amsterdam der Ökumenische Weltrat der Kirchen verkündete: KRIEG SOLL NACH GOTTES WILLEN NICHT SEIN.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe 52 vom 17.12.2014. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Vor fünfzig Jahren erließ die DDR ihr Bausoldaten-Gesetz. Kalendarisch und thematisch fügt sich dieses Datum vorzüglich zum großen deutschen Erinnerungsrhythmus 1914, 1939, 1964, 1989. Allerdings wussten viele Bürger der DDR gar nichts von der Existenz der Bausoldaten. Diesbezügliche Aufklärung unterließ der Staat. Ohnehin war die Bausoldaten-Regelung ein Unikat im Warschauer Pakt, gedacht als temporäres ostdeutsches Konfliktvermeidungs-Instrument. Bis zum 24. Januar 1962 hatte in der DDR keine Wehrpflicht existiert (in der Bundesrepublik bereits seit 1956). Wohl gab es seit 1952 die Kasernierte Volkspolizei, wohl taten karrierebewusste Jungmänner zwangsfreiwillig Dienst bei den "bewaffneten Organen", um "ihr Ja zum sozialistischen deutschen Friedensstaat zu manifestieren". Doch eine regelrechte Wehrpflicht etablierte das SED-System erst nach dem Mauerbau, als niemand mehr gen Westen entkam.

Von Anbeginn verweigerten Rekruten den Waffendienst, überwiegend aus christlichen Gründen. Gemäß seiner Doktrin vom Absterben der Religion wähnte der Staat, das Problem werde sich von selber lösen. Aber die Zahl der Verweigerer stieg. Im Herbst 1964 erließ der Nationale Verteidigungsrat die Anordnung über "die Aufstellung von Baueinheiten im Bereich des Ministeriums für Nationale Verteidigung". Sie waren in die NVA-Strukturen integriert, nur unbewaffnet. Bis 1973 werkten Bausoldaten an militärischen Objekten, später verstärkt in der Industrie. Keineswegs leisteten sie den erstrebten zivilen "sozialen Friedensdienst". Bausoldat zu sein war ein Kompromiss. Totalverweigerer wanderten für 18 bis 22 Monate ins Gefängnis. Entlassen, drohte ihnen neuerliche Einberufung.

"Man muss die Bausoldaten nicht mythologisieren"

Die Bausoldaten blieben eine kleine Minderheit. Insgesamt dienten bis 1989 etwa 15.000. Von den 6.000 Totalverweigerern wurde etwa die Hälfte einberufen und verurteilt. Die Kirche, so das übliche Urteil, stand diesen Menschen bei. Das ist nicht falsch, jedoch indifferent. Erstens waren nicht alle Waffenverweigerer Christen. Zweitens wurden die evangelischen Landeskirchen in der DDR in den sechziger Jahren von höchst verschiedenen Bischöfen geführt. Der Thüringer Bischof Moritz Mitzenheim verhielt sich staatsloyal und ließ sich 1961 von Walter Ulbricht mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold dekorieren. Der Greifswalder Bischof Friedrich-Wilhelm Krummacher war 1933 in die NSDAP eingetreten und Wehrmacht-Divisionspfarrer gewesen. In sowjetischer Gefangenschaft schloss er sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland an. In Männern dieser Generation überdauerte oft eine systemübergreifende Wertschätzung des Militärdienstes als "Schule der Manneszucht".

Ganz anderen Wesens war der Magdeburger Bischof Johannes Jänicke. Der Pazifist und Mann der Bekennenden Kirche empfand Waffendienst als Sünde. In Jänickes Kirchenprovinz Sachsen entstand ein innerkirchlich weitverbreitetes Samisdat-Papier: Zum Friedensdienst der Kirche, die berühmte Handreichung für Seelsorge an Wehrpflichtigen. Heute findet man die 13 Seiten leicht im Internet. Damals fahndete nach diesem Sprengstoff der Staat, der sich ja selbst als Antikriegsmacht propagierte und seine Volksarmee als Trutzwehr des Friedens, wider die klassenfeindlichen Nato-Aggressoren.Heute, in unseren remilitarisierten Zeiten, lesen sich viele der alten Sätze höchst aktuell: "So gewiß christlicher Dienst für den Frieden persönliche Gewissensentscheidung ist, so gewiß liegen Begründung und Ziel nicht im individual-ethischen Bereich." Es gehe "nicht um die Verneinung und Abschaffung staatlicher Gewalt schlechthin, sondern um die Abschaffung des Krieges als einer überlebten Form zwischenstaatlicher Auseinandersetzung". "Friede ist zum Leitbegriff und Maßstab politischen Handelns geworden, und zwar genau an der Stelle, an welcher im nationalstaatlichen Denken das Vaterland stand." Hingegen seien im Hass und Vernichtungsdenken von Ost und West "ideologisierte Armeen in den Anachronismus einer voratomaren Weltlage zurückgefallen". Deshalb gäben die Verweigerer "und auch die Bausoldaten, welche die Last nicht abreißender Gewissensfragen und Situationsentscheidungen übernehmen, ein deutlicheres Zeugnis des gegenwärtigen Friedensgebots unseres Herrn".

Die ältere Generation, forderte das Papier, möge das Soldatsein entzaubern, insbesondere die falschen Ehrbegriffe. Zwei der damals jungen Mitautoren traf man in Wittenberg: Hans-Jochen Tschiche und Peter Schicketanz. Auch nachmals prominent gewordene Bausoldaten traten auf: Gerhard Schöne, Heiko Lietz, Helmut "Joe" Sachse, Stephan Dorgerloh ... Viele Spaten-Veteranen rangen mit der kriegerischen Gegenwart. Wie stoppt man die Mörderhorden des IS?

Jubiläumstechnisch böte es sich an, sämtliche Ex-Spatis zu Pionieren der Friedlichen Revolution zu befördern. Die Bischöfin Ilse Junkermann nannte die Bausoldaten-Einheiten Schulen der Opposition. Betrüblich unromantisch erklärte der Historiker Iko-Sascha Kowalczuk die Oppositionsgeschichte für multikausal. Auch die normalen NVA-Soldaten hätten den Sinn der Armee erfahren: Bruch der Individualität. Man muss die Bausoldaten nicht mythologisieren, sagte Kowalczuk. Verweigerung gegenüber der Diktatur, das ist Ruhm genug.