Noch im Mantel, den Schal umgeschlungen, ist der erste Impuls, eines der Fenster zu öffnen. Nicht weil es im Raum muffig wäre, nein, wegen des Ausblicks. Wer die schweren Flügel der Kastenfenster aufstößt, sich aufs Sims lehnt und die Nase in die frische Luft hält, wird kopfschüttelnd an all jene Hoteliers denken, die nur Fenster ohne Griff installieren lassen.

Über die Fensterbank im zweiten Stock des Hotels Emmerich gebeugt, blickt man auf die jahrhundertealten, sanierten Handelshäuser des Görlitzer Untermarkts. Und denkt: Kein Wunder, dass hier, im östlichsten Osten Deutschlands, eine Hollywoodcrew nach der anderen dreht. Wes Andersons Grand Budapest Hotel ist fast komplett in einem alten Kaufhaus entstanden, für den Vorleser mit Kate Winslet war die Tram ewig stillgelegt, aus dem Emmerich-Haus sprang Jackie Chan in einen Heißluftballon, um In 80 Tagen um die Welt zu reisen. "Görliwood" – eine Stunde von Dresden und eine Altstadtbrücke von Polen entfernt.

Diesen Rundblick über den Görlitzer Untermarkt hatte einst nur die Familie von Georg Emmerich, der im Mittelalter 20 Jahre lang Bürgermeister des Ortes war. Dem Sohn reicher Kaufleute gehörte das Eckhaus direkt an der Handelsstraße Via Regia. Über den Platz kommt jetzt ein Mann mit Hornbrille und nickt lächelnd hinauf. Kleinstadt eben. Aber es ist der Hotelbesitzer. Christian Weise hat zur Zeit der Wende an der Bauhaus-Universität Weimar Architektur studiert. Nach dem Abschluss kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Es gibt genug Altbauten, die saniert werden müssen, allein in der Straße zum Bahnhof steht gefühlt jedes zweite Haus leer.

Der Emmerich-Bau bröckelte seit den Neunzigern vor sich hin. Weise hat ihn vor dem Abriss gerettet, und seit Mai ist das vierstöckige Haus nun nach jahrelanger Renovierung sein Boutique-Hotel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

"Diese Wand ist aus dem Mittelalter, die aus der Gründerzeit", Weise deutet beim Rundgang aufs blanke Mauerwerk. Bis hoch zur Dachterrasse mit ihren Lavendelbüschen verleitet das Haus dazu, die Hand auszustrecken: um die unverputzten Wände in den Zimmern oder die rauchgrauen Raumtrenner aus Leinen anzufassen, die rautengemusterten Stoffe an den Kopfenden der Betten, den Holzfußboden oder im großzügigen Bad die polierten Schieferfliesen mit ihren Schlierenmustern.

Dass sich hier alles so gemütlich modern anfühlt, liegt vor allem am Mobiliar, das Vergangenes fürs Heute interpretiert – als hätte Weise das Prinzip einer Altbausanierung auf die Einrichtung ausgedehnt. Olivgrün, Altrosa, Steingrau zitieren Tradition, aber Sessel, Bänke, Tische sind so klar geformt, dass nichts bieder oder nostalgisch wirkt.

Beim Wort "Designhotel" schüttelt Weise fast angewidert den Kopf, das soll sein Emmerich nicht sein, "das Design soll sich nicht in den Vordergrund spielen". Tatsächlich überwiegt die persönliche Note, wie über Jahre entstanden: Hocker im Industriedesign stehen neben einem skandinavisch-nüchternen Sekretär aus Holz, im Flur werfen Lampen geometrische Schatten auf Wandbordüren, und überall hängen schwarze Tusche-Akte auf Packpapier, Werke von Weises Tochter, einer Künstlerin. Selbst Klassiker wie eine Tom-Dixon-Leuchte oder ein Cassina-Beistelltisch bleiben da herrlich beiläufig. Hier und da taucht das Mode-Metall Kupfer auf und die Ananas als dezentes Art-Déco-Element. Weise hat die Frucht zum Wahrzeichen des Hotels gemacht, für ihn steht sie "für das Besondere, fürs Reisen".

Schon bei der Ankunft war eine Ananas durchs Schaufenster zu sehen, golden glänzte sie auf dem Sideboard hinter einem Schreibtisch. Dass es sich dabei um die Rezeption handelte, wurde aber erst klar, als sich das leere Café ein paar Fenster weiter als Frühstückssaal entpuppte. Erst dann fiel der kleine Goldpfeil an der Fassade auf – zum Eingang also zurück. Nicht nur das unauffällige Entrée, auch anderes wirkt irritierend, unfertig: Die auf der Homepage angekündigte Tagesbar existiert fünf Monate nach Eröffnung des Emmerich noch immer nicht, an den Türen kleben nur provisorische Nummernzettel, und das Bad hat, wie neuerdings Usus, keine richtige Tür. Aber ehrlich, der Charme des Hauses übertüncht all das locker. Auch das Paar aus Amerika scheint’s nicht zu stören – sie sitzen an der Rezeption und buchen ihre Reise um. Wegen des Hotels. Sie wollen bleiben.

Nur zum Abendessen muss man raus, aber Restaurants findet man in der Nähe genug. Nebenan, im Haus von Emmerichs Jugendliebe, hat kürzlich ein Italiener eröffnet, auf der anderen Seite des Platzes liegt das Hotel Börse, wo bislang meist die Filmleute abstiegen, und das Jonathan, ein uriges Restaurant 50 Meter weiter, bietet regionale Küche und ein "Schlesisches Himmelreich" zum Reinlegen: Kassler mit Backobst und Hefeklößen.

Vielleicht eilt es darum am Morgen drauf nicht so mit Frühstücken, die fluffige Zudecke ist auch nicht ganz unschuldig. Wobei: Nachdem man sich die Brille vom Marmorschemel neben dem Bett geangelt hat, fällt es einfach schwer, sich vom Blick auf die Untermarkt-Häuser loszureißen. So ein Eckzimmer mit sechs Fenstern am Stück ist ein echter Zeitkiller. Aber die Kirchenglocken schlagen schon wieder, also raus aus den Federn.

Im Cafésaal mit den alten Holztischen warten Nüsse, Joghurt und Obst in Weckgläsern, eine Emaillekanne mit Milch, wunderbar stinkender Käse auf Schieferplatten – und wem nicht nach Kaffee ist, für den liegen frische Ingwer- und Zitronenscheiben neben dem Samowar. " I’m not promising a rainbow / Just a practical solution" , nuschelt Sting zu Bluesgeschrammel, während man sich im grauen Sessel hin- und herdreht, auf das feucht glänzende Kopfsteinpflaster des Untermarkts schaut, dann auf die Kupfervase mit Ananasblättern vor sich auf dem weiß betuchten Tisch, ein Stück großartigen Weichkäse auf der Gabel. Von irgendwo Orchideenduft. Nein, Sting untertreibt gewaltig. Das hier, das ist so viel mehr als eine praktische Lösung.