Der Platz, das sind 95 mal 82 Meter, das sind Linien aus Kalk auf vulkanischer Asche. Die Asche setzt sich in den Haaren fest, sie reißt die Knie auf und die Oberschenkel, sie frisst sich in die Haut, mischt sich mit Schweiß, klebt an den Stutzen, der Hose, dem Hemd. Asche ist fruchtbar, auf ihr können Träume erblühen. Asche ist furchtbar, auf ihr können Träume vergehen. Es sind 95 mal 82 Meter, es sind 90 Minuten, die manchmal ein ganzes Leben dauern.

Kreisliga, das ist ein Leben auf Asche.

Das mit der Asche, sagt Peter Raabe, hat ihn an den Rand getrieben. Das mit der Asche hat den ganzen Verein um Jahre zurückgeworfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Peter Raabe steht, zwölf Uhr an einem Sonntag im Herbst, auf dem Gelände des SV Vonderort, Stadtteilverein von Bottrop, Ruhrgebiet, im Rücken die Umkleidekabinen, der Blick über den Platz ein Blick zurück. Im Herbst vor zwei Jahren kamen Leute von der Behörde und nahmen Bodenproben. Der Platz, sagten sie, macht krank. Dioxin in der Asche, Gift in den Knien. Sie sperrten den Platz, Gift für den Verein. Zwei Jahre lang konnte der SV Vonderort nur noch auswärts spielen. Zwei Jahre lang kein Kartenverkauf, keine Einnahmen. Kein Platz fürs Training, kein Platz für die Kinder. Am Ende lösten sich die Jugendmannschaften auf. Ein Verein, der nur noch auswärts spielt, ist ein Verein ohne Heimat. Und ein Verein ohne Heimat ist ein Verein ohne Zukunft.

Seit Juli ist die neue Asche da.

"Zu spät", sagt Peter Raabe.

Er ist jetzt 73 Jahre alt, ein großer, kräftiger Mann. Früher war er Torwart in Vonderort, in über 500 Spielen. Damals gab es hier zwei Gewissheiten: In Bottrop sitzt ein Sozialdemokrat im Rathaus, und in Vonderort steht der Raabe im Tor.

Jetzt klebt an der Tür zu seinem Büro in großen Buchstaben das Wort Manager. Peter Raabe hat sein Vermögen in diesen Verein gesteckt, verdient mit der eigenen Firma.

Der Verein ist jetzt Drittletzter in der Kreisliga B, Niederrhein, Gruppe 2.

Fußball in Deutschland, das ist viel mehr als Nationalmannschaft und Bundesliga. Fußball in Deutschland, das ist ein verzweigtes System aus Amateurligen, Amateurklassen und Amateurgruppen. Ganz unten und am nächsten bei den Menschen: die Kreisliga.

Kreisliga, das ist der Ort, an dem dieselben Regeln gelten wie in der Bundesliga, aber andere Gesetze. An dem es wenig Talent gibt, das verschwendet werden könnte. An dem es nichts zu gewinnen gibt außer dem nächsten Spiel.

Kreisliga, das sind jedes Wochenende 23 400 Spiele mit 895.000 offiziell gemeldeten Spielern in 18.000 Mannschaften. Mit Betreuern und Trainern sind es fast eine Million Menschen, die auf Ascheplätzen ihre Sonntage, manchmal ihr halbes Leben verbringen.

In Bottrop gibt es 19 Vereine, fast alle spielen in der Kreisliga. Bottrop ist nicht Dortmund, nicht Gelsenkirchen, nicht mal Oberhausen, hat noch nie Bundesligaluft geatmet.

Bottrop, das waren mal die Kokereien, die Zechen, die SPD und der Fußball. Jetzt ist Bottrop noch SPD und Fußball. Wenn man ehrlich ist, sagen die Leute hier, nur noch Fußball. Was nicht viel ist, aber alles sein kann, in Bottrop, aber nicht nur dort. Kreisliga ist überall in Deutschland, immer um die Ecke, vor der Haustür. Eine Mitmachliga, in der der Ball durch die Beine und die Schichten rollt. Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, sie alle verlieren Mitglieder. Die Fußball-Kreisliga ist einer der letzten Orte in Deutschland, an denen Gemeinschaft entsteht.

Kreisliga, das ist ein echtes soziales Netzwerk, das mit jedem Doppelpass neu gesponnen wird.

Jeder, der schon als Kind in Bottrop Fußball gespielt hat, sagt Thomas End, trägt noch ein bisschen rote Asche im Knie. In den Schürfwunden zu Narben verheilt, ist sie Andenken an eine Jugend im Pott.

Thomas End ist Spieler beim SV Blau-Weiß Fuhlenbrock, vierte Mannschaft, nur fünf Minuten von Vonderort, nur einmal die Straße runter, der nächste Platz, der nächste Verein. Kreisliga C, Niederrhein, Gruppe 2.

End spielt hier mit den Freunden von früher. Sie sind gemeinsam zur Schule gegangen, sie wurden Lehrer, Juristen, Biochemiker, das Erwachsenwerden trennte ihre Wege, die Treue zum Verein aber hielt. Sie spielten in Kindermannschaften, Jugendmannschaften, Männermannschaften, sie hörten auf, als das Alter kam. Sie fingen wieder an.

Wenn ein Spieler des SV Blau-Weiß Fuhlenbrock mit dem Fußball Schluss macht, bekommt er am Ende der Saison ein blaues Handtuch. Das Handtuch ist sein Abschiedsgeschenk. Es ist ein Symbol dafür, dass es nun zu Ende ist.

Thomas End ist 45 Jahre alt, er besitzt drei blaue Handtücher.

"Du kannst versuchen aufzuhören", sagt er, "aber du kommst hier nicht weg." Die alten Männer taten sich wieder zusammen, End, heute Berufsschullehrer, ist die Zehn, der Spielmacher, der Kopf der Mannschaft. Er sagt: "Ich brauche das, den Wettkampf, diesen Betrieb, diese Regelmäßigkeit. Ich könnte nicht ohne."

Es ist so: Ehemalige Bundesligaspieler gehen golfen, geben Interviews, sitzen in Fußballtalksendungen, in denen sie die eigenen Mythen reproduzieren. Ehemalige Kreisliga-Spieler spielen Kreisliga.

Vor dem ersten Saisonspiel standen die Männer des SV Blau-Weiß Fuhlenbrock bei den Kabinen und warteten. Da kamen die Spieler des Gegners, im Schnitt 20 Jahre alt. Sie fragten: "Seid ihr die Betreuer?" Die Männer sagten: "Wir sind die Mannschaft." Die Jungs lachten. Alte Säcke. Die Säcke gewannen 8 : 4.

Später kamen die Niederlagen, die Verletzungen. Zerrungen, Muskelrisse, der Torwart brach sich den Finger. "Das Alter", sagt End. Knochen auf Asche. Es kann die Hölle sein.

Die Bäuche, Ranzen sagen die Leute, zeichnen sich ab unter den Trikots, die Männer sind nicht mehr so schnell wie früher, so leicht, so jung. 0 : 11, 0 : 8. Aber Hohn und Spott, Sieg oder Niederlage, darauf kommt es nicht an. Darum geht es ihnen nicht.

An einem Sonntagmittag im Herbst, auf einem Platz unter Starkstrommasten, sind End und seine Mannschaft beim Tabellenzweiten zu Gast. Wieder junge Typen, die aus Sportwagen steigen. Studenten mit athletischen Körpern in frisch gewaschenen Trainingsanzügen. Die Männer vom SV Blau-Weiß Fuhlenbrock sind im Schnitt 39 Jahre alt, der Torwart ist 1963 geboren. Hat schon die Mauer gestellt, als die Mauer noch stand.