Der Platz, das sind 95 mal 82 Meter, das sind Linien aus Kalk auf vulkanischer Asche. Die Asche setzt sich in den Haaren fest, sie reißt die Knie auf und die Oberschenkel, sie frisst sich in die Haut, mischt sich mit Schweiß, klebt an den Stutzen, der Hose, dem Hemd. Asche ist fruchtbar, auf ihr können Träume erblühen. Asche ist furchtbar, auf ihr können Träume vergehen. Es sind 95 mal 82 Meter, es sind 90 Minuten, die manchmal ein ganzes Leben dauern.

Kreisliga, das ist ein Leben auf Asche.

Das mit der Asche, sagt Peter Raabe, hat ihn an den Rand getrieben. Das mit der Asche hat den ganzen Verein um Jahre zurückgeworfen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Peter Raabe steht, zwölf Uhr an einem Sonntag im Herbst, auf dem Gelände des SV Vonderort, Stadtteilverein von Bottrop, Ruhrgebiet, im Rücken die Umkleidekabinen, der Blick über den Platz ein Blick zurück. Im Herbst vor zwei Jahren kamen Leute von der Behörde und nahmen Bodenproben. Der Platz, sagten sie, macht krank. Dioxin in der Asche, Gift in den Knien. Sie sperrten den Platz, Gift für den Verein. Zwei Jahre lang konnte der SV Vonderort nur noch auswärts spielen. Zwei Jahre lang kein Kartenverkauf, keine Einnahmen. Kein Platz fürs Training, kein Platz für die Kinder. Am Ende lösten sich die Jugendmannschaften auf. Ein Verein, der nur noch auswärts spielt, ist ein Verein ohne Heimat. Und ein Verein ohne Heimat ist ein Verein ohne Zukunft.

Seit Juli ist die neue Asche da.

"Zu spät", sagt Peter Raabe.

Er ist jetzt 73 Jahre alt, ein großer, kräftiger Mann. Früher war er Torwart in Vonderort, in über 500 Spielen. Damals gab es hier zwei Gewissheiten: In Bottrop sitzt ein Sozialdemokrat im Rathaus, und in Vonderort steht der Raabe im Tor.

Jetzt klebt an der Tür zu seinem Büro in großen Buchstaben das Wort Manager. Peter Raabe hat sein Vermögen in diesen Verein gesteckt, verdient mit der eigenen Firma.

Der Verein ist jetzt Drittletzter in der Kreisliga B, Niederrhein, Gruppe 2.

Fußball in Deutschland, das ist viel mehr als Nationalmannschaft und Bundesliga. Fußball in Deutschland, das ist ein verzweigtes System aus Amateurligen, Amateurklassen und Amateurgruppen. Ganz unten und am nächsten bei den Menschen: die Kreisliga.

Kreisliga, das ist der Ort, an dem dieselben Regeln gelten wie in der Bundesliga, aber andere Gesetze. An dem es wenig Talent gibt, das verschwendet werden könnte. An dem es nichts zu gewinnen gibt außer dem nächsten Spiel.

Kreisliga, das sind jedes Wochenende 23 400 Spiele mit 895.000 offiziell gemeldeten Spielern in 18.000 Mannschaften. Mit Betreuern und Trainern sind es fast eine Million Menschen, die auf Ascheplätzen ihre Sonntage, manchmal ihr halbes Leben verbringen.

In Bottrop gibt es 19 Vereine, fast alle spielen in der Kreisliga. Bottrop ist nicht Dortmund, nicht Gelsenkirchen, nicht mal Oberhausen, hat noch nie Bundesligaluft geatmet.

Bottrop, das waren mal die Kokereien, die Zechen, die SPD und der Fußball. Jetzt ist Bottrop noch SPD und Fußball. Wenn man ehrlich ist, sagen die Leute hier, nur noch Fußball. Was nicht viel ist, aber alles sein kann, in Bottrop, aber nicht nur dort. Kreisliga ist überall in Deutschland, immer um die Ecke, vor der Haustür. Eine Mitmachliga, in der der Ball durch die Beine und die Schichten rollt. Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, sie alle verlieren Mitglieder. Die Fußball-Kreisliga ist einer der letzten Orte in Deutschland, an denen Gemeinschaft entsteht.

Kreisliga, das ist ein echtes soziales Netzwerk, das mit jedem Doppelpass neu gesponnen wird.

Jeder, der schon als Kind in Bottrop Fußball gespielt hat, sagt Thomas End, trägt noch ein bisschen rote Asche im Knie. In den Schürfwunden zu Narben verheilt, ist sie Andenken an eine Jugend im Pott.

Thomas End ist Spieler beim SV Blau-Weiß Fuhlenbrock, vierte Mannschaft, nur fünf Minuten von Vonderort, nur einmal die Straße runter, der nächste Platz, der nächste Verein. Kreisliga C, Niederrhein, Gruppe 2.

End spielt hier mit den Freunden von früher. Sie sind gemeinsam zur Schule gegangen, sie wurden Lehrer, Juristen, Biochemiker, das Erwachsenwerden trennte ihre Wege, die Treue zum Verein aber hielt. Sie spielten in Kindermannschaften, Jugendmannschaften, Männermannschaften, sie hörten auf, als das Alter kam. Sie fingen wieder an.

Wenn ein Spieler des SV Blau-Weiß Fuhlenbrock mit dem Fußball Schluss macht, bekommt er am Ende der Saison ein blaues Handtuch. Das Handtuch ist sein Abschiedsgeschenk. Es ist ein Symbol dafür, dass es nun zu Ende ist.

Thomas End ist 45 Jahre alt, er besitzt drei blaue Handtücher.

"Du kannst versuchen aufzuhören", sagt er, "aber du kommst hier nicht weg." Die alten Männer taten sich wieder zusammen, End, heute Berufsschullehrer, ist die Zehn, der Spielmacher, der Kopf der Mannschaft. Er sagt: "Ich brauche das, den Wettkampf, diesen Betrieb, diese Regelmäßigkeit. Ich könnte nicht ohne."

Es ist so: Ehemalige Bundesligaspieler gehen golfen, geben Interviews, sitzen in Fußballtalksendungen, in denen sie die eigenen Mythen reproduzieren. Ehemalige Kreisliga-Spieler spielen Kreisliga.

Vor dem ersten Saisonspiel standen die Männer des SV Blau-Weiß Fuhlenbrock bei den Kabinen und warteten. Da kamen die Spieler des Gegners, im Schnitt 20 Jahre alt. Sie fragten: "Seid ihr die Betreuer?" Die Männer sagten: "Wir sind die Mannschaft." Die Jungs lachten. Alte Säcke. Die Säcke gewannen 8 : 4.

Später kamen die Niederlagen, die Verletzungen. Zerrungen, Muskelrisse, der Torwart brach sich den Finger. "Das Alter", sagt End. Knochen auf Asche. Es kann die Hölle sein.

Die Bäuche, Ranzen sagen die Leute, zeichnen sich ab unter den Trikots, die Männer sind nicht mehr so schnell wie früher, so leicht, so jung. 0 : 11, 0 : 8. Aber Hohn und Spott, Sieg oder Niederlage, darauf kommt es nicht an. Darum geht es ihnen nicht.

An einem Sonntagmittag im Herbst, auf einem Platz unter Starkstrommasten, sind End und seine Mannschaft beim Tabellenzweiten zu Gast. Wieder junge Typen, die aus Sportwagen steigen. Studenten mit athletischen Körpern in frisch gewaschenen Trainingsanzügen. Die Männer vom SV Blau-Weiß Fuhlenbrock sind im Schnitt 39 Jahre alt, der Torwart ist 1963 geboren. Hat schon die Mauer gestellt, als die Mauer noch stand.

Jeder Spieler ist seine eigene Legende

Vor umgebauten Garagen sitzen ehrliche Trinker und trinken. Gehört dazu, wie die Tristesse. Kreisliga, das sind Kabinen ohne Farbe, das ist der Geruch von Franzbranntwein, das ist dreimal Tape um zweimal gebrochene Knöchel. Das ist, wenn am Spielfeldrand kein Arzt steht, sondern eine Dose Eisspray.

Kreisliga, das ist immer vor dem Spiel, die Vorfreude, das Adrenalin. Die Verklärung. Thomas End sagt: "Es gibt kein geileres Gefühl auf der Welt, als einem 21-Jährigen mit Marco-Reus-Frisur und Unterarm-Tattoo den Ball durch die Beine zu schieben."

Kreisliga, das ist auch der Ort, an dem jeder seine eigene Legende ist.

Wenn in Bottrop ein Stürmer das Tor verfehlt, sagt immer einer der Alten am Spielfeldrand, die auf Zigarren kauen und auf Meinungen beharren: Einen wie den Jablonksi, den brauchten wir hier. Und alle anderen nicken. Und stoßen an. Wohlsein. Weiß ja jeder, der Jablonski, der hätte den gemacht. Mit verbundenen Augen. Auf einem Bein. Ist so.

Der Jablonski ist ein Kampfschwein, sagen sie dann, wie der Wilmots. Was hier das größte Kompliment ist, weil Marc Wilmots bei Schalke spielte, als Schalke den Uefa-Pokal gewann, 1997.

Kreisliga-Geschichten sind immer auch Heldengeschichten. Die Geschichte von Torsten "Toto" Jablonski ganz besonders. Deshalb dauert es, wenn die Alten von Toto Jablonski erzählen, nie lang, bis sie von der Bundesliga erzählen. Weil es nicht viele gibt, die es aus Bottrop raus geschafft haben. Den Sprung, wie man hier sagt, als wäre die Welt da draußen immer gleich kaltes Wasser. Toto Jablonski aber, der wäre fast mal zu Borussia Mönchengladbach gegangen, nach ganz oben. Das ist 16 Jahre her.

Toto Jablonski arbeitet jetzt seit 14 Jahren bei der städtischen Müllabfuhr.

Jablonski ist 38 Jahre alt und spielt immer noch. Nur jetzt eben ganz unten, Kreisliga. Von seinem Wohnzimmerfenster am Stadtrand von Bottrop kann er den Platz sehen, auf dem er spielt, mit seinem Verein, den Welheimer Löwen, Rot und Weiß. Hinter den Flutlichtmasten stößt eine Kokerei eine dunkle Wolkenfront in den Himmel, über das Spielfeld, Schwefelgestank.

Für Torsten Jablonski sind es von der Wohnung zum Platz nur wenige Meter, das ist wichtig, weil er nach den Spielen kaum noch laufen kann, die paar Meter aber, die schafft er gerade noch.

Kreisliga, das sind immer auch Passionsspiele.

Als ihm mal die Bandscheibe rausflog, sagte Jablonski: Jetzt ist Schluss. Als sie ihm zwei Wochen nach dem Comeback die Nase brachen, sagte er: Jetzt höre ich wirklich auf.

Nun steht er an einem kalten Spätnachmittag im Flutlicht, die Schienbeinschoner in der Hand, das Trikot übergezogen, und sagt: "Nur noch diese eine Saison, dann höre ich auf." Läuft sich warm, läuft nicht mehr rund. Kreisliga, Abnutzungskampf, es schmerzt bei jeder Grätsche, jedem Sturz, jedem Schritt zu viel.

Seine Freunde fragen ihn: Warum tust du dir das an? Auf Asche, ganz unten? Er kann die Fragen verstehen. Er war ja mal kurz davor, hier rauszukommen, nur einen Atemzug entfernt von der Bundesliga, in der die Luft angeblich eine andere ist. Ohne Schwefel.

Kreisliga, das ist eben auch die alte Geschichte von Aufstieg und Fall. Torsten Jablonski hat sie erlebt. Und Peter Raabe auch.

Peter Raabe, der Manager des SV Vonderort, der Verein mit dem Dioxin in der Asche, kam als Kind, eines von sieben, aus Bayern in den Pott. Allein mit der Mutter, der Vater war im Krieg geblieben. In Bayern war das Geld knapp, im Pott aber, Glück auf, gab es die Kohle, die Zechen, ehrliche Arbeit. Raabe hat seine Kindheit in Vonderort verbracht, auf dem Platz, auf dem er mit 41 Jahren noch als Torwart stand. Mit 44 hatte er seinen ersten Herzinfarkt, mit 47 Jahren den zweiten.

Peter Raabe hat sein Geld auf dem Bau gemacht. Hatte seine eigene Firma. Er hat Kamine gebaut, Hochsteinkamine, Klinkerkamine, Bruchsteinkamine, 16 Stunden am Tag hat er gearbeitet, sich beinahe zu Tode geschuftet.

Die Ärzte verordneten Ruhe, bessere Luft. Raabe zog zurück nach Bayern. Ein Lebensabend, zu früh. "Ich habe mein ganzes Leben malocht", sagt Raabe. Und plötzlich war da: nichts mehr.

"Ich konnte mich", sagt Raabe, "immer auf meine Hände verlassen." Er hält sie ausgestreckt nach vorn, sie zittern leicht. Einmal, erzählt Raabe, wollte er einen Kredit aufnehmen. Der Bankangestellte fragte nach Sicherheiten, Raabe zeigte seine Hände. Sie waren sein Kapital. Als Torwart. Auf dem Bau.

In Bayern aber, keine Maloche, keine hohen Bälle, die er aus der Luft pflücken konnte, keine Schornsteine, die er in den Himmel ziehen konnte, hatten Raabes Hände nichts mehr zu halten. Nun war es die Langeweile, die ihn umzubringen drohte.

Er fing zu wandern an, jeden Tag zehn Kilometer, zwanzig, rastlos, bis die Muskeln brannten. Und wusste bald: So geht es nicht weiter. Er musste zurück, in den Pott. Heimat oder Gesundheit.

1996 ging Raabe wieder nach Vonderort, wieder zu seinem Verein. Er kannte nichts anderes. Der Verein lag am Boden, ganz unten in der Kreisliga B. Vonderort hatte nichts, Raabe hatte sein Geld. Er half dem Verein wieder auf. "Ich wollte", sagt er, "dem Verein etwas zurückgeben."

Was dann begann, lässt sich im Vereinsheim des SV Vonderort an den Wänden nachverfolgen. Da hängen Zeitungsausschnitte hinter Glas, die von der Zeit erzählen, als hier noch der Stolz mit am Tresen saß. Vom Pokalspiel gegen den Wuppertaler SV etwa, als sie den Regionalligisten am Rande der Niederlage hatten. "Das war", sagt Raabe, "ein Bombenspiel, mein lieber Scholli, da war richtig Alarm hier, volle Hütte." Selbst der WDR hatte eine Kamera aufgebaut.

Hätten sie gewonnen, hätten sie danach gegen Rot-Weiss Essen gespielt. Haben sie aber nicht. Kreisliga, das ist, wenn die größten Siege im Konjunktiv gefeiert werden.

Dort an der Wand hängen auch Fotografien von Peter Raabe. Raabe im Tor. Raabe mit Goldkettchen und getönter Brille. Raabe mit Gerhard Mayer-Vorfelder, dem damaligen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Raabe, bitte recht freundlich. Vor zwölf Jahren wurde er vom DFB in den Club 100 aufgenommen, eine Auszeichnung, die besondere Leistungen im Ehrenamt würdigt. Mayer-Vorfelder steckte Raabe damals, am 20. November 2002, in Gelsenkirchen eine Nadel an. Der Ritterschlag von König Fußball. War eine gute Zeit.

Raabe hat den Verein aufgerichtet und aus der Kreisliga in die Bezirksliga geführt. "Wir waren", sagt er, "eine richtige Nummer, eine gute Adresse in Bottrop." Volle Hütte, Volksfeststimmung. Alles lange her. Draußen vor dem Vereinsheim stehen jetzt nur noch die Unentwegten, die Wetterfesten, die immer da sind. Ein ehemaliger Trainer, ehemalige Spieler. Und ganz hinten, in blauem Pullover, wie an jedem Tag, der Herr Dieske, der Zweite Vorsitzende, der die Kabinen putzt und die Linien richtet. Der Inventur macht und Inventar ist. Die Männer, sie grüßen ihn kurz. "Hallo, Didi, wie isses?" – "Muss ja." Didi, putzmunter. Wie immer.

Die Männer dort draußen am Spielfeldrand, auch sie erzählen von früher, von den hellen Jahren, wie sie sagen. Früher, da konntest du erhobenen Hauptes durch Bottrop gehen, in der Kneipe sitzen, ohne dich zu schämen, bei Vonderort zu spielen. Auch mal richtig schwofen gehen. Nach Siegen, das weiß jeder in der Kreisliga, lässt es sich gleich besser tanzen. Und der Raabe, zwei Hände voll Geld, finanzierte den Schwof. Raabe, heute ein König.

Er ging einkaufen, in der Nachbarschaft, bei der Konkurrenz. Verpflichtete Spieler und warb Trainer ab. Der Raabe, sagen die Männer, ist Geschäftsmann durch und durch. Für die besten Spieler, die Königstransfers, zahlte er Handgeld. Und auch mal 500 Mark Gehalt. In Vonderort, sagen die Männer, hat keiner für Nüsse gespielt. Die Tür, auf der das Wort Manager klebt, stand immer offen. Wenn einer sein Auto in die Werkstatt bringen musste, kam er in Raabes Büro, und Raabe machte sein Portemonnaie auf. Wenn die Spieler neue Schuhe brauchten oder Trainingsanzüge, kamen sie in Raabes Büro, und Raabe machte sein Portemonnaie auf. Einmal hat er einen Spieler aus dem Knast ausgelöst.

Noch eine Liga höher geht es dann bald schon um Geld

Und in jedem Sommer sind sie, 16 Spieler, der Trainer, der Raabe und der Herr Dieske, nach Mallorca geflogen, Cala Ratjada. Dort, im Restaurant Toni II, hing noch viele Jahre danach ein Mannschaftsfoto, hing ein Schal des Vereins.

Der Raabe, sagen die Männer, ist ein guter Kerl, der hätte sein letztes Hemd für den Verein gegeben. Am Ende aber, da hat er sich übernommen. Da hat das alles nicht mehr zusammengepasst, der Raabe, das Geld und der SV Vonderort.

Die Kreisliga ist eben auch der Ort, an dem der Erfolg dein größter Feind sein kann.

In Fuhlenbrock, nur fünf Minuten die Straße runter, bei Thomas End, gab es einst einen Jugendleiter, der einmal etwas ganz Grundlegendes, etwas sehr Wahres über den Sportverein, Blau und Weiß, gesagt hat. Eigentlich, sagte er, darf dieser Verein gar nicht aufsteigen. Eigentlich muss er immer Kreisliga spielen, damit er bleibt, was er ist. Ein Auffangbecken für die Jugend, eine Anlaufstelle für die Familien, ein Stadtteilverein, selbst irgendwie Familie.

Thomas End sagt, den Verein zu verlassen, das wäre, als würdest du aus der Familie ausscheiden, das wäre ein Austritt aus dem Freundeskreis. Was willst du denn stattdessen machen, wo willst du denn sonst hin? In Bottrop, wo es eine Disco gibt und zwei Kneipen, die aber echte Kneipen sind, in die man nicht zum Vergnügen, sondern zum Saufen geht, nicht zum Sprechen, sondern zum Starren.

"Ohne den Fußball", sagt End, "wäre da nur eine große emotionale Obdachlosigkeit."

So aber gehst du ins Vereinsheim, wenn du mal jemanden treffen willst, ohne verabredet zu sein. Da findest du immer einen zum Reden. Und ein Thema hast du auch gleich. Den Fußball. Den vor der Haustür. Oder den auf Schalke. So einfach ist das.

Und dass ein paar Freunde eine Mannschaft sind, ist so auch nur in der Kreisliga möglich, wo es mit zwei, drei Ausnahmekönnern noch immer für die Teams aus der Nachbarschaft reicht. Eine Liga höher kommen schon die guten Jungs aus Essen und Oberhausen. Ein Verein, der da mithalten will, braucht Spieler, die da mithalten können. Also werden ein paar Freunde aussortiert.

Noch eine Liga höher geht es dann bald schon um Geld. Kann man nichts machen, das kommt von alleine. Und wo Geld ist, entsteht Neid, das ist in der Bundesliga so, aber auch in den Amateurligen. Zehn Millionen Euro Jahresgehalt oder 40 Euro Auflaufprämie, es macht keinen Unterschied. Der Mensch ist auch hier nur ein Mensch.

Vor mehr als 25 Jahren, als Thomas End und die anderen gerade aus der Jugend- in die Herrenmannschaft aufgerückt waren, stieg auch der SV Blau-Weiß Fuhlenbrock mal in die Bezirksliga auf. Zwei Jahre später waren sie wieder unten, in der Kreisliga, und fühlten sich dort insgeheim auch wohler, selbst wenn das heute niemand mehr zugeben würde.

"Eine Mannschaft wie unsere funktioniert nur hier", sagt Thomas End. Ganz unten. Die Männer haben nichts zu gewinnen und deshalb auch nichts mehr zu verlieren. Vielleicht ist das die Definition von Leichtigkeit.

Am Ende des Spiels auf dem Platz unter Starkstrom atmen die Männer schwer, die Niederlage im Rücken, die Anstrengung im Gesicht. Ab einem bestimmten Alter können 90 Minuten eine Ewigkeit sein. Auf Asche ist Zeit relativ.

Ab einem bestimmten Alter aber können 90 Minuten auch genau die Zeit sein, die man noch gemeinsam verbringt. Die Männer, die Freunde, die Beruf und Familie haben, sie würden sich ohne das Spiel, ohne die Mannschaft, vielleicht noch einmal im Monat sehen.

"Wenn wir aufhören", sagt Thomas End, "dann wird es schwer, Kontakt zu halten." Hier aber kommen sie zusammen. Fußball, Asche, sozialer Kitt. "Kameradschaft, darum geht es, so abgedroschen es klingen mag", sagt Thomas End.

Kreisliga, das ist auch der Ort, an dem die Floskel ganz nah an der Wahrheit ist.

"Das ist wie am Lagerfeuer", sagt End. Einer holt einen Kasten. Bier aus der Region. Auch so ein Ritual. Kreisliga, das ist schließlich auch der Ort, an dem die dritte Halbzeit immer die wichtigste ist.

Sie ziehen sich, die Nachmittagssonne zwischen den Ästen, die Stühle heran, bilden einen Kreis, lassen sich fallen, öffnen die ersten Flaschen. Einer sagt: "Bis zum Anpfiff war es doch ein gutes Ergebnis." Und alle lachen. Und der Schweiß tropft, und mit ihm fließt auch der Ärger ab.

Ein paar Minuten später kommen die Gegner vorbei, frisch geduscht, die jungen Typen, in der Luft der Geruch einer Douglas-Filiale. Sie schauen herüber, ein bisschen spöttisch, und sagen: "Schönen Tach noch, Männer."

Und die Männer heben ihre Biere und sagen: "Den werden wir haben, prost." Und die Jungs schütteln die Köpfe. Alte Säcke. Doch den Männern ist das egal. Sie schauen ihnen, den Jungen, der Jugend, nicht nach.

Torsten Jablonski besitzt den Vertrag aus Gladbach noch immer, viele Seiten dick. Er hat ihn in eine Schublade gelegt, die er ab und an öffnet. Vor einiger Zeit hat sein Schwager ein Foto des Vertrags auf Facebook gepostet. Der Schwager war stolz, Jablonski war es eher unangenehm. Es hat ihn, den Stürmer, wieder an die eine, die größte Chance erinnert, die er nicht genutzt hat.

Norbert Meier kann sich genau erinnern an damals, an den Jablonski. Meier, mittlerweile Trainer bei Arminia Bielefeld, Absteiger aus der Zweiten Bundesliga, wollte Jablonski damals nach Gladbach holen. Weil der Jablonski etwas mitbrachte, das man nicht lernen kann. Den richtigen Instinkt vor dem Tor. "Der Jablonski war unbekümmert", sagt Meier. "Ein Straßenfußballer, der von seiner Schnelligkeit lebte. Der hat sich keinen Kopf gemacht. Einfach Ball am Fuß, rauf aufs Tor."

Jablonski hatte in der Kreisliga angefangen, immer rauf aufs Tor. Er wurde Torschützenkönig, stürmte bald in der Verbandsliga, zwei Ligen unter der Zweiten Bundesliga, bei Adler Osterfeld, einem Verein aus Oberhausen, das Projekt eines Bauunternehmers, der damals ein paar in die Jahre gekommene Bundesligaprofis aus der Region zusammenkaufte. Dazu Talente wie Jablonski, denen er einen Vertrag und gleich noch einen Job in der Firma gab.

Jablonski ging also nach Oberhausen, bekam eine Anstellung als Stürmer und Schlosser und machte einfach weiter wie bisher, immer rauf aufs Tor. Am Ende der Saison, 1998, stiegen Adler Osterfeld und Jablonski in die Oberliga auf, vier Ligen unter der Bundesliga. Jablonski spielte jetzt nicht mehr im Kreis, er spielte gegen die zweite Mannschaft von Bayer Leverkusen, spielte auch gegen die zweite Mannschaft von Borussia Mönchengladbach, bei der saß Norbert Meier auf der Trainerbank.

Ein paar Wochen später konnte Jablonski, 22 Jahre alt, im Büro des mittlerweile verstorbenen Gladbach-Managers Rolf Rüssmann die Bundesliga vom Fenster aus sehen, auf dem Tisch lag der Vertrag. "Da hieß das Stadion noch Bökelberg", sagt Jablonski, "da war ich wirklich gewesen." Er erzählt diese Geschichte immer, als wäre es die Erinnerung eines anderen. Als müsse er Distanz zwischen sich und seine Geschichte bringen, wie sonst zwischen sich und die Gegenspieler.

Jablonski hat damals nicht unterschrieben. Der Schritt kam ihm zu früh, schien ihm zu groß. "Ich habe mich bei Adler wohlgefühlt", sagt Jablonski. Der Vertrag mit dem Bauunternehmer bedeutete einen sicheren Job, gutes Geld. Es reichte für ein neues Auto, für die langen Nächte mit den Jungs. "Ich wollte das hinauszögern", sagt er, "noch warten." Jablonski dachte, noch ein Jahr in der Oberliga, dann kommt bestimmt wieder ein Angebot, vielleicht sogar von Schalke. Der nächste Wilmots, das klang doch gut.

Am Ende bleiben die Träume

Der Trainer Norbert Meier sagt dann noch einen Satz, der mal ein Lob war, einen dieser Konjunktivsätze des Fußballs, in denen die ganze Tragik steckt: "Der Jablonski hätte das Potenzial gehabt."

"Natürlich", sagt Jablonski, "frage ich mich manchmal, was gewesen wäre." Auch das ein Gedanke, den er sofort wegschiebt.

Er weiß es ja selbst: Das Angebot von Gladbach, das war sein Zug in Richtung Bundesliga. Allerdings ist es mit dem Zug in Richtung Bundesliga so eine Sache. Jene, die von diesem Zug erzählen, sitzen nie in einem der Abteile, sie stehen immer am Bahnsteig der eigenen Biografie und schauen ihm hinterher.

Und in der Regel hält dieser Zug genau ein Mal an einem kleinen Bahnhof wie Bottrop. Und wer dann den Schritt nicht wagt, wer nicht aufspringt, noch warten will, dem kann es passieren, dass er 16 Jahre später noch immer dort steht, Bahnhof Bottrop. Endstation Kreisliga.

Peter Raabe, dem Manager, dem König von Vonderort, glitt der Verein aus den Händen, als er am erfolgreichsten war. Vor zwölf Jahren stand der SV Vonderort an der Spitze der Bezirksliga, kurz vor dem Aufstieg in die Landesliga. Landesliga, das sagen die Leute hier, ist der Ort, an dem der Fußball anfängt.

Raabe also war dem Fußball sehr nah. Und es scheint, als habe ihm diese Nähe Angst gemacht.

Der Peter, sagen die Alten von Vonderort, der hat sich die Landesliga nicht zugetraut. Raabe sagt: "Wir konnten uns die Landesliga nicht leisten."

Vielleicht hatte er sich tatsächlich übernommen, finanziell. Also hat Raabe damals, sein Verein auf einem Aufstiegsplatz, von einem Tag auf den anderen das Portemonnaie zugemacht. Kein Geld mehr für die Spieler, kein Geld mehr für den Verein.

Im entscheidenden Spiel gegen TuS Helene Essen brach die Mannschaft auseinander. Null zu fünf. Essen stieg auf, Vonderort nicht. So einfach war das, so schwer zu ertragen. Und es begann, was die Leute, die Trainer und Spieler als die dunklen Jahre bezeichnen. Raabe war immer noch der König von Vonderort, aber ein König ohne Volk.

Vonderort spielte dann bald wieder in der Kreisliga. Und dann entdeckten sie auch noch das Dioxin in der Asche.

Jetzt, im Herbst, läuft Raabe durch das Vereinsheim wie durch ein Mausoleum. Er hat es selbst gebaut. Es ist dunkel dort drinnen und still. Raabe sagt, seine Kraft habe nachgelassen. Gerade war er wieder im Krankenhaus. Das Herz. Eine Ader ist geplatzt. Sie haben ihm zwei Stents gesetzt. "Das mit dem Herzblut, da ist ja was Wahres dran."

Manchmal sagen die Leute: Peter, der Verein wird dich umbringen. Sie sagen: Irgendwann kommen wir auf den Platz, und du liegst da. Tot.

Umso besser, sagt Raabe, dann verbrennt mich gleich. Und verteilt mich auf dem Platz. Asche zu Asche.

"Auf dem Platz sterben", sagt Raabe, "das wäre doch was."

Wenn du dich für den Fußball entscheidest, sagen die Leute in Bottrop, dann hörst du nicht auf, bevor du umfällst. Erst Jugendmannschaft, dann Herrenmannschaft, dann Trainer, dann Manager, dann ein Foto an der Wand. Immer auf dem Platz, immer im Kreis. Der Lauf der Dinge.

Torsten Jablonski, der nie einen Anruf von Schalke bekam, der bei Adler Osterfeld blieb, weiter seine Tore schoss, bis die Beine zu schwer wurden für die Oberliga, die Tore plötzlich weit weg waren, trainiert heute die Jugendmannschaft seines zehnjährigen Sohnes. Nachwuchs. Neue Knochen, neue Träume. Ist doch genug Fußball, findet seine Freundin.

Aber natürlich will Jablonski selbst noch spielen. "Ich kann nicht einfach aufhören", sagt er. "Das ist meine Droge. Andere haben ihre Zigaretten, den Alkohol. Ich habe den Fußball."

Deshalb spielt er jetzt wieder Kreisliga, Welheimer Löwen, am Stadtrand von Bottrop. Und weil er ein Versprechen einzulösen hatte. Der Trainer und er kennen sich aus der Jugend. Wenn ich oben aufhöre, hatte Jablonski gesagt, komme ich noch mal für ein Jahr. Freundschaftsdienst. "Das passiert doch beim Fußball", sagt Jablonski, "es entstehen Freundschaften, die bleiben."

Also läuft er auch an einem dieser Sonntage im Spätherbst wieder auf den Platz, Welheimer Straße, hinten die Kokerei, die Alten am Rand. Mit dem Anpfiff endet die Woche. Und es beginnt, für 90 Minuten, etwas anderes, ein Spiel, aber nicht nur. Die Asche staubt, und Jablonski ist gleich ganz vorne drin. Immer mehrere Gegenspieler bei ihm, Sonderbewachung. Und wenn er auf die Toilette geht, hat der Trainer der anderen gesagt, dann geht ihr mit.

Zweikampf, das gilt hier als Aufforderung. Kreisliga, das sind auch immer zwei, die kämpfen. Um den Aufstieg, um den Ball, mit dem Gegner. Jablonski läuft, reibt sich auf. Der Toto, sagen die Alten am Rand, der macht noch einen.

Gespielt wird in der Kreisliga auch mit der Stimme. Kommandos, gebrüllt, fliegen über den Platz, mischen sich mit den Rufen der Zuschauer.

"Verschieben!"
"Männer nehmen!"
"Abseits!"
"Schiedsrichter!"
"Blinde Sau!"

Jablonski passt nicht hierher. Die Technik, die Bewegungen. Eine andere Liga. Nur etwas langsamer als früher. Seine Mitspieler rennen für ihn. Rennen an, rennen sich kaputt, rennen, blind vor Wut, irgendwann in zwei Konter.

Fußball, weiß ja jeder, ist ein Arschloch. Kann man nichts machen. Nirgends hilft die Vergangenheit so wenig wie auf dem Platz.

"Die wissen ja, dass ich mal höher gespielt habe", sagt Jablonski, am Spielfeldrand, nach dem Spiel. "Und dann kleben sie mir erst recht auf der Pelle." Er steht da, erschöpft. Hatte immer drei Gegner auf den Füßen. In der Kreisliga, da gibt es noch richtige Manndecker. Richtige Fußballer aber, die gibt es in der Kreisliga kaum. Sie sind eine seltene Spezies, sie gedeihen auf Asche nicht gut. Und werden erst recht gejagt. Nicht immer kommen sie davon.

Also wird Toto Jablonski gleich nach Hause humpeln, die paar Meter, wie immer. Und am Montagmorgen wieder im Müllwagen sitzen, aufm Bock, wie die Leute hier sagen. Wird dort sitzen und schon wieder an den nächsten Sonntag denken, wie immer. "Gerade wenn du verloren hast", sagt er, "sitzt du montags aufm Bock und hast nur das nächste Spiel im Kopf." Kann man nichts machen, das lässt dich nicht los. Aufm Bock ist vor dem Spiel. Jede Woche.

Die Runde mit dem Müllwagen, tausend Eimer am Tag, sie ist immer die gleiche. Routine. Der Fußball aber, sagt Jablonski, ist auch nach 25 Jahren unberechenbar geblieben. Er hat noch immer, vor jedem Spiel, dieses Kribbeln im Magen, die Aufregung. "Und es macht auch keinen Unterschied", sagt er, "ob ich an der Hafenstraße in Essen vor 15.000 oder an der Welheimer Straße in Bottrop vor 50 Zuschauern spiele." 95 mal 82 Meter Asche, das ist seine Bühne.

"Am Ende", sagt Jablonski, "landen alle Fußballbekloppten in der Kreisliga."

Dann nimmt er seine Tasche und geht. Jeder Schritt eine Zumutung. Bis zum nächsten Spiel, bis zum nächsten Sonntag.

In der Kasse des SV Vonderort liegen zwölf Euro. Die Wahrheit der Münzen, ganz hart. Zwölf Euro, das sind fünf zahlende Zuschauer. Zwölf Euro, das reicht nicht mal für den Schiedsrichter, sagt Peter Raabe. "Zwölf Euro, damit kann ich nicht mal den Strom bezahlen."

Auf dem Platz läuft die zweite Halbzeit, seine Mannschaft, ganz unten in der Tabelle, Auswahl der Namenlosen, liegt hoffnungslos zurück.

Eigentlich, sagt er, müsste er den Laden zusperren. Aber, Kopfschütteln, das kann er nicht. Raabe, vier Kinder, acht Enkel, sagt: "Ich habe doch sonst nichts. Ich kenne nichts anderes. Ich gehe nirgendwohin. Wer mich erreichen will, findet mich auf dem Platz."

Er zeigt auf die Asche, das Vereinsheim, den Rasen dahinter. Zeigt mit beiden Händen, sagt: "Wenn ich einmal im Lotto gewinne, reiße ich das hier alles ab und baue ein neues Stadion. Ich brauche nur 500.000 Euro, dann bin ich in fünf Jahren in der Landesliga."

Am Ende bleiben die Träume. Dann ist das Spiel aus.