Auch mit 91 Jahren hat Henry Kissinger noch ein untrügliches Gespür für das richtige Thema und das richtige Timing. In dem Jahr, da alle klagen, die Welt sei "aus den Fugen", legt er sein neuestes Buch vor, dessen Titel nicht nur die Herausforderungen der Gegenwart, sondern auch das Selbstbewusstsein des Autors in einem einzigen Wort zusammenfasst: Weltordnung.

Man denkt: Darunter macht Kissinger es nicht. Weltgeschichte und Weltpolitik – das sind die Felder, auf denen sich der ehemalige amerikanische Sicherheitsberater und Außenminister bewegt. Amerika, China, Indien, Europa, Russland, Iran – die großen Spieler des Weltgeschehens. Der Stratege bringt sie wie Figuren in Stellung auf dem Schachbrett der Geschichte, das ja in Wahrheit meist ein Schlachtfeld war.

Das Faszinosum Kissinger – übrigens auch in seiner Eigenwahrnehmung – besteht darin, dass er in seiner Person die Gelehrsamkeit des Historikers mit der Virtuosität des Diplomaten verbindet. Er war ja selbst dabei. Bei der Entspannung zwischen Washington und Moskau. Bei der Öffnung Chinas. Bei den Verhandlungen mit Nordvietnamesen, Israelis und Palästinensern. Seit Kennedy hat er alle amerikanischen Präsidenten beraten. Es gibt noch heute von Peking bis Berlin keine Tür, die ihm nicht offen stünde.

Kissinger, wir wissen es, liebt die großen Linien. Er hat höchsten Respekt vor politischen Kulturen mit einer jahrhundertealten, ausgefeilten Staatskunst, der chinesischen etwa oder der iranischen. Den Machthabern in Teheran attestiert er strategisches Denken in der Tradition des alten Persiens – vollkommen unbeeindruckt davon, dass heute islamistische Revolutionäre regieren.

Seine größte Bewunderung aber gehört den Chinesen – auch wenn ihre politische Kultur den Prinzipien des von Kissinger hochgehaltenen Gleichgewichts der Mächte diametral zuwiderläuft. Denn der alte Herrschaftsanspruch der Kaiser in Peking – "Alles unter dem Himmel" – unterstellte eine universale Hierarchie, der sich alle Mächte unterordnen mussten, von Gleichgewicht und Machtbalance keine Spur!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Gleichgewicht der Mächte, das ist ein europäischer Gedanke, angelegt im Westfälischen Frieden von 1648, mit dem der Dreißigjährige Krieg endete. Um die "westfälischen Prinzipien" kreist dieses Buch: staatliche Souveränität, Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, Unverletzlichkeit der Grenzen. Sie sind für Kissinger das Ordnungsmuster, das sich durch die Jahrhunderte bewährt hat, es gibt für ihn keine besseren Regeln, um den Frieden zu bewahren. Bis heute.

Allerdings haben gerade die Europäer, die sie doch ersonnen hatten, diese Regeln am grausamsten verletzt. Es war die aufsteigende Weltmacht Amerika, die nach zwei von Europa ausgehenden Weltkriegen dem internationalen System neue Regeln geben und neuen Respekt verleihen musste.

Dabei hatte sich Amerika ursprünglich von der alten Machtpolitik Europas ausdrücklich abgewandt; eine kühle Ausbalancierung der Kräfte widersprach seinem Idealismus und Exzeptionalismus. Der von Kissinger bewunderte Theodore Roosevelt (im Weißen Haus von 1901 bis 1909) war vielleicht der letzte amerikanische Präsident, der noch in Kategorien klassischer Machtpolitik dachte. Woodrow Wilson (1913 bis 1921) aber, der die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg führte, war von der Idee beseelt, der Welt die Demokratie, den Völkern das Selbstbestimmungsrecht zu bringen.

Kissinger weiß, dass spätestens seit Wilson in den Vereinigten Staaten Außenpolitik ohne "moralischen Universalismus" nicht mehrheitsfähig ist. Nicht von ungefähr hat er sich immer dagegen gewehrt, als reiner Realpolitiker zu gelten.

Amerika bleibt die "unverzichtbare Nation" (Madeleine Albright), weil keine andere Macht seine Gestaltungskraft und seinen Gestaltungswillen hat. Die Europäer handeln außenpolitisch bis heute nicht gemeinsam, Russland ist zur revisionistischen, ja zerstörerischen Macht geworden. Und China, der große Gegenspieler der Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert? Es hat am Aufbau des internationalen Systems nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mitgewirkt; wenn es künftig mehr Verantwortung übernimmt, dann wird es das westlich geprägte System weiterentwickeln, vielleicht überwinden wollen.

Während die Europäer, von der ewigen Rivalität zwischen Völkern und Staaten auf ihrem kleinen Kontinent geprägt, sich ein friedliches Miteinander am ehesten durch einen Ausgleich der Interessen nach den Regeln des "westfälischen Systems" vorstellen konnten, setzten die USA, wie Kissinger schreibt, "ihren Aufstieg mit der Verbreitung von Freiheit und Demokratie gleich".

Zwei Voraussetzungen braucht es für Kissinger zum Bau einer funktionierenden Weltordnung: Legitimität und Machtbalance. "Machtkalküle ohne moralische Dimension verwandeln jede Meinungsverschiedenheit in ein Kräftemessen (...). Andererseits führen moralische Imperative ohne das Streben nach Ausgewogenheit tendenziell zu Kreuzzügen oder zu einer Politik der Ohnmacht, die skrupellose Handlungen von Widersachern provoziert."

Das ist der ganze Kissinger. Natürlich hat auch er nicht die Rezepte für die Weltordnung von morgen parat. Aber er hat die Geschichte der großen Nationen studiert und zieht aus seinem Wissen kluge, beherzigenswerte Lehren. Legitimität und Machtbalance, das sind seine beiden zentralen Kategorien. Anders gesagt: Idealismus und Realismus brauchen einander; sonst gibt es keine stabile Weltordnung – schon gar keine friedliche und freiheitliche.