Mit dem linken Arm voran soll ich also wiedergeboren werden. Unser Höhlenführer Marcel erklärt vor jedem Engpass, wie wir hindurch steigen sollen. Jetzt liegt die "Wiedergeburt" vor uns. Ein schulterbreites Loch, durch das man in eine enge Kammer gelangt. "Wie Superman rein, und dann musst du dich huren, verstehst du das?" Schweizerdeutsch. Ich soll mich bücken, auf den Knien rutschen.

Ich mache mit dem linken Arm ein paar Superman-Trockenübungen. Buchstäblich, denn: "Der Hälfte aller Teilnehmer läuft Wasser in die Stiefel", sagt Marcel, während er bäuchlings ins Loch gleitet. Als ich meinen Kopf in die Öffnung stecke, leuchtet die Lampe an meinem Helm einen Spalt aus, der so eng und verwinkelt ist, dass mir beklommen wird. "Der Kanal, durch den du auf die Welt gekommen bist, war noch viel enger", tönt Marcels Stimme dumpf aus dem Dunkeln. So genau erinnere ich mich nicht daran. Aber er war bestimmt nicht felsig, und mir lief dabei auch kein Eiswasser in die Gummistiefel, denke ich. Dann hure ich mich durch meine Wiedergeburt.

Muotathal, Zentralschweiz am Tag zuvor. Zusammen mit Marcel und sechs weiteren Expeditionsteilnehmern sitze ich in einem verqualmten Restaurant am Fuße des Eingangs zum Hölloch, der zweitgrößten Höhle Europas. In den nächsten beiden Tagen wollen wir einen Teil der gut 200 Kilometer langen Gänge erkunden und nachts dort biwakieren. "Keine Handys, keine Uhren, keinen Luxus", sagt Marcel, ein kerniger Typ Anfang 50 mit verstrubbelten schwarzen Haaren. "Sonntag um 16 null null seid ihr wieder draußen, mehr müsst ihr nicht wissen. Genießt es, mal ohne Zeit zu sein."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Seit 24 Jahren führt Marcel Rota Höhlentouren. Dafür, dass er an 150 Tagen im Jahr durchs Hölloch stiefelt und in seinem Urlaub andere Höhlen der Welt inspiziert, ist er ziemlich braun gebrannt. Schon als Kind, sagt er, habe er Fuchslöcher ausgebuddelt. Andere forschen in Höhlen, weil sie hoffen, dort Schätze zu heben. Für ihn ist die Höhle selbst der Schatz.

"Licht ist das kostbarste Gut, wenn wir drinnen sind", erklärt er. Jeder bekommt einen Helm mit Stirnlampe. Marcel wird die Dunkelheit mit der Flamme seiner Karbidlampe durchstrahlen. "Zusammen mit einer Alu-Wärmedecke lässt sich daraus im Notfall ein Thermozelt einrichten." Notfall?

Im Hölloch sei noch nichts passiert, sagt Marcel. Kein Einschluss, kein Unfall. Nicht mal ein verknackster Fuß im letzten Vierteljahrhundert. Es kommt allerdings auch kein Tourist ohne kundige Führung hinein. Wie in Berghütten liegt im Restaurant ein Buch aus, in das jeder Tourleiter sich einträgt. Käme eine Gruppe nicht pünktlich zurück, setzte sich ein 60-köpfiges Bergungsteam in Bewegung.

"Alles tipptopp?"

"Alles tipptopp."

Eine halbe Stunde später stapfen wir wie ein Trupp Kanalarbeiter durch den vernebelten Wald. Im Biwak null, einer Hütte in der Nähe des Restaurants, haben wir den Luxus abgestreift, Jeans und Pullover gegen Thermounterwäsche und reißfeste Overalls getauscht. Statt Bergschuhen tragen wir Gummistiefel, weil sie auf dem glatten Untergrund mehr Halt geben.

Hölloch kommt nicht von Hölle. Sondern von hähl, rutschig, sagen Sprachforscher. Seit Millionen von Jahren frisst sich Wasser durch den Kalkstein. Das hat die vielen Gänge gegraben, sagen Höhlenforscher. Nein, es war doch der Teufel, sagen die Ältesten im Dorf: Eines Tages, als ihm das Teufelsein verleidet war, wollte er ein anständiger Bauer werden. Und kaufte dem Frauenkloster zu Muotathal eine schöne Alp ab. Von Hölleneifer besessen, spannte der Teufel zwei Feuergäule ein und durchpflügte die blumigen Matten am Pragelpass metertief. Als er sah, welche Steinwüste er geschaffen hatte, ergriff ihn brennende Scham. Auf kürzestem Weg stürzte er in seine Heimat zurück. Und hinterließ dabei einen gewaltigen Felsgang im Berg.

In diesem Gang laufen wir nun über das, was Marcel "Autobahn" nennt. Die betonierten Wege sind Relikte aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts, als eine belgisch-schweizerische Gesellschaft die Höhle im großen Stil touristisch erschließen wollte. Noch bevor Muotathal ans Stromnetz angeschlossen war, brannten im Hölloch die ersten Lampen. Nach wenigen Jahren machte ein Hochwasser die Investorenpläne zunichte.

Marcels Karbidflamme wirft ein warmes Licht auf den Fels, der uns umgibt. Aber es ist kalt. Fünf Grad bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. Atemwolken hängen vor jeder Helmlampe. Wir passieren die "Dolomiten", eine Stalagmitenformation, die an die italienische Gebirgskette erinnert, und verlassen die Autobahn.

So langsam wird die Höhle ihrem Namen gerecht. Ein glitschiger Film aus Wasser oder Lehm benetzt den Boden, über den wir kraxeln. Über eine Halde aus schwarzem Sand tauchen wir an klammen Seilen in die Dunkelheit hinab, sinken mit jedem Schritt in den knirschenden Untergrund. Weil Marcels Stimme über die Distanz verhallt, muss jeder seinem Hintermann erklären, wie schwierige Passagen zu bewältigen sind. "Ohne Riesentamtam die Information exakt weitergeben", sagt Marcel. Höhlen-Stille-Post.

Dann ragt die "Böse Wand" vor uns auf. Die Helmlampen reichen nicht, um ihr Ende anzuleuchten. Die Hölloch-Pioniere standen hier vor einem Problem. Wir hingegen können unsere Karabiner ins Seil neben einer Eisenleiter klinken und vierzig Meter hochsteigen. Oben angekommen, dampfe ich aus allen Öffnungen meines Overalls. Ich bin überrascht, dass unser Weg die meiste Zeit aufwärts führt. Wir sind Bergsteiger unter Tage. Nur dass die Erhabenheit fehlt, die über den Gipfeln liegt. Der Horizont. Die Weite.

Man kann nur darauf vertrauen, dass man heil zurückgebracht wird

Höhlenforscher im Hölloch

Unser Horizont ist das Dunkel. Alles wirkt gleich. Die Ewigkeit gähnt von ganz tief unten. An einer Stelle versperrt Holz den Weg. Eine Luftschleuse. Als Marcel eines der Bretter beiseite schiebt, faucht uns das Hölloch an. Man könnte ja meinen, so tief in einer Höhle wäre es stickig. Doch die verschiedenen Außentemperaturen und einfließendes Wasser halten die Luft in Bewegung. Sie riecht frisch. "Merkt ihr was?", wird Marcel später fragen. "Der Wind hat sich gedreht."

Wir verrammeln die Schleuse hinter uns. An einer Wegscheide stolpert uns ein Mann entgegen. Er guckt Marcel entgeistert an: "Wo geht es hier raus?"

"Versuch’s mal da lang", antwortet der und zeigt vage nach rechts. "Den lassen wir hier schon seit Jahren seine Runden drehen", sagt Marcel, als sein Kollege Martin wieder in der Dunkelheit verschwunden ist. Höhlenführerhumor.

Marcel deutet auf einen Schacht, der weiter nach unten führt. Dort durchfließt der Styx das Hölloch, ein unteriridischer Fluss. Nicht nur Leitern und Seile, auch Namen erschließen die Höhle. Sie bringen Farbe ins Dunkel: Rübli. Märchenschloss. Anubisgang. Manche Bezeichnungen verweisen auf die ersten Entdecker: Bürglerkamin, Saxerfall oder Ulrichstollen. Andere richten sich nach der Form von Höhlen oder Felsen wie die Papageienkammer, in der zwei Tropfsteine an Vögel erinnern. Wieder andere sind der Mythologie entlehnt.

Zum schweizerischen Hades gelangt man per Gummiböotli. Aber erst ins Büchli eintragen, das am Styx ausliegt! An einem Felsvorsprung fließt uns Wasser entgegen. "Das könnt ihr trinken", sagt Marcel. Ohne ihn wären wir aufgeschmissen. Mitunter fühle ich mich wie ein Kind auf einem Familienspaziergang: Der Weg ist unüberschaubar lang, und man kann nur darauf vertrauen, dass man heil zurückgebracht wird. Nach gefühlten drei Stunden Marsch erreichen wir eine Halle, das Dom-Biwak. Eine andere Gruppe bricht gerade auf, überall laufen Menschen mit Stirnlampen durcheinander. Als auch der Letzte von ihnen von einem Loch hinter den beiden Esstischen verschluckt worden ist, kehrt Ruhe ein.

Das Biwak ist zwar keine Schönheit, aber dennoch eine Oase in der Steinwüste. Hier tanken wir Wärme und Licht. Neben einer rudimentären Kochstelle gibt es fließendes Trinkwasser. Lehmbeschmierte Fässer schützen Lebensmittel vor Feuchtigkeit. Auf einem steht "Frühstücksfass". Geschlafen wird auf Militärpritschen unter der Höhlendecke. Marcel zieht eine Art Laserpointer aus der Tasche und wirft tausend helle Punkte an den Fels über uns, ein unterirdisches Himmelszelt. "Falls es jemandem fehlen sollte."

Toiletten sehe ich keine. Habe ich den Moment verpasst, als die Pampers verteilt worden sind? Dann entdecke ich einen Stollen, der zu einem Bretterverschlag in der Tiefe führt. Kühlschranktemperaturen und Sand, den man aus einem Eimer schippt, halten die Gerüche zurück.

Das Biwak ist unser Basislager für die weiteren Touren. Hier lassen wir unsere wenigen Sachen zurück. "Ein Rucksack für alle", bestimmt Marcel. "Ersatzkarbid und Reservebatterie, eine soziale Flasche, zehn Schokostängli." Wasser fällt aus dem Dunkeln über uns, als wir die Regenhalle durchqueren. Einen Meter lange hauchfeine Sinterröhrchen hängen wie Spaghetti aus Stein herab."Makkaroni nennt man die auch", sagt Marcel. "Nichts anfassen." Wie schnell die Steinfäden wachsen, kann niemand sagen. Manche sagen, einen Millimeter in hundert Jahren.

Wir krabbeln und kriechen über schmatzenden Lehm, rutschen auf unseren kevlarverstärkten Hosenböden, bis die roten Overalls fast braun sind. Links und rechts von uns ragen helle Phalli aus dem Steinboden. "Ein ganz anderes als das bekannte RAL-Weiß", sagt Marcel. "Albinkarstweiß." Marcel ist die Stimme des Höllochs. Oft erzählt er mit einer solchen Begeisterung, dass seine Gesten im Licht unserer Lampen flackern. Als wäre die Höhle eine Leinwand und er ein Lichtspiel darauf.

Wir passieren eine Felskante, an der Gestein wie gefrorener Schaum herabrinnt. Eine Kalkausscheidung, die in unvorstellbaren Zeitspannen hervorquillt. Stunden vergehen ohne Zeit, und meine Orientierung ist längst auf der Strecke geblieben. Bin ich im Höhlenrausch? Dann gelangen wir zu einem Engpass, der mich an meine Grenzen bringt. Marcel hat zwar immer einen derben Spruch auf den Lippen, aber ein feines Gespür für die Gruppe. Er beordert mich direkt hinter sich. Dreißig Meter auf dem Bauch durch einen Spalt erwarten uns.

"Helm abnehmen, sonst kann er verkeilen", sagt Marcel. Nicht hochgucken, denke ich. Ich sähe nur, dass es noch enger ist, als ich befürchtet habe. Ich robbe hinein. Der ganze Berg scheint mich kalt und fest zu umarmen. Ich denke nur noch in Zentimetern. Dann gar nicht mehr. Marcels Gummistiefel vor meinem Gesicht werden zu meinem Mantra. Solange die sich bewegen, stecken wir nicht fest. Irgendwo hinter mir passt Lukas, der kräftigste von uns, nur ohne Gürtelschnalle hindurch. Als ich mich aus der Enge pelle, haut Marcel mir kumpelhaft auf die Schulter und lässt sein Lachen losknattern. "Schöner Spalt, oder?" Mein Mund ist trocken. "Gib mal die soziale Flasche."

Als wir im Biwak zusammensitzen, weiß niemand mehr auch nur annähernd, wie spät es ist. Marcel dreht seine Gabel im Fonduetopf und rückt nicht mit der Zeit heraus. Stattdessen erzählt er uns von Michel Siffre. Im Selbstversuch wollte der französische Höhlenforscher in den sechziger Jahren dem Zeitgefühl auf die Spur kommen. Tief im Berg verbrachte er zwei Monate ohne Uhr in völliger Isolation. Als seine Kollegen ihn herausholten, war Siffre fest davon überzeugt, gerade einmal halb so lang wie tatsächlich im Berg gewesen zu sein.

Womit dann bewiesen wäre, dass es in dieser dunklen Welt gar nicht langweilig sein kann. Marcel jedenfalls blüht hier auf. Manchmal, wenn er freihat, sitzt er in der Aperohöhle nahe dem Eingang und hört Pink Floyd. "Die Welt brauchte viel weniger Psychopharmaka, wenn die Leute öfter in Höhlen gehen würden." Als ich ihn frage, was die Höhle für ihn bedeutet, sagt er: "Freiheit". Es sei dieses "Indiana-Jones-Gefühl", das ihn immer wieder hier reinführe. Wenn es oben keine weißen Flecken mehr gibt, sucht man die schwarzen hier unten.

Die letzten Reste werden aus dem Fonduetopf gekratzt, Pläne für den nächsten Tag gemacht: Die Schlange erwartet uns. Die Alligatorenschlucht. Der Besoffenen-Gang. Und meine Wiedergeburt steht an. Ich bin so erschöpft, dass ich mich irgendwann davonschleiche. Ich krieche in meinen Schlafsack, den ich auf einer feuchten Pritsche ausgebreitet habe. Soll doch ein anderer abwaschen.

Als ich wegdämmere, höre ich aus der Ferne noch, wie Marcel von Riesenstalaktiten in Vietnam erzählt und von Kakerlaken, die in den Höhlen von Borneo auf den Seilen sitzen. Aber vielleicht träume ich da auch schon.