Wohin man sich diesen Herbst auch wendet, man stößt bald auf Balzac. Er ist der Kronzeuge in Thomas Pikettys heiß diskutiertem Das Kapital im 21. Jahrhundert (C. H. Beck). Keinen Autor zitiert diese Analyse unserer krisenhaften Gegenwart häufiger als den vor 215 Jahren geborenen Honoré de Balzac. Alle fünfzig Seiten verneigt sich Piketty vor Balzacs Darstellung der "Tiefenstrukturen des Kapitals", unablässig lobt er des Autors Empathie bei der Beschreibung von Einkommensungleichheit. Gleich ein ganzes Kapitel widmet er der Rede, in der im Roman Père Goriot Balzacs Romanheld Vautrin, wir kommen auf ihn zurück, seinem Schützling Rastignac die Gesetze des sozialen Aufstiegs erläutert. Nie könne man, erklärt er mit tausend Einzelheiten, durch Ausbildung und Arbeit ein Einkommen erzielen, das dem vergleichbar sei, das einem die Einheirat in ein großes Vermögen verschaffe. Piketty findet diese Rede bestürzend, genau und gültig bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, vielleicht bis in unsere Zeiten.

Wie eine Fortsetzung Pikettys liest sich Franco Morettis gefeierter literaturwissenschaftlicher Essay Der Bourgeois. Eine Schlüsselfigur der Moderne (Suhrkamp). Auch hier spielt Balzac eine Hauptrolle. Moretti sieht, ganz wie Piketty, in Balzacs Figuren, etwa im Verleger Doguereau aus den Verlorenen Illusionen, das "personifizierte Kapital" von Karl Marx. Aber er verlagert den Akzent. Anders als Piketty interessieren ihn nicht Balzacs ökonomische Einsichten, sondern die Art, wie er aus diesen Einsichten Erzählungen fabriziert. Moretti zeigt ihn als Meister der sinnlich-konkreten Umsetzung. Alles Abstrakte spricht bei Balzac durch die Kleidung, den Gang, den Gesichtsausdruck, die Wohnlage und die Inneneinrichtung. Morettis Paradestück ist Doguereaus Gang zu Lucien de Rubempré, der Hauptfigur in den Verlorenen Illusionen. Der Verleger ist von Luciens erstem Romanmanuskript "begeistert" und "beeindruckt", er will ihm tausend Francs anbieten. Als er Luciens armseliges Hotel sieht, denkt er: "Mehr als achthundert Francs darf ich ihm nicht geben." Als er hört, dass Lucien im billigen obersten Stock wohnt, geht er auf sechshundert zurück, und angesichts von Luciens mehr als bescheidenem Zimmer bietet er noch vierhundert Francs.

Damit sind wir beim Hauptstück der kleinen Balzac-Vogue dieses Herbstes, dem Roman Verlorene Illusionen aus dem Jahr 1843, und bei seinem hinreißenden Helden Lucien de Rubempré. Der Hanser Verlag legt diesen Roman, für viele Balzacs schönster, in einer Neuübersetzung samt exzellentem Kommentar vor. Wohl auch in der Hoffnung, etwas gegen die weiß Gott erstaunliche Vergessenheit zu tun, in die Balzac beim Lesepublikum geraten ist. Auch in besseren Zeiten wird kaum jemand alle 91 Titel der Menschlichen Komödie gelesen haben, dieses enzyklopädischen Sittengemäldes seines Heimatlandes, das Balzac zwischen 1829 und 1850 in einem unvergleichlichen Schaffensrausch zu Papier brachte. Aber die Lektüre der schönsten Bücher Balzacs, ja der regelmäßige Umgang mit ihnen war doch Usus der gebildeten Stände, man lese nur, wie Hofmannsthal von seinen Balzac lesenden Bekannten spricht in dem wunderbaren Essay, der 1909 die Insel-Ausgabe der Menschlichen Komödie eingeleitet hat, etwas vom Schönsten, was je über Balzac geschrieben wurde. Noch in den fünfziger Jahren konnte Rowohlt mit den 40 zauberhaften Dünndruckbändchen seines Balzac viel Geld verdienen. Heute findet man, auch dank Hanser und Elisabeth Edl, weitherum gehaltvolle Meinungen über die respektiven Vorzüge Flauberts und Stendhals. Aber Balzac gilt den süchtigen Konsumenten quasi-balzacischer amerikanischer Fernsehserien, allen Bemühungen von Diogenes und Manesse zum Trotz, als toter Hund.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Dabei ist gerade die Geschichte Lucien de Rubemprés wahrhaftig eine für unsere Gegenwart. Ganz besonders trifft auf sie Hofmannsthals Wort zu, die Leser Balzacs "werden unmittelbar aus ihren Leben in diese Bücher hinüberkönnen, ganz unvermittelt aus ihren Sorgen und Widerwärtigkeiten heraus, ihren Lieblingsgeschichten und Geldaffären, ihren trivialen Angelegenheiten und Ambitionen". Suchen nicht bis heute weltweit arme ehrgeizige junge Männer aus der "Provinz" ihr Glück in den glitzernden Metropolen? Treffen sie dort nicht, heute mehr noch als damals, auf die verführerische Mischung aus Luxus und Moden, auf eine raffinierte Distinktion von Kleidung, Haltung und Lebensart, der letztlich nur ein Dandy ganz gewachsen ist? Sind nicht allenthalben die Medien das Feld, in dem der Erfolgreiche schnell zu Geld und, wichtiger, Beziehungen kommen kann?

Das ist die historisch bis heute lodernde Geschichte, deren Höhen und Tiefen Balzac in den Verlorenen Illusionen und in deren Fortsetzungsband Glanz und Elend der Kurtisanen erzählt. Er siedelt sie, nach einem Auftakt in der Provinz, im Paris des Jahres 1822 an, ungefähr in der Zeit, als er es dort selber, zwanzigjährig, in zwei von den Eltern finanzierten Probejahren als Autor versuchte. Mit unerhörtem Glanz schildert er das Paris jener Zeit, die Salons, die Theater, die Oper. Es gibt melancholische Promenaden à la Modiano und Equipagenfahrten à la Proust. Piketty könnte auch noch alles über die Ökonomie des Verlagswesens und Moretti vieles über die Klassenabstufungen zwischen Adel, Bourgeoisie und armen Leuten lernen. Aber nicht das ist es, was einen an diesem Roman am meisten gefangen nimmt. Es ist die Figur des Lucien de Rubempré, über dessen Suizid Oscar Wilde nicht untreffend sagte, er sei "eine der größten Tragödien meines Lebens" gewesen.

Lucien, der eigentlich Chardon heißt, dessen Mutter aber eine Rubempré ist, stammt aus sogenannten einfachen Verhältnissen, will hoch hinaus und hat dazu auch alle Gaben. Er sieht zum Niederknien gut aus, ein eher femininer Typ, auf den alle Frauen, alle, sofort fliegen, er hat Esprit samt Formulierungsgabe im Übermaß, hat Charme und kann sich jedem Milieu mit der größten Gewandtheit blitzschnell anpassen. Er hat alles, nur das nicht: Willen, Beständigkeit, Charakter. Außer aus Schönheit besteht er vor allem aus Wandlungsfähigkeit, die das Geheimnis sowohl seines Erfolgs als auch seiner Treulosigkeit ist. Er ist im Taktischen gleichzeitig genial und naiv bis zur fahrlässigen Dummheit.

Im Übrigen ist Lucien voller Ideale, wenn auch ständig wechselnder. Er will Dichter werden und wird es. Aber da er auch noch reich und berühmt werden will, zieht ihn seine Erfolgsgier in den Journalismus. Erst in den linken, der ihm Geld bringt, dann in den rechten, royalistischen, der ihm Ansehen bei den Aristokraten und die Anerkennung des mütterlichen Adelstitels bringen soll. Wie Balzac seinen Lucien auf 400 Seiten in einem Crashkurs durch alle Lebenssphären des damaligen Paris jagt, ist ein einziges funkelndes, leidenschaftspralles Fest des Lesens. Es bringt eine kulturwissenschaftlich gehaltvolle glänzende Langsatire auf den von Balzac mit allen Fasern seiner Seele verachteten hochkorrupten Glitzer-Journalismus. Es decouvriert die feinen Adelssitten fast so elegant wie später Proust. Und es wartet mit einigen Nebenfiguren auf, die lebensvoller sind als so manche klassische Hauptfigur.