DIE ZEIT: Herr Aslan, seit Montag kennen wir alle das muslimische Glaubensbekenntnis, weil ein Geiselnehmer in Australien seine Geiseln zwang, es den Kameras zu präsentieren. In arabischer Schrift stand da: "Es gibt keinen Gott außer Gott. Und Mohammed ist sein Gesandter." Die australischen Imame haben sich sofort von der Tat distanziert. War das nötig?

Ednan Aslan: Es war nötig und trotzdem falsch. Welcher Muslim würde sich nicht von einem solchen Gewaltakt distanzieren? Eigentlich müssten wir uns von den religiösen Inhalten distanzieren, auf die gewaltbereite Muslime sich berufen. Wenn wir ehrlich wären, würden wir zugeben, dass wir im Islam seit Jahrhunderten solche Inhalte lehren.

ZEIT: Welche meinen Sie?

Aslan: Dass Allah Gewalt nicht nur rechtfertigt, sondern will. Nicht wenige Imame bringen unser Glaubensbekenntnis bewusst oder unbewusst mit Aggression in Verbindung, mit Folter, Vergewaltigung, Auspeitschen, Töten. Seit dem 15. Jahrhundert hat sich eine Theologie der Gewalt durchgesetzt, und seit dem 17. Jahrhundert ist sie zur Norm erstarrt: Das Schwert wird als Teil unseres Glaubens gesehen. Wir Muslime distanzieren uns heute vom "Islamischen Staat", aber solange wir uns von der dazugehörigen Theologie nicht distanzieren, machen wir uns unglaubwürdig. Warum warten wir immer erst auf eine Gewalttat, bevor wir unsere Stimme erheben?

ZEIT: Aber die meisten Muslime würden doch die Gewalttheologie, von der Sie sprechen, ablehnen.

Aslan: Die Mehrheit weiß gar nicht, dass es nötig ist, sich von dieser Lehre zu distanzieren. Sie wird aber überall gelehrt, von Saudi-Arabien über den Irak und Ägypten bis nach Europa.

ZEIT: Ich möchte trotzdem fragen, ob etwa liberale christliche Theologen sich vom fundamentalistischen Christentum distanzieren müssen.

Aslan: Natürlich. Das tun viele christliche Kollegen ja auch, indem sie eben eine andere Theologie lehren. Aber das ist für mich nicht die Frage. Ich bin Islamwissenschaftler, also für Islam und Islamkritik zuständig. Wir werden das Gewaltproblem nicht lösen, wenn wir dauernd aufrechnen, welche Religion wie viele Tote zu verantworten hat. Es geht darum, was jetzt geschieht, innerhalb meiner eigenen Religion. Die saudische Flagge zum Beispiel ist ein gutes Bild für das, was sich in der Theologie durchgesetzt hat: die Gottesbotschaft in Kombination mit den gekreuzten Schwertern.

ZEIT: Seit dem 11. September 2001 erleben wir einen sinnlosen Streit darüber, ob der Islam nun Schwertreligion oder Friedensreligion sei. Wir wissen seit Lessing: Es kommt immer darauf an, was man aus dem Glauben macht. Genauer gesagt: ob man mit der irrtumsimmunen Prämisse, es gebe nur einen Gott, tolerant umgehen kann. Der Geiselnehmer erweckt nun den Eindruck, sein Gott sei ein Gott der Gewalt. Was halten Sie dagegen?

Aslan: Der Geiselnehmer will sich zunächst mal auf eine höhere Instanz berufen. Indem er sich auf das Glaubensbekenntnis bezieht, behauptet er, er sei das Werkzeug Gottes. Seine Tat habe keine irdischen Zwecke. Und er fordert symbolisch alle anderen Muslime auf, es ihm gleichzutun.

ZEIT: Ist es nicht auch ein symbolischer Akt, wenn der australische Großmufti darauf ablehnend reagiert? Bis zum Montagabend protestierten Dutzende muslimische Organisationen.

Aslan: Als ich den gestrengen Großmufti im Fernsehen gesehen habe und dazu die befreiten Geiseln, dachte ich: typisch. Die Muslime erscheinen, ob sie wollen oder nicht, als Gefahr für die Menschheit. Aber darüber möchte ich gar nicht klagen, denn es ist gefährlich für uns Muslime, wenn wir uns als Opfer der Medien sehen. Diese Opferrolle, wir seien vom Westen unterdrückt, wird auch in den Moscheen vermittelt. Wir müssen uns davon befreien, um zu einer vernünftigen Analyse dessen zu kommen, was im Namen des Islams derzeit geschieht.

ZEIT: Sie meinen die Untaten des IS?

Aslan: Nicht nur. Muslime werden zu Tätern auch dort, wo sie die geistigen Grundlagen der Gewalt legen, also an den Universitäten in der arabischen Welt und in den Moscheen Europas.

ZEIT: Die Theologen sind schuld?

Aslan: Aber natürlich. Ich will es nicht allein auf die Theologie reduzieren. Aber es genügt nicht, den Fundamentalisten entgegenzuhalten, es gebe verschiedene Auslegungsmöglichkeiten des Korans. Wenn meine liberale Auslegung richtig ist, dann kann auch die von Abu Bakr al-Bagdadi, dem Kalifen des IS, richtig sein. Wir muslimischen Theologen müssen endlich den Mut haben, zu sagen, dass bestimmte Interpretationen des Islams falsch sind. Inakzeptabel. Das tun wir aber nicht.

ZEIT: Warum?

Aslan: Weil wir seit dem 17. Jahrhundert keine lebendige Theologie mehr haben, sondern eine Theologie des Krieges, die geistig rückständiger ist als die des 9. Jahrhunderts. Sie setzt das Land des Islams (Darul Harb) gleich mit dem Land des Krieges (Darul Harb). Und sie setzt den Islam in Kontrast zum Unglauben. Diese Dichotomie wird von den Dschihadisten weltweit benutzt. Wer kein Kämpfer für den Islam sein will, ist kein richtiger Muslim und bereits auf der Seite des Gegners.

ZEIT: Wenn Sie sagen, dies sei die beherrschende Theologie: Wo wird sie genau gelehrt?

Aslan: Natürlich an der berühmtesten muslimischen Universität, Al-Azhar in Kairo, aber ebenso in Medina. Im Jemen, Libanon, Iran, Irak, in Pakistan, Indonesien, Malaysia. Wir liberalen Theologen hatten auf die Türkei gehofft, aber dort gibt es jetzt eine rasante "Salafisierung", eine Rückwärtsentwicklung im Verständnis des Islams.

ZEIT: Und in Westeuropa? Sie selber lehren in Wien, ihr liberaler Kollege Khorchide lehrt in Münster. Deutschland richtet wie Frankreich Lehrstühle ein. Sind die alle reaktionär?

Aslan: Nein, aber in Frankreich hat die Muslimbruderschaft sofort ein Institut als Alternative zur universitären Islamwissenschaft etabliert. Und in Großbritannien ist die Dschamaa al-Islamija in der Lehre stark. Diese Kräfte versuchen, eine Theologie durchzusetzen, die Fragen an Gott quasi verbietet. Dadurch wird der Zugang zum Koran blockiert.

ZEIT: Bitte ein Beispiel.

Aslan: Der sunnitische Islam hat vier Rechtsschulen. Drei sagen: Wer als Muslim nicht betet, muss getötet werden. Eine sagt: Auspeitschen genügt.