Das Jahr 2014 wird, wenn nicht alles täuscht, als Epochenbruch erinnert werden. Es hat die Epoche endgültig verabschiedet, da sich utopische Fantasien vornehmlich auf die Gesellschaft richteten, auf eine gerechtere Verteilung wirtschaftlicher Güter, auf die Befreiung unterdrückter Klassen und Völker. Die Utopien von 2014 setzen nicht mehr auf politische Befreiung von Macht und Ausbeutung, sondern auf eine Befreiung von den Bindungen der Menschennatur.

Die Tendenz ist schon länger da; ihre Voraussetzungen lauten Gentechnik, Digitalisierung, Entgrenzung sexueller und sozialer Identitäten. Aber selten hat ein Jahr so deutlich die Wende in der Fortschrittshoffnung formuliert oder zumindest in dem, was die Menschen im Westen sich von der Zukunft versprechen. Diese Fortschrittshoffnung träumt nicht von der Umgestaltung des sozialen Umfelds, sondern von der Erweiterung individueller Möglichkeiten. Selbstoptimierung lautet der dafür eingeführte, aber hoffnungslos unscharfe Begriff. Was wirklich erträumt wird, hat das Jahr 2014 niedergelegt, indem es die konkreten Stichwörter in rascher Folge genannt und damit in ihrem Zusammenhang vorgeführt hat.

Nehmen wir die wichtigsten vier, und beginnen wir mit dem ersten Stichwort, dem Social Freezing, dem Einfrieren und Vorratslagern von Eizellen, das der Frau erlaubt, den Zeitpunkt der Mutterschaft zugunsten der Karriere hinauszuschieben. Sollte die Frau zu lange gewartet haben oder um ihre körperliche Attraktivität bangen, kann sie, Stichwort zwei, auf eine Leihmutter zugreifen. Sollte sie zögern, dem Kind ein Geschlecht zuzuweisen, oder seiner sexuellen Orientierung nicht vorgreifen wollen, besteht die neue Möglichkeit, Stichwort drei, in Geburtsurkunde und Pass das Geschlecht unbestimmt zu lassen. Hat es schließlich mit der Lebensplanung, bei aller Offenheit und Vorsicht, doch nicht zum Glück gereicht, ist man depressiv oder zum Opfer antiquierter Krankheiten aus der Vorgeschichte der Menschheit geworden, darf die Forderung nach Sterbehilfe erhoben werden, Stichwort vier.

"Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen" lautete einmal die klassische Formel eines christlichen Begräbnisses. Damit soll es für immer vorbei sein. "Der Mensch hat’s gegeben, der Mensch hat’s genommen" wird die Begräbnisformel der Zukunft heißen. Der aufgeklärte Westler mag vielleicht schon lange nicht mehr geneigt gewesen sein, sein Leben als Geschenk Gottes zu betrachten – aber neueren Datums ist doch die Neigung, das Leben als eigenes Geschenk an sich selbst zu betrachten, mit dem dann, konsequenterweise, auch nach Belieben verfahren werden kann, einschließlich der Vernichtung nach Gutdünken. Allmachtsfantasien dieser Art, die den Menschen zum alleinigen Meister seines Schicksals machen wollen, nannte man früher prometheisch, nach dem Held der griechischen Sage, der den Göttern das Feuer stahl, um den Menschen ein Mittel zu Leben und Tod zu geben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Bekanntlich wurde Prometheus für den Frevel streng bestraft; die Götter fesselten ihn an einen Felsen, wo ein Adler täglich von seiner stets nachwachsenden Leber fraß. Rückgängig zu machen war indes die neue Unabhängigkeit nicht; es wurden allerdings ein Preis und eine Strafe angedeutet. Gibt es bei den Menschen, die heute ihren dramatisch erweiterten technologischen Zugriff auf die Ressourcen des Lebens feiern, das Bewusstsein von einer möglicherweise schrecklichen Strafe und Konsequenz? Man kann das prometheische Feuer, das aus göttlicher Willkür in menschliche Kontrolle überführt wurde, ohne Weiteres als Chiffre für die Natur nehmen, die nach und nach besiegt und unterworfen wurde. Zu ihren letzten Bastionen in der Moderne gehörten lange Geburt, Geschlecht und Tod.

Die Pille, die sexuelle Lust und Zeugungsakt voneinander trennte, hat eine erste Bresche in diese Naturfestung geschlagen; wer wollte das beklagen? Aber richtig löchrig wurde sie erst durch die Entzifferung des Genoms, durch Präimplantationsdiagnostik und In-vitro-Fertilisation; jetzt konnte man auch den Embryo nach Wunsch selektieren, Kinder nach Maß und selbst für bisher unfruchtbare Eltern möglich machen. Und wieder galt: Wer wollte beklagen, dass verzweifelten Paaren zu einem Kind verholfen wurde, dass Erbkrankheiten ausgeschlossen, dass vielleicht schönere, glücklichere Menschen geschaffen wurden? Aber ein leichter Schauder war doch schon dabei, und er verstärkte sich, als diese Technik nun auch zur ungleich banalen Sicherung von Karriere und Arbeitsplatz eingesetzt werden sollte – angeboten und bezahlt von Firmen, die nicht wollen, dass ihre begabtesten Frauen mit Mutterschaften Zeit vertrödeln.

Bei der Sterbehilfe geht es nicht um das Mögliche, sondern um das Erlaubte

Aber an die Kante des Erträglichen hat, wenn überhaupt, erst die Diskussion um Sterbehilfe geführt. Charakteristischerweise geht es in ihr nicht um technologische Chancen, sondern juristische Klauseln – nicht um das Mögliche, sondern um das Erlaubte. Wollen wir, dürfen wir das so oder so hergestellte Leben auch wieder beseitigen, wenn es seinem Inhaber oder womöglich nur seiner Umgebung (Verwandten, Ärzten) nicht mehr lebenswert erscheint? Und leider ergibt sich, wenn zum Lebensende eine Norm des Lebenswerten aufgestellt werden soll, auch zwingend der Rückschluss auf eine solche Norm zum Lebensbeginn – was darf überhaupt entstehen und was verschwinden? Und welcher Mensch hätte aufgrund welcher Kenntnis die Autorität, darüber zu befinden? Zum Glück für das Seelenheil unserer aufgeklärten Zeitgenossen ist diese Frage, als Probe auf ihre prometheische Selbstgewissheit, noch nicht so zugespitzt worden. Einstweilen regiert bei ihnen noch die naive Annahme von Evidenz: Man sähe schließlich, wenn es einem Menschen lieber wäre, tot zu sein.

Woher dieses optimistische Vertrauen auf die Intuition? Es handelt sich bei dem neuesten prometheischen Zugriff um die Natur im Menschen. Sie wird offenbar in einem höheren Maße als Verfügungsmasse angesehen als die äußere Natur. Im Umgang mit der Natur außerhalb des Menschen ist der Katzenjammer schon eingetreten; hier haben sich die bitteren Konsequenzen ihrer Beherrschung schon gezeigt. Es sind die Umweltkatastrophen, die weit über vergiftete Flüsse und Meere hinaus sich längst auch dort manifestieren, wo früher reine Natur zu regieren schien, in Tsunamis, Wirbelstürmen, Feuersbrünsten. Zum passenden Ausgang des Jahres ist in Berlin eine Serie von wissenschaftlichen Konferenzen gestartet worden, die sich mit dem neuen, von Menschen selbst gestalteten Erdzeitalter beschäftigen wollen – dem deshalb sogenannten Anthropozän. Es sind dabei aber bisher keineswegs nur Unheilspropheten aufgetreten, es gibt auch die Lobredner des Menschenerdzeitalters, die von der totalen technologischen Unterwerfung der Natur die Vollendung der Evolution erwarten.

Und natürlich erschöpft sich der neue prometheische Traum nicht in den Möglichkeiten von Medizin und Gentechnik. Es wird auch daran gearbeitet, den unzureichenden Naturkörper des Menschen digital zu erweitern, mit sinnesschärfenden, kognitionsverbessernden Chips zu versehen, womöglich als implantierte Schnittstellen zur Computerwelt. Hier gibt es für die Industrie viel zu verdienen, mit neuen Geräten, neuen Unterhaltungsangeboten. Wesentlicher ist aber die Beflügelung der Machbarkeitsfantasie, und sie könnte sich als reines Technikangebot wohl kaum so wirksam in den Köpfen festsetzen. Neue Ideologien sind im Umlauf, die den naturwissenschaftlichen Fortschritt passgenau ins Gesellschaftliche verlängern – oder in der Gesellschaft trügerisch verankern?

Die ehrwürdige feministische Emanzipationsbewegung, die bisher ihre Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter als soziale Machtfrage vortrug, hat sich darauf verlegt, das Geschlecht selbst als fragwürdige Kategorie zu enttarnen – als bloße Einbildung, Ergebnis pädagogischer Einflüsterung und sozialer Zuschreibung. Daran ist sogar viel Wahres; sieht man einmal von dem logischen Problem ab, dass damit dem Feminismus auch die Frau abhandenkommt, für die er kämpfen wollte. In unserem Zusammenhang interessiert aber nur, dass mit der Gendertheorie eine weitere Unabhängigkeit des Menschen von der Natur behauptet (und gefordert) wird – nämlich von der Bestimmtheit durch sein Geschlecht.

Im Übrigen würde es sich bei der neuen prometheischen Unabhängigkeitserklärung nicht um eine epochemachende Tendenz handeln, wenn sie sich nicht als Gedankenfigur überall wiederfinden ließe. Kürzlich, im selben Jahr 2014, erklärte der bedeutende Soziologe Armin Nassehi in der ZEIT auch die soziale und kulturelle Herkunft eines Menschen für obsolet. "Antiquiert" sei es, überhaupt nach einer Herkunft zu fragen – als seien die Menschen nicht durch ihre Familie, soziale Klasse, durch Kultur und Tradition erkennbar beschriftet. Es ging dem Soziologen wohlgemerkt nicht darum, eine Gesellschaft zu fordern, die eine Emanzipation von Herkunftswelten möglich mache, sondern darum, eine Prägung durch Herkunft überhaupt zu bestreiten.

Das mag als polemisches Aperçu geschrieben worden sein, macht aber den einen großen blinden Fleck im Auge des neuen Prometheus erkennbar: Es ist die Gesellschaft. An allen Schrauben darf gedreht werden, um einen besseren und glücklicheren Menschen zu schaffen – vorausgesetzt, es sind Schrauben in dem Mechanismus, den man Natur nennt. Nicht mehr gedreht, nicht einmal mehr gedeutelt wird an den Schrauben, die das gesellschaftliche Uhrwerk zusammenhalten. Nicht mehr die gesellschaftlichen und politischen Umstände, ihre Wirtschafts-, Macht- und Besitzverhältnisse produzieren Ungerechtigkeit und Unglück, aus denen dem Menschen womöglich herausgeholfen werden müsste. Das heute allein diskutierte Unglück ist seine körperliche Gebundenheit. Der neue Mensch, den das Jahr 2014 gefeiert hat, darf oder soll aus allen natürlichen oder ähnlich unhintergehbaren Bindungen gelöst werden – aus Erbgut, Familie, Geschlecht, er wird im Reagenzglas gezeugt, in gekauften Mutterkörpern ausgetragen, nach Bedarf und Ermessen getötet. Nur eines darf mit ihm augenscheinlich nicht geschehen: Er darf nicht aus den Arbeits- und Produktionsbedingungen herausgelöst werden, in denen er, nach Lage der Dinge im westlichen Wirtschaftsleben, vornehmlich als Angestellter tätig ist.

Nehmen wir alle Optimierungsanstrengungen zusammen und fragen, wozu sie nütze sind – dann wird die Antwort lauten: um eine vorbildliche Karriere als vorbildlicher Angestellter zu führen. Maximal gesund und tüchtig, durch keine unzeitige Familiengründung an seiner Arbeit gehindert, weder durch Geschlecht noch durch soziale Herkunft störend oder diskriminiert. Ein weißes, vom Arbeitgeber beliebig beschriftbares Blatt Papier, geruchlos, gesichtslos – das Ideal von einem Menschen als Roboter. Kann es das sein, was unsere Zeitgenossen sich vom Fortschritt des 21. Jahrhunderts erträumen?

Doch, das kann es sein. Vorausgesetzt, man nähme die kapitalistische Arbeitswelt als die neue Natur, die nicht beeinflusst werden kann – und machte die alte Körpernatur zur Baustelle der Politik. Ein Menschenroboter würde wie nebenbei – ohne je blutige Machtfragen zu stellen – die Utopie der Gleichheit erfüllen. Aus der alten politischen Frage, wie sich eine Gesellschaft schaffen lässt, in der alle Menschen glücklich sind, wäre die neue technologische Frage geworden, wie sich ein neuer Mensch schaffen lässt, der in jeder, auch einer maximal ungerechten Gesellschaft glücklich sein kann. Wie es aussieht, liegen die Instrumente bereit, einen solchen Menschen herzustellen. Aber vielleicht wird es zuvor den einen oder anderen doch schaudern, sich als Ziel von Jahrtausenden der Menschheitsentwicklung nichts anderes vorzustellen als – den idealen Angestellten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio