Byzantiner Königsnüsse sind ein Märchen. Eigentlich sind es bloß gewöhnliche Haselnüsse, aber der Name erinnert an die Pracht und Herrlichkeit des alten oströmischen Weltreichs. Vor zwanzig Jahren ließ sich der Süßwarenkonzern Ferrero die Bezeichnung "Byzantiner Königsnüsse" beim Deutschen Patent- und Markenamt sichern. Dort werden solche Märchen registriert und bekommen ein Aktenzeichen.

Und Märchen werden derzeit besonders gern im Fernsehen erzählt. Es sind Geschichten von Apfel, Nuss und Mandelkern. Von Kerzen und Tannengrün. Von Pralinen in Goldfolie. Für die Süßwarenindustrie ist Weihnachten wirklich wie Weihnachten – die umsatzstärkste Zeit des Jahres. Insgesamt wird jeder Deutsche auch 2014 zehn Kilo Schokolade, sechs Kilo Zuckerwaren und sieben Kilo Feingebäck verdrückt haben. Leckereien füllen Adventskalender und Gabenteller und schmelzen irgendwann zu Erinnerungen an eine glückliche Kindheit.

Mustafas Kindheit sieht so aus: Er feiert kein Weihnachten. Er hat auch keine Ahnung von Ferrero oder Byzantiner Königsnüssen. Obwohl er im Sommer täglich Haselnüsse in die Hand nimmt. In einer Plantage nahe der türkischen Schwarzmeerküste. Dort pflückt Mustafa die Nüsse von den Sträuchern. Sieben Tage pro Woche. Bis zu zwölf Stunden steht er dafür im Gebüsch. Auch wenn die Mittagssonne im August die Temperatur auf 35 Grad treibt. Mustafa ist zehn Jahre alt.

Weltweit schuften etwa 100 Millionen Kinder in der Landwirtschaft. Beim Anbau von Kakao, dem wichtigsten Grundstoff für Schokolade, ist das bekannt: In den Hauptanbaugebieten Afrikas muss eines von fünf Kindern den eigenen Lebensunterhalt verdienen. Auch in Asien oder Lateinamerika ziehen die Trecks der Minderjährigen regelmäßig auf die Felder. Doch viele Süßigkeiten bestehen nicht nur aus Kakao. Was die Herkunft anderer Zutaten wie etwa Haselnüsse betrifft, ist die Lage der Kinderarbeiter kaum besser.

Haselnüsse stecken in vielen beliebten Süßigkeiten. In Duplo, Hanuta und ungezählten Tafeln Nussschokolade verschiedenster Hersteller. Ohne Haselnüsse gäbe es kein Nutella, kein Rocher und keine Schoko-Bons.

Und ohne die Türkei gäbe es nicht ausreichend Haselnüsse. Rund drei Viertel der weltweiten Ernte kommen aus diesem einen Land, in dem sogar amtlichen Statistiken zufolge rund 400.000 Kinder zwischen 6 und 17 Jahren regelmäßig in der Landwirtschaft arbeiten müssen. Viele große Süßwarenproduzenten decken sich in der Türkei mit Haselnüssen ein. Allen voran Ferrero.

Mustafas Tag beginnt immer gegen sechs Uhr. Auch an diesem Sommertag 2014. Etwa zur selben Uhrzeit schlurfen deutsche Kinder gleichen Alters vom Bett in die Küche, um vor dem Weg zur Schule noch ein Nutella-Brot einzupacken. Mustafa hat – wie jede Nacht – kein Bett gehabt, er hat auf dem Boden geschlafen, im weißen Plastikzelt seiner Familie. Sie leben zu neunt auf 24 Quadratmetern. Mustafa trägt auch heute dieselbe dreckige Jeans, die er gestern schon anhatte, und ein altes weißes T-Shirt mit roten Ärmeln. Einen Schulweg kennt er nicht, und als ich Mustafa frage, was er heute gefrühstückt hat, schaut er mich an wie einen Ahnungslosen. "Nichts", sagt er, "keine Zeit." Dann rennt er zur Straße.

Um das Zelt von Mustafas Familie herum stehen vierzig bis fünfzig andere Zelte. Das Lager befindet sich auf einem unbebauten Grundstück am Rand von Çilimli. Der Ort liegt im Nordwesten der Türkei, nicht weit entfernt von der Schwarzmeerküste. Zu dieser Jahreszeit sieht es an vielen Orten entlang der Küste so aus wie in Çilimli.

An die fünfhundert Menschen leben allein in diesem Lager. Alles kurdische Wanderarbeiter, die auf der Suche nach einer Möglichkeit zum Geldverdienen in der Landwirtschaft in Çilimli gelandet sind. Jetzt im August ist Haselnussernte. Zuvor haben sie im Süden des Landes Tomaten gepflückt, und wenn sie hier fertig sind, gehen sie Kartoffeln ausgraben. Immer leben sie in solchen Lagern. Immerhin hat die Lokalbehörde neuerdings etwas abseits vier Bautoiletten aufstellen lassen. Im Jahr zuvor hatten sie bloß eine Zeltplane über einem Loch in der Erde.

Einige Dutzend Kinder spielen mit Plastikkanistern, sitzen still auf dem Boden herum oder laufen zu den Traktoren. Müll weht über den Weg, und am Rand einer Wiese, auf die die wilden Hunde scheißen, liegt ein blauer Gartenschlauch auf dem Boden. Hier holen die Arbeiter ihr Wasser. Ein kleines Mädchen in einem rosa Kleid hockt sich hin, nimmt den Schlauch und trinkt.

Am Straßenrand sitzen alte, dicke Gestalten hinter den Lenkrädern von Traktoren. Die Bauern haben sie geschickt. Es ist Abholzeit. Flink klettern Tagelöhner auf die offenen Anhänger, Frauen in bunten Kleidern, graugesichtige Männer, Jungen und Mädchen. Mit etwa zehn Jahren sind Kinder groß genug, um bei der Ernte zu helfen. Ist die Ladefläche voll, geht es los. Im vergangenen Jahr sei ein Mädchen während der Fahrt heruntergefallen und gestorben, erzählt ein Mann.

Auch Mustafa läuft zu einem Traktor. Er steigt auf das kleine verrostete Fahrzeug und gesellt sich zu einem halben Dutzend anderer Arbeiter. Der Fahrer wirft einen Zigarettenstummel auf die Straße und tuckert los. Bald darauf verschwinden auch die übrigen Traktoren. Zurück im Lager bleiben etwa zwei Dutzend Kinder, teils noch im Kindergartenalter. Die jüngsten können noch nicht einmal laufen.

Plötzlich steht das Mädchen im rosa Kleid neben mir. Das Mädchen von der Hundewiese. Sie heißt Ezel und ist die Cousine von Mustafa. Ezel ist acht. Bis auch sie bei der Ernte helfen kann, passt sie im Lager auf ihre vier jüngeren Geschwister auf. Der Kleinste ist noch kein Jahr alt, Ezel drückt ihn an sich, als er zu schreien beginnt. Ob wegen Hunger oder Schmerzen, weiß ich nicht. Mehr als ihn in den Arm zu nehmen kann Ezel ohnehin nicht. Wen sollte sie auch um Hilfe fragen? Ihre Eltern werden erst am Abend von den Haselnussplantagen zurückkehren.

In der Märchenwelt von Ferrero sieht Kindheit anders aus: Passend zur Weihnachtszeit, hat der Konzern einen Werbespot für seine Rocher-Haselnusspralinen drehen lassen. Als "goldener TV-Moment" ist er auch im Internet zu finden. Weichgezeichnet und goldgelb ausgeleuchtet, schmückt die blonde Mama verträumt lächelnd den Tannenbaum in der Altbauwohnung mit Parkett. Papa hat auf dem Sofa Platz genommen, während Töchterlein im cremefarbenen Kleidchen ihrem Golden Retriever eine sternförmige Packung Rocher um den Hals bindet. Dazu Klaviermusik und Goldstaub. Eine Kindheit nach Konzerngeschmack.

Um derartige Familienbilder ins Bewusstsein der Zuschauer zu hämmern, investiert allein Ferrero Deutschland regelmäßig Millionenbeträge. 2013 betrugen die Werbeausgaben 413,5 Millionen Euro, hat die Marktforschungsfirma Nielsen errechnet.