Christian Schmidt, Landwirtschaftsminister © Wolfgang Kumm/dpa

DIE ZEIT: Herr Minister, wie beurteilen Sie den massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung mit der damit verbundenen Problematik von antibiotikaresistenten Keimen?

Christian Schmidt: Das Thema hat bei mir allerhöchste Priorität. Unser Ziel muss es sein, nicht in eine Zeit vor der Erfindung des Penicillins zurückzufallen. Deswegen muss der Einsatz von Antibiotika insgesamt auf den Prüfstand, und ich sage ausdrücklich: sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tiermedizin. Wir müssen die Dissonanzen zwischen Humanmedizinern und Tiermedizinern auflösen. Es bringt gar nichts, wenn der eine mit dem Finger auf den anderen zeigt. Wir haben eine gemeinsame Aufgabe, der Befund lautet salopp: "Houston, wir haben ein Problem." Wie wichtig uns das ist, können Sie daran ablesen, dass die Bundesregierung ihre G-7-Präsidentschaft nutzen wird, um das Thema global anzugehen.

ZEIT: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Ende November im Bundestag gesagt: "Ich begrüße ausdrücklich eine Reduzierung des Einsatzes von Antibiotika vor allem bei der Nutztierhaltung."

Schmidt: Sie sehen, wie sich die Bundesregierung positioniert. Ich betrachte das ausdrücklich als ein Gemeinschaftswerk von Gesundheitsminister Gröhe und mir. Wir haben vor wenigen Monaten in Vorbereitung der G-7-Präsidentschaft eine gemeinsame Arbeitsgruppe gegründet, ich habe mich wiederholt mit ihm zusammen persönlich eingeschaltet, wir haben die strategischen Ansätze besprochen. Also, es ist ein Stück Chefsache, wenn man diesen etwas abgegriffenen Terminus verwenden will.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

ZEIT: Können Sie als Minister überhaupt was tun?

Schmidt: Natürlich. Erst in diesem Jahr ist das novellierte Arzneimittelgesetz in Kraft getreten. Das gibt uns die Möglichkeit, den Einsatz von bestimmten Antibiotika, die für die Humanmedizin von besonderer Bedeutung sind, in der Nutztierhaltung zu untersagen. Mit der Gesetzesnovelle hat der Bund die Kontrollbefugnisse der zuständigen Länderbehörden wesentlich erweitert, und wir haben erstmals ein Antibiotikaminimierungskonzept im Gesetz verankert. Damit werden die Mastbetriebe identifiziert, deren Antibiotikaverbrauch auffallend hoch ist, und von der Kontrollbehörde zu konkreten Maßnahmen verpflichtet, um diesen Verbrauch zu senken. Mein erklärtes Ziel ist es, den Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung insgesamt auf das absolut unerlässliche Maß zu reduzieren, und ich bin überzeugt: Dieses Ziel können wir mit dem Antibiotikaminimierungskonzept erreichen.

ZEIT: Können Sie eine Größenordnung nennen, welche Dimension der Antibiotikareduzierung Sie anstreben?

Schmidt: Wichtig ist das Ziel, und das lautet: Eine nachhaltige Reduzierung erreichen. In Mastställe gehören nur Antibiotika, die zur Behandlung erkrankter Tiere erforderlich sind. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, eine konkrete Zahl als Ziel festzulegen. Wenn wir allein nach der Tonnenzahl entscheiden, was zu viel ist, laufen wir Gefahr, dass antibiotische Stoffe mit einer höheren Wirksamkeit eingesetzt werden, nur um unter dem Strich die Menge zu reduzieren.

ZEIT: Diese Tricks werden ja bereits angewendet: Es wird vermeldet, der Antibiotikaverbrauch sei um 15 Prozent gesenkt worden, bei genauerem Blick stellt sich aber heraus, dass vor allem die Dosierungen gestiegen sind.

Schmidt: Unser Ziel muss es sein, den adäquaten Wirkstoff an der Stelle einzusetzen, wo er unbedingt erforderlich ist – nicht weniger, aber vor allem nicht mehr. Übrigens dürfen wir auch nicht aus den Augen verlieren, dass ein erkranktes Tier schon aus Tierschutzgründen einer Behandlung bedarf. Die können wir ihm nicht verwehren, weil möglicherweise die Statistik dagegenspricht.

ZEIT: Herr Minister, Sie sagen: "Houston, wir haben ein Problem." Haben Sie das Gefühl, dass diese Erkenntnis schon überall angekommen ist? Wir haben da unsere Zweifel, wenn wir uns die teilweise heftigen Proteste verschiedener Bauernvertreter gegen unsere Serie anschauen.

Schmidt: Es bringt nichts, wenn ich mich auf die Suche nach Schuldigen mache. Es geht um eine gewisse Sorglosigkeit in der gesamten Gesellschaft, was den Umgang mit Antibiotika betrifft. Und leider finde ich diese Sorglosigkeit sowohl in der Tier- als auch in der Humanmedizin. Die Herausforderung ist nun, diese Sorglosigkeit in eine angemessene Besorgnis umzuwandeln. Das können wir mit Gesetzen und Verordnungen machen, und das werden wir auch. Aber noch wichtiger ist eine Bewusstseinsänderung. Und ich sage Ihnen, bei den Bauern hat diese angefangen, davon bin ich nach vielen Gesprächen fest überzeugt. Die Bauern haben bereits vor unserer Gesetzesnovelle ein System entwickelt, das sie für die eigenen Kontrollen ihrer Betriebe nutzen. Die Sensibilität für die hohe Bedeutung, die Antibiotikaresistenzen haben, ist also vorhanden. Letztlich ist auch der Landwirt darauf angewiesen, dass ihm noch wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, wenn seine Tiere so krank sind, dass sie sie benötigen.

ZEIT: In der Humanmedizin gibt es Ärzte und Apotheker, in der Tiermedizin nur Tierärzte, die Arzneien verschreiben und genau dadurch oft kräftig verdienen, auch mithilfe von höchst umstrittenen Rabattsystemen. Wie sehen Sie das?

Schmidt: Sie meinen das Dispensierrecht. Auch diese Praxis steht auf dem Prüfstand. Wir haben die Diskussion darüber mit Fachleuten geführt. Eine Frage ist: Führt dieses Dispensierrecht zu einem höheren Arzneimittelverbrauch? Wir haben auch Alternativen zum Dispensierrecht überprüft. Die Auswertung dieses Prozesses läuft noch.

ZEIT: Andere Länder wie Holland oder Dänemark sind bei der Antibiotikareduzierung und Antibiotikakontrolle viel weiter. Sind das Vorbilder?

Schmidt: Diese beiden Länder sind in der Tat gute Adressaten. Ich war schon bei einer Schweinehaltung in Dänemark, vergangenen Sonntag habe ich mich bei unserem Tierwohlgipfel in den Niederlanden mit Ministerin Sharon Dijksmaa und Minister Dan Jørgensen darauf verständigt, dass wir uns über die jeweils beschrittenen Wege zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes eng abstimmen.