Persönlichkeitsspaltung war einmal eine Sache der Höflichkeit. Es war angebracht, sich zu verstellen, man konnte nicht mit jedem über alles reden, schon gar nicht alles fragen. Unverschämt wäre zum Beispiel gewesen, wenn eine Dame, von einem Herrn gemustert, so reagiert hätte: "Was gucken Sie so? Was wollen Sie denn sehen?" In einer Installation der amerikanischen Konzeptkünstlerin Lynn Hershman Leeson schaut man durch ein Guckloch ins Zimmer einer Frau, die einen mit lasziver Stimme anblafft. Man sieht sie im Videobild, sie hat wenig an. Ihre Frechheit wird niemanden mehr vor den Kopf stoßen, sondern man wird sie lustig und richtig finden. Der Respekt vor gesellschaftlichen Rollen ist dem Bedürfnis nach Authentizität gewichen.

Die authentische Persönlichkeit teilt man aber doch wieder, jetzt technisch. Man teilt sie mit, durch verschiedene Kanäle, auf den Plattformen des Sozialen Netzes. Und teilt sie damit auf: in ein Twitter-Profil, eine Telefonstimme, verschiedene E-Mail-Adressen. Die Ableger ein und derselben Person vervielfältigen sich dann zu Quellen der data miners, die unsere Bedürfnisse ausrechnen, und füllen Akten der Geheimdienste, die eher an Abweichungen von unseren Gewohnheiten interessiert sind. Wer weiß, von wie vielen Augen unsere Datenspuren gelesen werden? Was für Bilder man sich von uns macht? "Bitte schauen Sie weg!", sagt die Frau in Lynn Hershmans Installation, und wenn man ihrem Befehl folgt, sieht man auf einem Bildschirm die eigenen Augen, die von einer verborgenen Kamera die ganze Zeit beim Beobachten beobachtet werden.

Die Installation Room of one’s own ist allerdings kein Kommentar zu neuesten Überwachungsskandalen. Sie ist zwanzig Jahre alt und Teil der Retrospektive einer Künstlerin, die schon über virtuelle und körperlich anwesende Egos, soziale und emotionale Masken, natürliche und künstliche Replikanten nachgedacht hat, als diese Themen noch nicht so allgegenwärtig waren wie heute.

Das Museum für Neue Kunst im ZKM Karlsruhe zeigt jetzt Lynn Hershman Leesons Lebenswerk in einer Breite, die noch nie zu sehen war. Damit hat man auch praktisch alle Themen ins Programm genommen, die im letzten halben Jahrhundert in die Zukunft, also unsere Gegenwart wiesen: die digitale Revolution und damit die Virtualisierung von Identität, die Auflösung der Privatsphäre, die Manipulierbarkeit des Lebens durch die Biotechnologie. Ihre Arbeiten wirken heute nahezu prophetisch, und dennoch hat man Hershman lange verkannt, zumal als weibliche Künstlerin. In ihrem Film !Women Art Revolution hat sie durch Interviews mit Kolleginnen dokumentiert, wie das Kunstsystem Frauen jahrzehntelang außen vor hielt und noch heute hält. Zumal die Formen, die feministische Künstlerinnen in den sechziger und siebziger Jahren für sich fanden – Performance, Konzeptkunst und Medieninstallationen –, in den Museen und etablierten Galerien zu stören schienen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Eine der frühesten Arbeiten von Lynn Hershman etwa, die Breathing Machines aus den sechziger Jahren, sind Wachsabdrücke ihres eigenen Gesichts, die, mit Glasaugen und Perücken versehen, in Glaskästen liegen. Man hört ihre Atemgeräusche vom Band und schüchterne Fragen: "Wie heißen Sie?" Ton gehöre nicht ins Museum, beschied man ihr. Diese seltsamen Effigien verschwanden in den Archiven und waren bis jetzt nicht wieder zu sehen.

Die Digitalisierung hat künstliche Personen und Interfaces alltäglich werden lassen. Bevor man davon wissen konnte, schuf sich Lynn Hershman schon in den siebziger Jahren einen Avatar, den sie selbst verkörperte. Es ist wahrscheinlich ihr bedeutendstes Werk. Fünf Jahre lang nahm sie regelmäßig Aussehen, Körperhaltung und Ticks einer Frau an, die sie Roberta Breitmore nannte und der sie eine Wohnung, einen Führerschein und Schecks, eine Psychotherapie und Herrenbekanntschaften verschaffte. Noch heute betont sie, sie habe die Frau keineswegs gespielt, es sei eine ganz unabhängige Person gewesen. Zeugnisse ihrer Existenz kann man jetzt in der Ausstellung sehen.

Solche frühen feministischen Übungen, Ängste und Neurosen zu verkörpern und dann wie Masken abzulegen hat Frauen für die Cyborg-Welt, in der wir heute leben, bestens vorbereitet. Der Blick der männlichen Gesellschaft auf den weiblichen Körper hat ihn schon immer sich selbst fremd werden lassen. Deshalb können künstliches Leben und virtuelle Identitäten von heute eine Frau wie Lynn Hershman nicht erschrecken.

Die männliche Kultur habe immer Gewalt ausgeübt, wo Körper und Maschinen aufeinanderstießen, um die Herrschaft der Kultur über die Natur zu sichern oder umgekehrt, erklärte die Biologin Donna Haraway 1985 in ihrem berühmten Cyborg Manifesto . Man solle die Verwischung der Grenzen von Organischem und Technischem lieber genießen, verlangt sie, und verantwortlich damit umgehen, "in der utopischen Tradition, die sich eine Welt ohne Gender vorstellt, die vielleicht eine Welt ohne Genesis, ohne göttliche Schöpfung, aber möglicherweise auch eine Welt ohne Ende ist". So wummerte in den Achtzigern die Theorie. Lynn Hershman Leesons Kunst ist die Praxis dieser Utopie. Rückblickend ergibt sich eine klare Kontinuität: von ihren frühen Bildern, auf denen Frauen als Maschinenräume und wie gläserne Brutkästen gemalt sind, bis zu ihrer jüngsten Installation Infinity Engine, einer Unendlichkeitsmaschine, die die Möglichkeiten der Biotechnologie verhandelt, Organe im Labor herzustellen.

Hershmans Replikanten, Masken und Avatare sind wahrhaftige Zeitgenossen. Denn sie drängen dem Betrachter die Verantwortung auf, die mit aller künstlichen Reproduktion einhergeht. Und enthalten ihm trotzdem die Lust nicht vor, in neuen Identitäten zu verschwinden.

"Civic Radar. Lynn Hershman Leeson – die Retrospektive" bis 29. März im ZKM Karlsruhe. Danach wird die Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen sein