Als der angesehene linksliberale Professor Robert Putnam von der Universität Harvard eine große Umfrage zum Verhältnis von gesellschaftlichem Zusammenhalt und Migration auswertete, hatte er erst einmal Hemmungen. Fünf Jahre lang versuchte er noch, die Studie zu ergänzen oder gar zu korrigieren, aber das Resultat blieb in etwa gleich: Da, wo es in einer Gesellschaft besonders bunt zugeht, wird das Verhalten der Menschen ziemlich eintönig. Sie kapseln sich nämlich ab. Der Einzelne ziehe sich, diagnostizierte Putnam, wie eine Schildkröte in ihren Panzer zurück.

So gesehen, ist die enorme Bereitschaft vieler Deutscher, in diesen vorweihnachtlichen Wochen Flüchtlingen zu helfen, ein schönes, nicht unbedingt zu erwartendes Zeichen. Und der Dresdner Protest gegen eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands ist vielleicht nicht so überraschend, wie es die große mediale Begleitmusik vermuten lässt – eher die Tatsache, dass es in Sachsen noch eine relativ homogene Gesellschaft gibt. Wenn aber der Rückzug vor dem Fremden wirklich eine anthropologische Konstante ist, dann muss auch gesagt werden: Der massenhafte Zustrom von Flüchtlingen und Migranten, besonders in diesem Jahr, ist eine gewaltige Herausforderung für das Land. Er ist unter vielen Gesichtspunkten eine Chance und Bereicherung, unter anderen aber auch eine kulturelle und finanzielle Zumutung.

Je vielfältiger eine Gesellschaft, umso klarer müssen die Regeln sein

Leider lassen die ersten Reaktionen, vor allem aus der Politik, aber nicht nur dort, weder erahnen, dass man den Mut aufbringt, die mit der Zuwanderung verbundenen Probleme zu benennen und zu beheben, noch den Willen erkennen, sich mit den Sorgen und Emotionen vieler Bürger auseinanderzusetzen. Besonders krass fällt da ausgerechnet das Wort von Bundesjustizminister Heiko Maas ins Gewicht. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung sprach er von den sächsischen Pegida-Demonstranten als einer "Schande für Deutschland". Und die sonst so lebenskluge Gesine Schwan irrlichterte bei Günther Jauch mit dem Satz: Was (als Feindbild) früher das Judentum gewesen sei, sei heute der Islam. Das ist ein furchterregend abwegiger Vergleich. Er signalisiert, ebenso wie das Verdikt von Minister Maas: Hier soll nicht mehr argumentiert werden, hier wird einfach nur tabuisiert. Wirkungsmächtiger könnte man für Pegida nicht werben.

Die Härte und Abgrenzung des Staates hätte man sich bei anderer Gelegenheit gewünscht: bei den rechtsextremen Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte, vom Wies’n-Attentat, für das eilig die Einzeltätertheorie bemüht wurde (dieser Fall wird endlich neu aufgerollt), bis hin zu den Ermittlungen gegen die Terrorzelle NSU. Im Umgang mit aufgeschreckten Bürgern bringt das Abkanzeln nichts, auch nicht der Verweis auf einige gewiss schauerliche Gestalten, die die Proteste organisieren oder dort mitmarschieren.

Es hilft nur die Benennung und Erörterung der Fakten: Da sind zum einen die vielen Flüchtlinge, etwa aus dem Mittleren Osten. Mehr als 155.000 Erstanträge auf Asyl wurden in den vergangenen elf Monaten gestellt. Diese Menschen pauschal abzuweisen wäre ein Anschlag auf unser Selbstverständnis. Aber die Frage, wie die Lasten in Europa verteilt werden, ist nicht nur legitim, sondern notwendig. Frieden in den Herkunftsländern ist nicht abzusehen, und dass eine Familie, die hier Fuß fassen kann, schnell wieder zurückwill, ist kaum vorstellbar. Hinzu kommen die Arbeitsmigranten und deren Angehörige. Deutschland ist heute schon nach Amerika das beliebteste Einwanderungsland der Welt (2013 kamen etwa 465.000 Zuwanderer, um dauerhaft zu bleiben). Und auch hier ist eine Reglementierung, eine Form von Quotierung, auf Dauer unumgänglich. Aus humanitären Gründen wollen wir Flüchtlinge aufnehmen. Aus demografischen und ökonomischen Gründen brauchen wir Zuwanderung; sie bringt dem Land übrigens, so belegt es eine gerade veröffentlichte, von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene Studie, viel mehr ein, als sie es belastet.

Aber wahr ist auch: Eine unkontrollierte Einwanderung ist nie nur ein Gewinn. Es gibt unter Migranten mehr Arbeitslose als im Durchschnitt der Bevölkerung und unter Ausländern mehr jugendliche Kriminelle, was oft soziale Ursachen hat. Die Terrorgefahr auf der ganzen Welt ist eine islamistische. Nur bringt es viele Menschen zur Raserei, wenn die Politik auf diese Probleme mit Verharmlosung und Sprechverboten reagiert. Je vielfältiger eine Gesellschaft, desto klarer müssen die Regeln sein: in diesem Fall der Wille zur Integration, der Lebensunterhalt von eigener Hände Arbeit, die Einhaltung von Recht und Gesetz.

Bislang haben sich die Deutschen übrigens noch sehr viel vernünftiger verhalten als 1992, als in einem Jahr fast 500.000 Flüchtlinge in die Bundesrepublik drängten. Damals brannten die Asylbewerberheime, und lange war unklar, ob der ausländerfeindliche Mob nicht die Avantgarde der schweigenden Mehrheit war. Und die Debatte um das Sarrazin-Pamphlet, eine Art Pegida im Buchhandel, hat das Land am Ende offener und nicht verschlossener gemacht.

Der Zustrom von Flüchtlingen oder Migranten macht das Land am Ende auch nicht zwangsläufig zu einer Nation von sozialen Autisten. Der Harvard-Professor Putnam sagt, dass die Selbstisolierung nur eine vorübergehende Phase sei, an deren Ende auch ein neues Wirgefühl stehen könne. Aber dafür ist noch viel, sehr viel zu tun.

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