Warum er hier ist? Alexander Gauland macht ein freundliches Gesicht. "Ich will Menschen nicht verurteilen, bevor ich nicht erfahren habe, was sie bewegt", sagt er. "Ich will das selber sehen."

Am Montagabend steht Gauland, Fraktionschef der AfD im Landtag von Brandenburg, in Dresden auf einem Parkplatz vor dem Hygienemuseum. Mit fünf anderen AfD-Abgeordneten ist er in einem Kleinbus angereist, um sich anzuschauen, was seit einigen Wochen die Republik erregt: die Kundgebungen von Pegida, den "Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes", die in Dresden gegen Überfremdung und für schärfere Asylgesetze protestieren. Als "natürliche Verbündete" der AfD hatte Gauland, 73, diese Menschen vergangene Woche bezeichnet. Jetzt hält er einen Zettel in der Hand, die 19 Thesen von Pegida. Gauland setzt seine Lesebrille auf. "Nulltoleranz gegen straffällig auffällige Asylbewerber – sehen wir genauso. Christlich-jüdische Abendlandkultur – ja. Gegen Gendermainstreaming – sagen wir auch", sagt Gauland. "Also, das können wir alles unterschreiben."

15.000 Menschen sind zur neunten Pegida-Kundgebung gekommen, ein neuer Rekord. Der AfD-Fraktionschef steht am Rand der Versammlung, vereinzelt erkennen ihn Demonstranten, sie schütteln ihm die Hand. "Es ist Aufgabe der Politik, die Ängste der Menschen aufzugreifen", sagt Gauland.

Die selbst ernannten Patrioten rufen den Verfassungsschutz auf den Plan und verstören die Politik. Die Unionsparteien schwanken, ob man sich von den Anti-Islam-Demonstranten abgrenzen oder für die Sorgen vieler Bürger offener sein müsse. Die alte Strategie, die rechten Ränder einzubinden, hat solange funktioniert, wie es keine Parteien rechts von CDU und CSU gab. Doch nun sind da Pegida und ihre vielen Ableger, und mit der AfD existiert zum ersten Mal seit Jahren auch eine Partei, die entschlossen scheint, die neuen Wutbürger zu umarmen. Ist sie der politische Hebel, der die vagabundierende deutsche Wut in die Mitte der Politik bringt, womöglich sogar in den Bundestag?

Eine ganz normale Veranstaltung sei das gewesen, "keine Nazis in Nadelstreifen, keine Chaoten". Gauland sagt, er habe keine Aggression gespürt.

Lesen Sie dazu auch "Wer sind wir denn?" von Giovanni di Lorenzo und "Die nationale Querfront" von Thomas Assheuer in der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Einer von denen, die zu den Pegida-Veranstaltungen kommen, ist der Dresdner Hans-Jürgen Sirch, 74, pensionierter Chemiker, katholisch, Wähler der CDU. Bislang. Er bezeugt, was Pegida derzeit ist: eine Zulaufgemeinschaft politischen Missbehagens. Sirch besorgt vieles – die "Frühsexualisierung" von Kindern, die verfehlte Einwanderungspolitik, auch dass deutsche Geschichte auf zwölf Jahre Nationalsozialismus reduziert werde.

Bei Pegida habe er vor allem üble Erfahrungen mit linken Gegendemonstranten gemacht. Buttersäure wurde verkippt, "Nie wieder Deutschland!" gegrölt. Sirch geht es wie vielen der Demonstranten: Er fühlt sich nach rechts verbannt, in die rassistische Hassecke. Dabei habe er den Koran gelesen und finde es ganz schrecklich, was man ihm unterstelle. Nach der Begegnung mit der ZEIT schickt Sirch eine SMS: Seit einem Jahr sei er Mitglied der AfD. "Nur so kann ich erfahren, wer oder was dort prägend ist." Die Medien hält er für tendenziös, in Richtung links verzogen.

Am vergangenen Samstag hatten die Dresdner Neuesten Nachrichten eine Umfrage veröffentlicht: 60 Prozent der Dresdner seien gegen die Ziele von Pegida, 12 Prozent dafür, 14 Prozent teils, teils.

Sachsen ist weit entfernt von den Asylaufnahmezahlen anderer Bundesländer, der Anteil der Muslime liegt bei gerade mal 0,4 Prozent. Pegida sammelt Unzufriedene, die sich zu kurz gekommen glauben und in ihrem sozialen Status bedroht fühlen, nach dem Motto: Wehret den Anfängen! Die Frage ist, ob sich hier etwas zusammenbraut, das weit über Dresden hinausgeht.

Wut, Misstrauen gegen die "Systemmedien", das Gefühl, Vertreter einer unterdrückten Mehrheit zu sein, die Hoffnung, auch mithilfe sozialer Medien eine Gegenöffentlichkeit zu etablieren, der Verdacht, es gebe da irgendwie eine Verschwörung der Etablierten – all das eint die Menschen, die derzeit aus den unterschiedlichsten Motiven mobilmachen. Manchmal kommt dabei auch Linkes und Rechtes auf verwirrende Weise zueinander.

Samstagmittag, Berlin: Vor dem Schloss Bellevue haben sich vielleicht viertausend Demonstranten versammelt, um gegen die "kriegstreiberische Politik" von Bundesregierung, Nato und Joachim Gauck zu protestieren. Der "Friedenswinter", so heißt diese Veranstaltung, verbindet erstmals Anhänger der klassischen linken Friedensbewegung mit Teilnehmern der Montagsmahnwachen. Diese, nicht zu verwechseln mit den islamkritischen Montagsdemos, wurden zu Beginn der Ukrainekrise in vielen Städten ins Leben gerufen, ihre Anhänger sympathisieren seither lautstark mit Russland und Wladimir Putin.

Der Versuch einer ZEIT-Reporterin, einen Demonstranten zu interviewen, wird von einem jungem Ordner unterbrochen: "Diese Dame wird nur schlecht über Sie berichten, sie nutzt Sie aus."

"Wie kommen Sie darauf?"

"Die ist von der Springerpresse. Die ZEIT gehört zu Springer."

"Nein, das tut sie nicht."

"Die ZEIT hat auch schlecht über uns berichtet. Reden Sie nicht mir ihr."