Der Mann will trotzdem weitersprechen, der Ordner verschwindet, fünf Minuten später ist er mit einer Kamera zurück und droht mit einer Diffamierungskampagne im Netz. Auf ihren Kollegen angesprochen, zucken andere Ordner mit den Schultern: "So machen wir das jetzt mit der Presse. Damit wir was in der Hand haben, falls schlecht über uns berichtet wird."

Der Ordner sei übers Ziel hinausgeschossen, sagt Veranstalter Reiner Braun, verwunderlich sei das angesichts der Berichterstattung der vergangenen Monate aber nicht. Auch hier fühlt man sich verfolgt und missverstanden – vor allem von der Kritik, antisemitisch und neurechts zu sein. Veranstalter Lars Mährholz sagte in einem Interview mit Voice of Russia im April, Schuld an allen Kriegen sei noch immer die amerikanische Federal Reserve Bank gewesen – eine in neurechten Kreisen beliebte Argumentationsfigur.

15.000 Menschen kamen zur Pegida-Demo am Montag. Bei der ersten Kundgebung am 20. Oktober waren es nur 160 Teilnehmer

Ob Pegida oder Friedenswinter, die Demonstranten dieser Tage sind eigenartig: Sie wollen gehört werden, aber sie sprechen nicht gern, sie sehen sich als schweigende Mehrheit, aber sie sprechen nicht mit der Mehrheitsgesellschaft. Sie setzen auf das Netz mit seinen Möglichkeiten zur schnellen Mobilisierung. Die zehn größten Pegida-Bündnisse – von München bis Bochum – hatten bei Facebook bereits innerhalb weniger Tage mehr als 85.000 Freunde, zeigt eine Social-Media-Analyse der Plattform Pluragraph.de für die ZEIT. Extreme Meinungen funktionieren in Sozialen Netzwerken besser als verwaschene Positionen der Volksparteien. Hier findet die "Das muss man doch mal sagen dürfen"-Fraktion eine virtuelle Heimstatt.

Im Internet, auf Plattformen wie Facebook, finden sich auch Spuren der Leute, die hinter Pegida stehen. Rund 160 Menschen, Teilnehmer der ersten Demo am 20. Oktober, bilden die Keimzelle der Bewegung. Schaut man sich ihre Profile an, erscheinen Urlaubsfotos von Reisen nach Ägypten, Saufbilder, kraftmeierische Schnappschüsse mit Motorrad. Es sind Eindrücke aus einer kleinbürgerlichen Spaßgesellschaft, zu der im Dresdner Pegida-Umfeld Kfz-Mechaniker, Ladenbesitzer, Finanzvertriebler, Friseurinnen gehören. Menschen, die ein Auskommen haben, aber keine großen Ziele.

Am Anfang war die Sorge. Das gibt Gordian Meyer-Plath ehrlich zu. Er ist Präsident des Verfassungsschutzes in Sachsen. Der Geheimdienst hatte Bedenken, Pegida könnte in ähnliche Straßenschlachten ausarten wie die Demonstration "Hooligans gegen Salafisten" (HogeSa) in Köln. Man habe Pegida daher seit der ersten Veranstaltung am 20. Oktober auf dem Schirm. Offiziell beobachtet jedoch werde die Gruppe nicht.

Hinweise gebe es auch auf Verbindungen zwischen den Veranstaltern der Dresdner Anti-Islam-Märsche und der Fußball-Hooliganszene. Noch hat sich der Verdacht der Verfassungsschützer allerdings nicht bestätigt.

Am Samstagnachmittag vor der Montagsdemo spielt Dynamo Dresden gegen Energie Cottbus. Das Ostderby ist ausverkauft. An Acki’s Imbiss glüht der Dynamo-Fan vor. Spontane Umfrage: Pegida? "Gut. Gut. Gut. Gut." Daumen hoch. "Aber tu uns nicht in die rechte Ecke. NPD, um Gottes Willen!" Kriegsflüchtlinge, erfährt man im Gespräch mit den Fans, müssten aufgenommen werden. "Aber wenn se nur einen Meter vom Weg des Gesetzes abweichen – ab ins Flugzeug."

Einer, der daran arbeitet, eventorientierten Krawall und Nazitum, politisch motivierte Haltung und diffuse Besorgnis, Unmut in Ost und West systematisch zu verbinden, ist Siegfried Däbritz. Vor einigen Wochen war er noch in einer geschlossenen Gruppe der HogeSa Osten aktiv – heute organisiert er die Montagsdemos der Pegida. Der ehemalige FDP-Stadtratskandidat aus Meißen gibt im Internet gern Tipps, was man mit einem geschenkten Koran tun könne: "Bei Koranverteilungen Schweinefüße in die rausgerissenen Seiten einwickeln kommt hervorragend an." Muslime sind für Däbritz wahlweise "bärtige Ziegenwämser" oder "Schluchtenscheißer".

Auf seiner Facebook-Seite hat Däbritz ein Foto von sich und dem Autor Akif Pirinçci gepostet, Arm in Arm schauen beide in die Kamera, auf einem anderen Foto hält Däbritz Pirinçcis Buch Deutschland von Sinnen hoch, ein Pamphlet gegen Frauen, Schwule, Muslime und Political Correctness.

Ansonsten bleibt Däbritz weitgehend stumm. Interviewanfragen lehnt er ab, auch mit der ZEIT will er nicht sprechen.

Die Mitgliederliste des nicht öffentlichen HogeSa-Forums, die der ZEIT vorliegt und in dem auch Däbritz begann, führt viele Männer aus der Dresdner Hooligan-Szene auf. Sie bezeichnen sich selbst als "Knecht" oder "Sklave" dieser Gesellschaft, arbeiten als Personenschützer, Maurer, viele gehen noch zur Schule. Und nicht ganz zufällig findet sich wohl auch ein Ausschnitt einer Rede der HogeSa-Kundgebung in Hannover in einem Mobilisierungsvideo zur Pegida-Demo in Dresden. Auch NPD-Führungsfiguren wie der Bundesgeschäftsführer Holger Szymanski oder der ehemalige Landtagsabgeordnete Arne Schimmer sind schon bei den Pegida-Märschen aufgetaucht. In Kassel, Würzburg und Düsseldorf wurden aktive NPD-Mitglieder, rechtsextreme Freie Kräfte und Kader der Partei Die Rechte unter den Teilnehmern gesichtet.