Wenn man für Angela Merkels Politikvermeidungsstil ein Bild finden müsste, dann ist es die Wolldecke. Die Wolldecke wärmt das Land, aber darunter wird es schnell stickig, so stickig wie im Biedermeier.

Vielleicht geht Angela Merkels Biedermeier in diesen Wochen zu Ende. Fünfzehntausend Menschen gingen in Dresden auf die Straße, mobilisiert von einer Organisation, deren Kürzel man glatt für Satire aus der heute-show halten könnte: Pediga, "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Und dann gibt es noch die "Mahnwachen"-Bewegung und die "Montagsdemonstrationen". Auch ihre Parolen sind oft verwirrend, einige klingen rechtsradikal und ausländerfeindlich, andere links und rebellisch. Ist es eine Apo von rechts mit der AfD als parlamentarischem Arm? Ist es eine Sammlungsbewegung, die links und rechts und in der Mitte im Trüben fischt und die Enttäuschten dieser Republik einsammelt – all die Nichtwähler, die Abgehängten und Verängstigten?

Politikwissenschaftler wie Chantal Mouffe oder Colin Crouch haben solche Entwicklungen kommen sehen. In westlichen Demokratien nehme die Machtausübung immer stärker technokratische Züge an. Es gebe kaum mehr offenen Streit, jede Entscheidung werde als "alternativlos" dargestellt. Doch diese "Postpolitik" sei gefährlich. Wer Konflikte unter den Teppich kehre oder durch "Dethematisierung" beschweige, der treibe die Menschen auf die Straße.

Mouffe, Crouch und andere Theoretiker der "Postdemokratie" denken dabei eher an linke Protestformen, zum Beispiel an Occupy Wall Street. Doch in Deutschland ist es anders. Pegida ist Teil einer Bewegung, die eine "Querfront"-Strategie verfolgt und die politischen Lagergrenzen auflösen will. Wie beim rechtsextremen Front National in Frankreich ("nicht rechts, nicht links, sondern französisch!") sollen auch die Linken mit ins Boot geholt werden. Auf den "Montagsdemonstrationen" klingt das dann so: Schuld an den vielen Flüchtlingen sei das "US-Imperium". Es führe überall auf der Welt blutige Kriege und treibe die Menschen nach Deutschland.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

"Querfront" ist keine neue Erfindung. In der Weimarer Republik ist sie schon einmal ausprobiert worden, als sich Konservative aus Furcht vor dem "amerikanischen Kapitalismus" mit Bolschewisten zusammentaten. Man nannte sie "die linken Leute von rechts", und solche Leute gibt es heute wieder, auch wenn bei einigen die Laufrichtung eine andere ist.

Der Querfront-Denker Jürgen Elsässer zum Beispiel kommt von ganz links, er ist Dauerredner bei den "Montagsdemonstrationen" und pflegt auch Kontakte zur AfD. In jungen Jahren schrieb er für das KP-Organ Arbeiterkampf, er war Mitbegründer der Jungle World, Mitarbeiter von konkret und Redakteur beim Neuen Deutschland. Als er dort rausflog, gründete er eine "Volksfront gegen das angloamerikanische Finanzkapital". Nun hofft Elsässer auf die Pegida-Bewegung ("Ich sage nur: Weitermachen wie bisher! Politisch stimmt alles").

Einer seiner Mitstreiter ist Ken Jebsen, früher einmal Moderator beim RBB. Jebsen unterstützt Elsässer bei dessen amerikakritischen "Souveränitätskonferenzen" und ist auch im russischen Propagandasender RT zu sehen, wo er die Meinungsfreiheit gegen "das System" verteidigt. Nebenher ist Jebsen ein militanter "Israel-Kritiker", und das wird man wohl noch sagen dürfen.