Der Weg zum amtierenden Chef der kurdischen Arbeiterpartei PKK, Cemil Bayık, 59, führt von Erbil aus, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, mehrere Stunden in Richtung Norden, in das Kandilgebirge. Hier beginnt PKK-Land. Das Konterfei des PKK-Gründers Abdullah Öcalan ist an Checkpoints zu sehen. Da Öcalan eine lebenslange Haftstrafe in der Türkei absitzt, steht Bayık an der Spitze der Partei. Deckname: Cuma. An dieser Stelle müssen wir die Mobiltelefone ausschalten und abgeben.

Auf etwa 1500 Metern steht das "Gästehaus" der PKK. Es wird von Kämpferinnen betreut. Sie begrüßen die Gäste mit Küsschen rechts und links. Sie nehmen Eltern in Empfang, die kommen, um ihre kämpfenden Kinder zu besuchen, Politiker oder Journalisten. Nach etwa zwei Stunden holt uns ein PKK-Kämpfer ab. Er bringt uns in ein Dorf. Wir sollen im Haus eines Dorfbewohners warten. Unsere Namen würden noch einmal über Funk durchgegeben.

Nach etwa einer Stunde öffnet sich die Tür. Cemil Bayık betritt den Raum, begleitet von vier schwer bewaffneten Beschützern.

DIE ZEIT: Die Kurden waren immer die Verlierer im Nahen Osten, die PKK war das Enfant terrible. Seit der Verteidigung der Stadt Kobani vor dem sogenannten Islamischen Staat (IS) hat sich Ihr Image radikal verändert. Wie fühlt sich das an, plötzlich die "Guten" zu sein?

Cemil Bayık: Eigentlich hat man uns verkannt. Es kann sein, dass wir da Fehler gemacht haben. Aber wir waren damit nicht allein. Europa und Amerika haben uns nur durch die Augen des türkischen Staates und seines Geheimdienstes kennengelernt. Unser Engagement in Kobani hat nun vielen die Augen geöffnet und ermöglicht, uns objektiver zu betrachten. Man wird sehen, dass die Informationen, die die Türkei und andere über uns weitergegeben haben, nicht mit der Realität übereinstimmen.

ZEIT: Welche Fehler haben Sie denn gemacht?

Bayık: Vor allem Anfang bis Mitte der neunziger Jahre gab es Aktionen, mit denen wir über das Ziel hinausgeschossen sind; Aktionen, die die europäische Öffentlichkeit an ihre Grenzen gebracht haben.

ZEIT: In Deutschland erinnert man sich noch an Selbstverbrennungen und Autobahnblockaden.

Bayık: Nun, in dieser Zeit gab es in der Türkei einen aggressiven Krieg im Südosten des Landes. Die Türkei hat die Kurden mit ihrer ganzen Kraft angegriffen und dabei ihre eigene Verfassung mit Füßen getreten. In dieser Zeit gab Deutschland ostdeutsche Waffen an die Türkei weiter – und die wurden im Krieg gegen die Kurden eingesetzt.

ZEIT: Viele Menschen haben Angst vor der PKK, genau wegen dieser und anderer Erinnerungen. Gleichzeitig gibt es in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine Debatte darüber, ob das PKK-Verbot aufgehoben werden sollte. Verfolgen Sie das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Bayık: Darüber freuen wir uns. Das Verbot ist ein Schandfleck, der entfernt werden muss. Es nützt weder Deutschland noch dem deutschen Volk, noch den europäischen Staaten und ihren Völkern. Natürlich verfolgen wir, dass gewisse Kreise in Deutschland über die Aufhebung des Verbots sprechen. Wir haben diese Leute hierher eingeladen. Wir können uns treffen, uns kennenlernen und gemeinsam die Vergangenheit bewerten. Wir können offen über unsere Fehler reden. Wir haben kein Problem mit Kritik und Selbstkritik. Darüber hinaus prüfen wir selbst juristische Wege, wie die PKK von der Liste terroristischer Organisationen gestrichen werden kann.

ZEIT: Können Sie uns ein Beispiel für eine Aktion der PKK aus der Vergangenheit nennen, die Sie heute bereuen?

Bayık: Zum Beispiel unsere Politik gegenüber den Dorfschützern in der Türkei ...

ZEIT: ... jenen Kurden, die vom türkischen Staat bewaffnet und bezahlt wurden und im Kampf gegen die PKK geholfen haben.

Bayık: Wir haben mal auf einem Parteitag entschieden, ihre Namen zu veröffentlichen. Heute aber haben wir zu den meisten dieser Dorfschützer, die uns gegenüber feindlich eingestellt waren, Kontakt. Sie unterstützen uns. Wir haben aus unseren Fehlern gelernt.

ZEIT: Über die Kurden im Nahen Osten heißt es, dass sie gerade die Lage in der Region nutzen, um ihrem Traum von Autonomie näher zu kommen, wie den syrischen Bürgerkrieg, in dessen Wirren das Autonomiegebiet in Rojava aufgebaut wurde, zu dem auch Kobani gehört. Was sagen Sie dazu?

Bayık: Selbstverständlich ergeben sich Gelegenheiten, die man nutzt. Aber eine Bewegung kann sich nicht nur dadurch entwickeln, dass sie Gelegenheiten nutzt. So sollte die PKK nicht gesehen werden. Unsere fundamentalen Prinzipien sind: Selbstbewusstsein entwickeln; sich alles erkämpfen und zu einer Lösungsmacht werden. So war es in Kobani. Nicht nur Amerika, alle haben geschwiegen, als der IS die Stadt angriff. Alle hatten geglaubt, dass Kobani fallen würde, und fingen an, ihre Politik danach auszurichten. Als klar wurde, dass Kobani nicht fallen würde, als das Volk Kobanis und das Volk von Suruç auf der türkischen Seite sich verbündet hatten, erst dann hat sich Amerika eingeschaltet. Dann wollten alle Teil dieses Widerstandes werden. Denn nicht Teil des Widerstandes zu sein hieß von nun an, auf der Seite des IS zu stehen. Und das konnte weder Amerika, noch konnten dies die europäischen Länder akzeptieren.