Im Halbdunkel des Labors wartet er schon. Die Haare liegen in Form, die Arme ruhen im Schoß. "Guten Tag. Ich freue mich, Sie kennenzulernen", sagt er. Das verzagte Lächeln ist landestypisch. Auch dass er nur selten direkten Blickkontakt sucht, kommt in Japan häufiger vor. "Haben Sie gut hergefunden?", fragt er in belanglosem Plauderton zu Beginn eines ernsten Gesprächs. Japanischer könnte es sich in diesem tristen Raum, der außer ein paar mit Adaptern und Kabeln vollgestopften Regalen sonst nur wenig enthält, wohl kaum abspielen.

Ein Mann eilt mit schnellen Schritten herein. Er sieht fast so aus wie jener, der den Reporter gerade begrüßt hat. Auch er ist schwarz gekleidet, die Haare sind genauso pilzköpfig geschnitten, das Lächeln ist vergleichbar. Nur ist es diesmal der echte Hiroshi Ishiguro – und nicht dessen Kopie. Der Forscher grinst zufrieden. "Wir sind uns ähnlich, nicht wahr?"

Vor sieben Jahren entwickelte Ishiguro die erste Version dieses Roboters, der ihn in Fachkreisen berühmt gemacht hat. Sein Klon kann zwar nicht aufstehen, laufen oder sich zur Begrüßung leicht verbeugen, wie es in Japan üblich ist. Er kann weder fühlen noch riechen. Und doch war eine Maschine dem Menschen noch nie so ähnlich wie der Geminoid HI.

Früher wurden Roboter nach menschlichem Vorbild Androide oder Humanoide genannt – "wie ein Mensch". Ishiguro hat eine darüber hinausgehende Bezeichnung gewählt: Das Wort Geminoid leitet sich vom lateinischen geminus ab, dem Zwilling. "Ich will Roboter bauen, die Menschen nicht nur ähnlich, sondern mit ihnen identisch sind. Und ich werde so lange weitermachen, bis wir uns nicht sicher sind, ob das da vor uns ein Mensch ist oder eine Maschine."

Für solche Sätze wird Ishiguro in Japan geliebt. Oder gehasst. Dazwischen gibt es wenig. Das Tokioter Museum für aufstrebende Wissenschaften widmet Ishiguros Klonen seit dem Sommer eine Ausstellung. Der Arbeitsplatz des 51-jährigen Ingenieurs liegt 500 Kilometer von Tokio entfernt. An der Universität Osaka leitet er eines der weltweit führenden Forschungsinstitute für Robotik. Seinen rund 30 Mitarbeitern gibt er Fragen auf wie: Was macht einen Mensch aus? Was finden Menschen menschlich? Wie lässt er sich nachbauen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Eine näherliegende Frage aber lautet: Warum sollte man das tun? Ishiguro blickt kurz zu seinem Klon, dann zieht er eine Visitenkarte aus der Tasche seiner schwarzen Daunenjacke, die er bei vielen öffentlichen Auftritten trägt. Sie ist beidseitig bedruckt, wie es sich für einen weltgewandten Japaner gehört, auf Japanisch und Englisch. Auf jeder Seite ist ein Foto. "Eins ist von mir, das andere ist der Geminoid. Sehen Sie einen Unterschied?" Auf den ersten Blick ist tatsächlich keiner zu erkennen. Ishiguro betrachtet die Karte mit Stolz. "Was wird nicht alles möglich, wenn wir uns duplizieren können?"

Dem Professor erleichtert sein Doppelgänger manchmal schon heute das Leben. Letztens habe er seinen Geminoid nach Zürich geschickt. "Die wollten, dass ich an der Uni einen Vortrag über den Geminoid halte. Ich sagte: Ihr könnt euch aussuchen, wer kommt – die Kopie oder ich." Weil die Schweizer sich für den Roboter entschieden hatten, programmierte Ishiguro ihm seinen Vortragstext ein und setzte ihn mit einem Assistenten zusammen ins Flugzeug. So konnte sich das Original der Forschung widmen, während die Kopie am anderen Ende der Welt darüber referierte. Aber ist das nun ein enormer Gewinn an Effizienz – oder ein Verlust an Menschlichkeit?

Was in manchen Ländern wie Science-Fiction anmutet, ist in Japan bereits Teil des täglichen Lebens. Roboter spielen dort längst nicht nur in der Industrieproduktion eine Rolle. In Pflegeheimen werden sie schon eingesetzt, für Schüler sind Lernroboter auf dem Markt. Alljährlich präsentieren Unternehmen und Forschungsinstitute interaktive Mülleimer, Einkaufsassistentenroboter, automatisch fahrende Krankenbetten oder intelligente Exoskelette als Bewegungshilfen.

"Ich bin sicher, dass wir uns irgendwann in Roboter verlieben können"

Aber Ishiguro will mehr. "Roboter sollen nicht nur irgendwelche Assistenten sein. Ich will Freunde bauen und Geliebte", sagt er und fügt hinzu: "Wir sollten bloß nicht denken, dass wir Menschen so besonders sind, dass wir uns nicht nachbauen könnten." Ishiguro erzählt das so beiläufig, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. "Dass wir das bisher nicht können, liegt eher an der Psychologie und der Anthropologie, dort hat man den Menschen noch nicht weitgehend genug verstanden." Aber Ingenieure könnten fast alles nachbauen.

Auch Emotionen könnten sie duplizieren. Dass Menschen Gefühle wie Respekt oder Treue gegenüber Robotern entwickeln könnten, sei längst erforscht, sagt Ishiguro. "Warum soll es dann nicht weitergehen?" Nach all den Jahren erfolgreicher Arbeit kann es ihm egal sein, ob er als Verrückter oder Genie betrachtet wird. Man solle sich nur die weibliche Menschenkopie ansehen, die er vor Jahren gebaut habe, den Geminoid F. "Sie ist hübsch, oder?", sagt er. "Ich bin einfach sicher, dass wir uns irgendwann in Roboter verlieben können."

Es gibt Experten, die diese Meinung teilen. Der britische Schachweltmeister und Computerexperte David Levy etwa schrieb schon ein Buch darüber: Unter dem Arbeitstitel "Love and Sex with Robots" prophezeit auch er eine Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Menschlichem und Künstlichem selbst auf dieser Ebene verschwimmen werden. Ishiguro will dieses Szenario zur Wirklichkeit machen.

Dabei hatte er ursprünglich ganz andere Pläne, als Roboter zu bauen. Als Schulabgänger verbrachte er seine Tage mit Motorradfahren, schrieb sich später für ein Kunststudium ein. "Ich habe immer gern gezeichnet, aber ich merkte, dass ich für eine Karriere nicht genug Talent hatte." Dann beginnt er, auf einem Stuhl sitzend, mit einer Kneifzange an seiner Schuhsohle herumzupulen. "Maschinen und das Werkeln gefielen mir aber auch", fährt er fort. "Dann wurde ich Ingenieur."