Müde? Fehlender Schlaf stört die Konzentration und macht schlechte Laune. © dpa

Um zu wissen, dass der Mensch zu sehr früher Stunde nur bedingt leistungsbereit ist, muss man keine Kinder im schul- und damit frühaufstehpflichtigen Alter haben. Es reicht, sich an die eigene Schulzeit zu erinnern: Wenn das Weckerklingeln in den todmüden Ohren schmerzt. Wenn nach dem fünften Mal Umdrehen die Mutter ruft, erst nett, dann laut und zum Schluss: "Decke hoch, raus aus dem Bett." Missmutiges Stochern im Müsli, Mathe-Arbeit um acht.

Seit Jahren fordern Schüler, Eltern, Lehrer, Wissenschaft und viele Politiker einen späteren Unterrichtsbeginn – und doch hat sich bislang niemand so recht getraut, am traditionellen Termin um acht Uhr morgens zu rütteln. Acht Uhr morgens: Diese Uhrzeit steht so definitiv für den Beginn der Schule wie acht Uhr abends für den Beginn der Tagesschau. Deutsche Rhythmen, scheinbar unverrückbar.

Bis jetzt. Denn seit diesem Schuljahr startet die erste Stunde am Gymnasium Marienthal um halb neun. Und das, sagt Schulleiterin Christiane von Schachtmeyer über die geschenkte halbe Stunde am Morgen, "finden hier eigentlich alle genial". Die Schulbehörde unterstützt einen späteren Start und betrachtet ihn als Modell für andere Schulen.

Eigentlich ist die neue Zeitregelung nur Teil eines Gesamtkonzepts, mit dem die Ganztagsschule im Rahmen der G-8-Debatte umstrukturiert wird: Spätbetreuung, Themenverdichtung, Nachbereitung, Fächerreduzierung – in einem zweijährigen Diskussionsprozess sei vieles auf den Tisch gekommen, "was Stress rausnimmt", wie die Direktorin sagt. Doch den Schülern sei vor allem der spätere Unterrichtsbeginn wichtig gewesen.

Man sei eben wacher und starte aktiver in den Alltag, sagt die Marienthaler Schülersprecherin Alina Limniatis. Die Stimmung im Klassenraum sei deutlich besser. Das findet auch die Elternratsvorsitzende Sabine Fiegen. Trotzdem sagt sie, dass sich auch dieses Projekt im Laufe der Zeit erst beweisen müsse.

Zu wenig Schlaf kann sogar zu Wachstumsstörungen führen

Deshalb läuft am Gymnasium Marienthal derzeit die Evaluation. Doch schon jetzt, sagt Christiane von Schachtmeyer, reiche ein kurzer Blick in die Gesichter am Morgen. "Wie gut der Biorhythmus mit dem späteren Termin zurechtkommt, sieht man sofort." Wissenschaftliche Erkenntnisse hätten bei der neuen Taktung ohnehin nur eine Nebenrolle gespielt.

Außer Acht lassen sollte man die Forschungsergebnisse dennoch nicht. So hat die deutsche Pisa-Studie einen messbaren Zusammenhang zwischen ausreichendem Schlaf und erfolgreichem Lernen festgestellt. Ungewolltes Frühaufstehen, darüber herrscht unter Bildungsexperten, Entwicklungspsychologen und Schlafforschern Konsens, schadet der schulischen Leistung enorm. Und nicht nur ihr. Konzentrationsmängel, Wachstumsstörungen, Stimmungsschwankungen bis hin zur Depression – zu wenig Schlaf ist gerade für ruhebedürftige Teenager nicht nur tägliches Ärgernis, sondern echtes Risiko.

Vor allem Jürgen Zulley, Professor für biologische Psychologie an der Universität Regensburg, wirbt seit Jahren für mehr Rücksichtnahme auf Jugendliche, deren Pubertät zuweilen sedierender auf den Kreislauf wirkt als ein Beruhigungsmittel. Acht Stunden sollte ihr Schlaf währen, eine Stunde mehr als bei Erwachsenen. Nur: Diesen acht Stunden steht oft das nächtliche Verhalten Jugendlicher im Wege: chatten, ausgehen, telefonieren, ins Kino gehen, Liebeskummer pflegen – je älter Kinder werden, desto nachtaktiver werden sie auch.

Gehen Neunjährige nach Erkenntnissen der Verhaltensforscherin Stephanie Crowley von der Rush University Chicago um 21.30 Uhr zu Bett und erwachen neun Stunden später, rückt der Zeitpunkt des Zubettgehens alle zwei, drei Jahre eine halbe Stunde weiter nach hinten, ohne morgens kompensiert zu werden. Mit 17 geht das Licht dann nach elf aus, zu spät, um gemeinsam mit dem deutschen Durchschnitt gegen 6.16 Uhr in den Arbeitstag zu starten.