Weil Jugendliche häufig zu spät und zu kurz schlafen, kann das Gehirn tagsüber erworbenes Wissen nicht im Tiefschlaf im Langzeitgedächtnis abspeichern. Letztlich könne Schlafmangel "krank, dumm und dick machen", sagt Zulley. Deshalb schlägt er den Marienthaler Lernbeginn erst einmal als Standard vor.

In Hamburg entscheidet jede Schule selbst, wann der Unterricht beginnt

Recht geben ihm diverse amerikanische Studien, deren Schulprobanden dank längerer Nachtruhe aufnahmefähiger waren, seltener blaumachten und nur in Ausnahmen später einschliefen. 8.30 Uhr sei daher noch keinesfalls der optimale Schulstart, meint Jürgen Zulley. Neun Uhr sei besser. Damit zählt er noch zu den gemäßigten Stimmen. Der Frankfurter Neurobiologe Peter Spork zum Beispiel geht in seinem viel beachteten Buch Wake up! – Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft zumindest für die Oberstufe eine Stunde weiter. In skandinavischen Modellen wird sogar mit individueller Gleitzeit experimentiert. Selbst Hamburgs Schulsenator Ties Rabe wirbt – zumindest ab Klasse 7 – für einen Unterrichtsbeginn um 8.45 Uhr.

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern überlässt Hamburg die Entscheidung über die Uhrzeit des Schulstarts den Schulen selbst. Die Autonomie geht so weit, dass die Behörde nicht einmal weiß, welche Schulen ihren Unterricht bereits nach hinten verschoben haben. Rabes Vorschlag ist also eine reine Empfehlung. Trotzdem zeugt sie von einem veränderten, offeneren Klima in der Debatte.

Schließlich gibt es keinesfalls nur gute Argumente für Langschläfer. Auch Frühaufsteher haben welche, und sie kommen nicht nur von Traditionalisten. Am Berliner John-Lennon-Gymnasium etwa hat vor vier Jahren die Mehrheit der Schüler gegen späteres Lernen votiert, um nachmittags früher freizuhaben.

Und noch ein Problem bringt der spätere Schulstart mit sich: Was machen Eltern, die früh zur Arbeit müssen, mit ihren Kindern? Jede Schule müsse für Kinder berufstätiger Eltern mit frühem Dienstbeginn "eine Betreuung vor Unterrichtsbeginn sicherstellen", heißt es bei der Schulbehörde. Ob die Schulen das anbieten können und wollen, ist eine andere Frage.

Das Gymnasium Marienthal jedenfalls bietet einen Frühdienst inklusive kostenlosen Frühstücks zur gewohnten Zeit vor acht Uhr an. Derzeit nutzen ihn etwa 30 Kinder. Zudem sei die halbe Stunde Extraschlaf ein sorgsam austarierter "Kompromiss zwischen Psychologie und Realitätssinn", sagt Schulleiterin von Schachtmeyer: lang genug, um den Schülern im dunklen Winter den Gang zur Schule bei Tageslicht zu ermöglichen, um "Platz zum Stauchen" des Stundenplans zu lassen, wie sie es nennt. Konkret heißt das, dass der Unterricht nicht zulasten des freien Nachmittags en bloc verschoben wurde, sondern stattdessen die Mittagspause von 75 auf 60 Minuten gekürzt und der Blockunterricht verdichtet wurde.

Trotzdem gab es Einwände von Lehrern, Eltern und Schülern, erinnert sich die Marienthaler Direktorin an den langwierigen Aushandlungsprozess. So hieß es zum Beispiel, der Nahverkehr sei ein Problem, schließlich habe der HVV seinen Fahrplan nicht gleichzeitig angepasst.

Trotzdem: Anders als in Flächenländern wie Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern, wo zum frühen Beginn oft noch lange Anreisen hinzukommen, ist das selbst in den Hamburger Randbezirken ein lösbares Problem. Und so überwiegt im Gymnasium Marienthal, das wegen seines chinesischen Sprachangebots auch Schüler mit weiten Anfahrtswegen anlockt, die Freude über 30 Minuten mehr Zeit.

Auch die Schulleiterin selbst genießt es trotz ihrer 52 Jahre "wie ein Teenager, morgens mehr Zeit für mich zu haben". Allerdings ist sie sich nun des Neids ihrer Tochter gewiss. Die nämlich geht in Schleswig-Holstein zur Schule. Um Viertel vor acht.