Adventszeit, familiäre Weihnachtsstimmungsmache schlägt von überall auf einen ein. Da kann sich der Mensch schon mal sehr einsam vorkommen, ganz egal, welche Geschlechtsmerkmale er mit sich über den Weihnachtsmarkt trägt. Die junge alleinstehende Frau und die Frage, ob sie einsam ist oder nicht – das haben wir hier kürzlich diskutiert. Andere haben das Thema aufgegriffen: "Die einsame junge Frau", das sei ein furchtbares Etikett. Liest man das als junger Mann und schlendert dann so ganz allein und hungrig zum Bratwurststand, an Spielzeugladenromantik und Christmas-Pärchen in der Parfümerie-Reklame vorbei, denkt man sich: Der einsame junge Mann, was ist das eigentlich für eine Figur? Ist die nicht genauso schrecklich?

Ja, das klingt nach einer Frage von Männern, die es nicht mal ertragen, wenn ein Gespräch über Feminismus fünf Minuten läuft, ohne dass sie wieder über Männer reden dürfen. Der bekannte Sound männlicher Gegenjammerei. Und es stimmt ja, was Nina Pauer hier ganz diplomatisch formulierte: Der junge alleinstehende Mann wird "weitestgehend in Ruhe" gelassen. Nur hat das In-Ruhe-Lassen eben auch beim jungen Mann seine Grenzen. Als ich das letzte Mal Freunden meine neue Partnerin vorstellen musste, nach einigen Jahren, in denen ich schon wegen des schrecklichen Wortes "Partnerin" lieber allein vor mich hin gelebt hatte, waren die Reaktionen unter- bis mittelschwellig voller Drohungen: Glückwünsche und Freutmichfürdichs, vorgetragen im Tonfall des "Puh, ganz schön knapp! Da bist du ja auch noch mal davongekommen!".

Dieses "knapp" heißt: Der junge alleinstehende Mann ist gar nicht so sehr das Problem. Aber er wird älter. Und wenn um die Dreißigjährige aus der Mittelschicht von Einsamkeit sprechen, ist das ja meist eine projizierte Einsamkeit: Ja, jetzt geht es mir gut, und ich habe viel zu tun und Freunde, für die ich ständig Risotto machen muss. Aber was ist in zehn Jahren? Kommt dann noch wer zum Risotto? Oder nur noch zum Babybrei? Babybrei ist für Männer zwar auch mit 45 noch eine relativ einfache Option. Nur was, wenn ich bis dahin immer noch niemanden gefunden habe, der "an meiner Seite" bleibt? Was macht man denn so, wenn man diese alles überstrahlende romantische Liebe nicht findet? Ich jedenfalls habe absolut keine Idee, wie man sich das lebenswert vorstellen soll, mit Mitte 40, Mitte 50 Single zu sein. Und erst recht nicht in der Weihnachtszeit: Singt man alleine unterm Tannenbaum Lieder? Muss man nach New York ziehen, um an Heiligabend chinesisch essen zu gehen und danach ins Kino? Man kann das ziemlich leicht als dumme Beschwerde abtun: So ist die Welt halt. Wer keine Liebe findet, der kann es gleich sein lassen. Liebe braucht doch der Mensch. Suchen Sie sich bitte eine Frau, gründen Sie eine Familie, seien Sie ein produktives Mitglied der Gesellschaft, und funken Sie in feministischen Diskursen nicht so unbedarft dazwischen!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Aber was, wenn ich wenigstens gerne eine Alternative hätte, und sei es nur eine theoretische, eine, die nicht komplett traurig daherkommt? Es gab diese Alternativen schließlich einmal, früher, in der alten, aber nicht unbedingt guten Zeit. Da war der alleinstehende Mann nicht einsam, sondern Junggeselle, was als der Lottogewinn unter den Lebensentwürfen galt. In den Siebzigern konnte Elliott Gould als Privatdetektiv Marlowe in The Long Goodbye nachts im Supermarkt mit brennender Zigarette im Mund Katzenfutter (!) kaufen, für seine Katze (!!), mit der er alleine (!!!) lebte. Und trotzdem war er der coolste Typ überhaupt. Noch mehr Erfolg als Junggeselle hatte nur der Playboy, der sein Leben der Verführung verschrieb und so viel damit beschäftigt war, einen gehobenen Lebensstil zu pflegen, dass für Weihnachtsblues gar keine Zeit blieb. Bar, Sofa, Bett, so hat der Journalist Claudius Seidl einmal die Vision des Playboys und seiner Wohnformen beschrieben, die damals utopisch, modern und frei erschien. Der Lebensentwurf eines Noir-Detektivs ist inzwischen aus der Mode gekommen, Single-Männer, die Katzen halten, gelten jetzt auch als seltsam. Und gebildete Männer um die dreißig, die davon träumen, als Playboy in einem Single-Apartment mit Bärenfell zu wohnen, Tigermuster-Unterhosen zu tragen und Sportwagen zu fahren, kenne ich zum Glück keine. "Der Mann, der gern allein lebt", schrieb Seidl, wirke heute "anachronistisch, asozial, verschroben und verstockt. Ein verblasster Mythos aus jener Zeit, da Zigaretten noch inspirierend waren, Autos durstig, Männer erst recht." Wer heute an alleinstehende Männer denkt, denkt nicht an Rolf Eden, sondern an Nazis in Brandenburg, denen die Frauen davongezogen sind.