Der Ort, den sie "meine Notaufnahme" nennt, ist voller Kostbarkeiten: antike Möbel, Originale an den Wänden. Alles, was zerbrechlich ist, hat die Frau, die hier Mandy Del Vecchio Weinberg heißt, weggeräumt. Sie hat Angst, dass etwas kaputtgehen könnte. Der Holzboden unter dem großen Tisch, an dem sie ihre Geschichte erzählt, ist mit einer Plastikplane belegt, damit keine Tomatensoße auf den Boden kleckert, wenn sie mit den Kleinen hier isst. Die Wohnung, in der wir uns treffen, ist nicht ihre.

Seit Ende August wohnt Del Vecchio mit ihren zwei Kindern in der Altstadt von Zürich. Für viele wäre es ein Traum, hier zu leben. Sie aber kann es nicht genießen, sie ist nicht freiwillig hier. Sie durchlebt einen Albtraum, aus dem sie nicht mehr aufgewacht ist, seit ihre Ehe vor mehr als zwei Jahren auseinandergebrochen ist.

Wie so oft bei Trennungsgeschichten, ist auch bei dieser für Außenstehende nicht klar, wer im Recht ist. Ob es hier ein Opfer gibt und dort einen Täter, hier Gut, dort Böse. Darum geht es auch gar nicht. Der Fall von Mandy Del Vecchio ist darum interessant, weil ihre Ehe eine der ersten in der Schweiz ist, die nach einem neuen Gesetz geschieden werden. Seit dem 1. Juli 2014 tragen die Eltern nach der Scheidung gemeinsam die elterliche Sorge, es sei denn, das Kindeswohl würde dadurch "elementar" gefährdet. Weil dies aber selten der Fall ist, müssen Mama und Papa fortan alles gemeinsam entscheiden. Egal, wie zerstritten sie sind, und egal auch, wer sich bis anhin im Alltag um die Kinder gekümmert hat. Um die saubere Wäsche, die Begleitung zum Laternenumzug, das Znüni im Kindergartentäschli. In der Schweiz gilt neu: Spätestens wenn die Eltern kein Paar mehr sind, müssen sie jede Frage, die über kleine Alltagsentscheidungen hinausgehen, zusammen regeln. Wo die Kinder zur Schule gehen, ob sie in der Freizeit reiten oder Rugby spielen dürfen und ob ein Schulmediziner oder ein Homöopath sie behandeln soll, wenn sie einmal krank werden. Und auch, wo die Kinder wohnen. Lauter Dinge also, die den Gesetzgeber nicht interessierten, solange die Ehe funktioniert hat. Nun aber, wenn Streit herrscht, greift der Staat im Namen des Kindeswohls ins Privateste ein.

Väterorganisationen hatten fast zehn Jahre lang für das Gesetz gekämpft, mit dem man in Frankreich, Österreich, Belgien, Polen, Russland und Skandinavien seit Jahren lebt. Sie wollten mehr Gleichberechtigung. Als sich der politische Prozess zu verzögern drohte, trommelten die engagierten Väter: Männer, lasst euch nicht länger von den Müttern eurer Kinder ausbooten und zu bloßen Zahlvätern degradieren! Als Zeichen ihrer Wut und ihres Leides schickten sie Hunderte Pflastersteine ins Bundeshaus. Kurz darauf schafften sie es mit dem Support einiger Politiker, das gemeinsame Sorgerecht im Eiltempo durchs Parlament zu peitschen. Das zweite heiße Eisen in der Rosenkrieg-Juristik, das Kindesunterhaltsrecht, wurde vom Sorgerecht abgekoppelt und auf später verschoben.

"Das war fatal", sagt SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen: "So fehlt uns nun, da wir über das Kindesunterhaltsrecht diskutieren, der Verhandlungsspielraum." Die Juristin hat sich vergeblich dafür eingesetzt, dass das gemeinsame und das alleinige Sorgerecht als gleichwertige Optionen eingeführt würden und die Gerichte in jedem Fall abwägen müssten, welche Lösung für eine Familie sinnvoll sei. Zu viele Kampfscheidungen habe sie als Anwältin erlebt, als dass sie an das gemeinsame Sorgerecht für alle glaube. Für sie sei es "ein ideales Gesetz für ideale Menschen", in der Praxis aber oft eine "hoffnungslose Überforderung".

Schon jetzt zeigt sich, welches die größte Knacknuss ist: der Zügelartikel.

Bis anhin galt, wer die Obhut über die Kinder hatte, durfte entscheiden, wo er mit ihnen wohnt. Egal, ob sie – und selten er – nach Oberlunkhofen, New York oder Vaduz ziehen wollte, sie musste den Expartner nur informieren, brauchte aber nicht sein Einverständnis. Seit dem 1. Juli 2014 ist das nicht mehr möglich, weil jetzt die Aufenthaltsfrage Teil der elterlichen Sorge ist. Der Paragraf, der nun zu so absurden wie tragischen Fällen wie jenem von Del Vecchio führt, ist aber keine juristische Panne, sondern eines der wichtigsten Anliegen der Väterlobby. Väter, die nur in zwei von zehn Fällen nach der Scheidung mit den Kindern unter einem Dach leben, sahen sich den Müttern ausgeliefert. Mit einem Wegzug war es für die Frauen bisher ein Leichtes, ihre Kinder von den Vätern zu entfremden oder den Kontakt gleich ganz zu zerstören. So das Argument von betroffenen Vätern.