Vor allem in Syrien hat sich die medizinische Versorgung seit dem Krieg dramatisch verschlechtert. Längst besiegt geglaubte Krankheiten sind dort wieder ausgebrochen. Im vergangenen Jahr zum Beispiel Polio, die Kinderlähmung. Lange Zeit wurden in Syrien fast alle Kinder dagegen geimpft. Dann kam der Krieg, und mit ihm kam die Krankheit zurück. Laut dem Kinderhilfswerk Unicef waren vor dem Krieg 99 Prozent der Kinder gegen Polio geimpft, heute ist es nur noch etwa die Hälfte. "Der Bürgerkrieg ist der perfekte Nährboden für Epidemien", schreiben die Forscherinnen Sima Sharara von der University of North Carolina in Chapel Hill und Souha Kanj von der American University Beirut in einer Studie, die im November in PLOSPathogens veröffentlicht wurde. Knapp 60 Prozent der öffentlichen Krankenhäuser in Syrien seien zerstört, Zehntausende Ärzte geflohen. Selbst einfache Medikamente seien nur noch schwer zu bekommen. Masern, Polio, Meningitis, Hepatitis, Typhus, Läuse und Krätze hätten sich seit Ausbruch des Krieges stark verbreitet, auch in den Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten.

Und so wächst in Deutschland nicht nur die Zahl der Flüchtlinge, sondern auch die Angst in der Bevölkerung und die Stigmatisierung. In Berlin bekamen 2013 in einem Flüchtlingsheim acht Kinder die Windpocken, eine Krankheit, die auch in ganz gewöhnlichen deutschen Kindergärten grassiert. Einige Anwohner verteilten daraufhin Flugblätter. Darauf stand: "Was kommt demnächst? Masern? TBC? Cholera?" Keiner der Flüchtlinge im Heim litt an einer dieser Krankheiten. Im sächsischen Bautzen blieb ein Badesee selbst an sonnigen Sommertagen leer, nachdem am Ufer ein Flüchtlingsheim eröffnet hatte. Die Anwohner hatten Angst vor "Ebola, HIV und Hepatitis". Es passiert sogar, dass Menschen aus afrikanischen Staaten auf offener Straße "Ebola" hinterhergerufen wird. Und in München verteilten Anwohner Flugblätter gegen Asylbewerber, auf denen stand: "Müssen wir darauf warten, bis die Todesseuche Ebola eingeschleppt wird?" Die Brandenburger NPD nutzte die Angst vor Ebola aus, um zum "ausnahmslosen Einreisestopp für Zuwanderer aus betroffenen Ländern" aufzurufen. Dass Mediziner eine Ebola-Epidemie durch Flüchtlinge für nahezu ausgeschlossen halten, wird dabei meist nicht erwähnt.

Der Grat ist schmal zwischen Panikmache und berechtigter Sorge, zwischen medizinisch begründeten Warnungen und rassistisch motivierten Ressentiments. Klar ist, dass nur ein kleiner Teil der Asylbewerber ansteckende Krankheiten hat. Und dass zuallererst die Flüchtlinge selbst unter einem Ausbruch leiden, weil sie in engen Heimen leben müssen, in denen die Ansteckungsgefahr groß ist. Ein gesunder, wohlgenährter Mensch infiziert sich in guten Wohnverhältnissen beispielsweise nicht so leicht mit dem Tuberkuloseerreger. Die, die krank sind, müssen schnell untersucht und behandelt werden. Doch genau das scheint an vielen Orten nicht zu funktionieren. Nicht nur in Berlin.

In einem Flüchtlingsheim in Sachsen-Anhalt brachen – wie in vielen anderen Heimen auch – im Herbst die Masern aus. Als Ärzte bei der Gesundheitsbehörde fragten, ob man die Menschen impfen könne, um weitere Ausbrüche zu verhindern, kam von der Behörde wochenlang keine Antwort. Nach einem Monat schrieb das Landesverwaltungsamt eine nüchterne Absage: Die eigentlich vorgesehenen Impfungen müsse man "mangels personeller Kapazitäten und benötigter sächlicher Ausstattung nunmehr bis auf Weiteres einstellen". Und selbst wenn man neue Stellen schaffen könnte, gäbe es dafür nicht genug Bewerber. Zurzeit untersuchen in der Erstaufnahmeeinrichtung in Sachsen-Anhalt eine einzige Ärztin, eine Helferin und eine Röntgenassistentin in einer vierstündigen Sprechstunde bis zu 80 Menschen.

Vermutlich wird die Zahl der Flüchtlinge im nächsten Jahr noch einmal steigen. Dann müssen die Ärzte noch mehr Menschen in noch weniger Zeit untersuchen. Die Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften und Verbände, warnte vor einigen Monaten, dass in Deutschland längst besiegt geglaubte Krankheiten wieder aufflammen könnten. Die DAKJ empfiehlt, die Kinder von Flüchtlingen unmittelbar nach der Einreise nachzuimpfen. "Die Kinder müssen dringend besser versorgt werden", forderte DAKJ-Generalsekretär Manfred Gahr im Mai. "Die Gefahr eines Ausbruchs", sagt Gahr, "geht dabei nicht nur von den Flüchtlingen aus, sondern auch von deutschen Eltern, die ihre Kinder immer seltener impfen lassen."

Oft warten Flüchtlinge länger auf eine Untersuchung als im Gesetz zugelassen. "Im Herbst wurden wir einfach überrollt von all den Menschen", sagt etwa ein Beamter der Regierung Oberbayern. "Es ging nur noch darum, für sie ein Bett zu finden, alles andere musste warten – auch der Gesundheitscheck." Bernd Mesovic, Sprecher von Pro Asyl, sagt: "Man verdrängt das Thema auf allen Seiten. Wenn die Gesundheitsuntersuchungen in der Erstaufnahme funktionieren würden, würde man vielen Folgeproblemen vorbeugen."

Problemen, die zum Beispiel dann entstehen, wenn ein Patient seine Medikamente nicht regelmäßig einnimmt und die Keime, die er in sich trägt, daraufhin Resistenzen entwickeln. Schon jetzt kämen vor allem aus Osteuropa und Afrika immer wieder Patienten mit multiresistenten Tuberkuloseformen in seine Sprechstunde, sagt Frank Kunitz. Gängige Antibiotika schlagen bei diesen Formen nicht mehr an. "Das sind Resistenzen, die einen gruseln lassen", sagt Kunitz. Laut Robert-Koch-Institut ist die Zahl der multiresistenten Tuberkulosen in Deutschland von 2012 auf 2013 deutlich gewachsen. Kunitz glaubt, dass sie noch weiter steigen könnten, wenn die Gesundheitsämter nicht mehr Ärzte einstellten. "Wir müssen kontrollieren, dass die Leute ihre Medikamente auch nehmen", sagt er. "Aber dafür fehlt uns die Zeit." Auch das Robert-Koch-Institut mahnt, die Gesundheitsbehörden mit mehr Ressourcen auszustatten.

Ressourcen, die in Berlin-Lichtenberg an allen Enden fehlen. Auch an Übersetzern mangelt es. "Wir können mittlerweile in 26 Sprachen ›Bitte ein- und ausatmen‹ sagen", sagt Kunitz. Für mehr reiche es aber nicht. "Wir stottern uns einen ab. Dabei muss der Patient doch wissen, warum er geröntgt wird und warum er isoliert wird."