In vielen Philosophiegeschichten kann man lesen, dass Kant mit seiner prägnanten Kritik der überkommenen Gottesbeweise die Rede von Gott ein für alle Mal als unmöglich und sinnlos erwiesen habe. Volker Gerhardt, als Seniorprofessor an der Berliner Humboldt-Universität einer der bekanntesten deutschsprachigen Philosophen der Gegenwart, liest seinen Kant ganz anders.

Im Versuch, die altehrwürdige philosophische Tradition rationaler Theologie fortzuschreiben, nimmt er Kant als einen Glaubensdenker in Anspruch, der schlüssiger als jeder andere zuvor "die Unverzichtbarkeit des Glaubens an Gott als den Einheitsgrund des selbstbewussten menschlichen Handelns" erwiesen habe. Auf den Spuren Kants und in kritischer Auseinandersetzung mit dem Pastorensohn Nietzsche will Gerhardt zeigen, dass der denkende Mensch sich missversteht, gibt er die Ehrfurcht vor dem "Göttlichen" preis. Auch durch Auslegung von Texten antiker Denker wie Parmenides, Heraklit und vor allem Platon sieht er in existenziell ernsthaftem religiösem Glauben eine Quelle idealer Humanität.

Als kritischer Philosoph wahrt Gerhardt Distanz zum positiven, in hohlen Lehrformeln erstarrten kirchlichen Christentum. Aber er teilt den Lesern mit, 25 Jahre nach dem Austritt aus der evangelischen Kirche "mit dem Glück eines Menschen, der etwas Verlorenes wiedergefunden hat", in diese zurückgekehrt zu sein.

"Wir machen uns einen Gott"

So bietet sein anspruchsvolles, mit Pathos geschriebenes Buch nicht nur die begriffliche Grundlegung einer Philosophie "des Göttlichen", sondern im letzten Kapitel auch eine individuelle Meditation über "das Menschliche der christlichen Botschaft". In den menschenverachtenden totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts hätten vor allem fromme Christen eine Kraft zum Widerstand gelebt, die einen Sinn über das Gegebene hinaus bezeugte. Genau dies ist es, was Gerhardt an religiösem Glauben interessiert: die Dimension eines Sinnganzen, das wir als Personen, in allem selbstbewussten Denken und Tun immer schon in Anspruch nehmen. Denn gingen wir nicht davon aus, dass die Welt und unser Leben in ihr einen allumfassenden Sinn hätten, wäre jede unserer selbstbestimmten Handlungen immer nur sinnlos.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 52 vom 17.12.2014.

Gerhardt kennt die Sprache der modernen Religionssoziologie und kann mit Niklas Luhmann von der "Leistung des Glaubens" reden. Den üblichen Oppositionsfiguren von Glauben und Wissen setzt er die These entgegen, dass gerade angesichts sich rapide beschleunigender Vermehrung des Wissens gläubige Sensibilität für das Göttliche geboten sei. Denn Glaube sei keineswegs eine irrationale, unkritische Gegenmacht gegen das Wissen, sondern, genau umgekehrt, als ein uns stärkendes und erhebendes Gefühl jene Form bewusster Reflexion auf die Grenzen des Wissens bzw. Wissenkönnens, die den Zusammenhang zwischen dem Wissen und der autonomen Lebensführung als Person sichert.

In entschiedener Kritik jener radikal skeptizistischen Philosophien, für die es weder Wirklichkeit noch Wahrheit gibt, insistiert Gerhardt auf der Tatsächlichkeit der Welt, an die wir über bloßes Wissen hinaus glauben müssen, um uns mit anderen Menschen verständigen und uns selbst angemessen deuten zu können. Werde die Welt als übermächtig und übergroß, gar als schön, staunenswert oder erhaben erfahren, gewinne sie die Qualität des Göttlichen.

Selbst der in der Geschichte rationaler Theologie vielfältig umstrittene Gedanke der Persönlichkeit Gottes wird von Gerhardt ausdrücklich verteidigt. Gewiss sei Gott nicht von der Art irgendeines objektivierbaren Gegenstandes. Aber in genau dem Maße, in dem wir das Göttliche der Welt insgesamt als eine uns personal entsprechende Macht wahrnähmen und uns selbst als Person begriffen, dürften wir es als ein "persönliches Gegenüber", eben als Gott ansprechen. Gerhardt redet hier sehr gern vom Ganzen: Nur wenn das "Ganze der Welt" und das "Ganze des Daseins" mit dem nach Einheit mit der Welt suchenden Ganzen des Individuums, der Person, zusammengedacht werde, könne "das Ganze des Menschen als das zugehörige Gegenüber des Ganzen der Welt" begriffen werden. Den Einwand, mit solchen Denkfiguren nur die Überlieferungen von Pantheismus oder Panentheismus fortzuschreiben, lässt Gerhardt nicht gelten. Sein wirklich alle erlebten und erdachten Ganzheiten umfassendes, also allumfassendes Ganzes, gleichsam das unendlich große Ganze aller endlichen Ganzheiten, darf von frommen Menschen auch als persönliches Gegenüber vorgestellt werden.

Zustimmend zitiert Gerhardt aus Kants Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft: "Wir machen uns einen Gott. Es klingt zwar bedenklich, ist aber keineswegs verwerflich, zu sagen: Dass jeder Mensch sich einen Gott mache, ja nach moralischen Begriffen sich einen solchen selbst machen müsse, um an ihm den, der ihn gemacht hat, zu verehren." Volker Gerhardts Gott, der den unhintergehbaren "Sinn des Sinns" repräsentiert, mutet dem sich in seiner Vernunft selbst bestimmenden Menschen viel Reflexionskraft zu – im Interesse humaner Selbstbegrenzung. Der denkende Mensch braucht als freie Person Gott als sein Gegenüber, um die Grenzen seiner selbst frei anerkennen zu können.

Volker Gerhardt legt damit eine aufgeklärte Religionstheorie vor, die religiöse Symbolsprachen als Chance der Selbstaufklärung des Menschen begreift. In einer Zeit, in der sehr viele fromme Menschen sich durch religiös codierte Selbstentgrenzungsfantasien barbarisieren lassen, ist das eine wohltuende Glaubensdeutung.

Friedrich Wilhelm Graf, geboren 1948, ist emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig- Maximilians-Universität in München