Deutschland verfügt über Schiefergas, das tief im Boden lagert. Mittels Fracking, einer modernen Bohr- und Fördertechnik, könnte dieses Erdgas gefördert werden. Ob das erlaubt werden sollte, darüber tobt derzeit ein erbitterter Streit. Befürworter wollen am liebsten sofort fördern, Gegner verweisen auf Risiken.

Tatsächlich ist Abwarten die beste Lösung. Dafür gibt es vier gute Gründe. Deutschland kann davon profitieren, dass Erdgas heute sehr preiswert an den Weltmärkten zu haben ist. Es kann Förderkosten sparen, indem es die heimische Förderung in die Zukunft verschiebt. Und es kann von den Erfahrungen in anderen Ländern lernen, vom technologischen Fortschritt profitieren und teure Fehlinvestitionen vermeiden. Schließlich gilt: Abwarten erhöht langfristig die Versorgungssicherheit.

In vielen Ländern entscheiden Diktatoren und Oligarchen über die Förderung von Rohstoffen. Erdgas zum Beispiel extrahieren sie lieber heute als morgen und schaffen das Geld auf sichere Konten im Ausland. Angesichts der Unsicherheit ihrer politischen Zukunft lohnt sich für sie das rasche Plündern der Vorräte, selbst wenn sie damit die Weltmärkte fluten und die Preise verderben. Deutschland hingegen kontrolliert seine Schiefergasvorkommen sicher und für lange Zeit. Es muss die Vorräte nicht schnell fördern und zu Dumpingpreisen verkaufen, sondern kann sich das Warten leisten. Mit den Rohstoffen ist es so wie mit dem Goldschatz der Bundesbank; wie dieser sicher im Tresor lagert, bis man ihn braucht, sind jene sicher im Boden.

Das Fördern von Schiefergas aus großer Tiefe ist sehr teuer und technisch aufwendig, zumal in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland. Andernorts auf der Welt lässt sich Erdgas heute mit vergleichsweise geringem technischen Aufwand und mit viel niedrigeren Förderkosten gewinnen. Die ökonomische Theorie der Nutzung natürlicher Bodenschätze sagt: Zuerst sollten die Vorräte mit den niedrigsten Förderkosten abgebaut werden. Das sind die Vorräte andernorts. In dem Maße wie der technische Fortschritt die Kosten für den Abbau schwer zugänglicher Lager weiter senkt, fallen die Einsparungen durch das Abwarten noch größer aus.

Es ist auch vorteilhaft, die Technik erst dann zu nutzen, wenn die Folgen für Mensch und Umwelt besser bekannt sind. Lohnt sich dann die Förderung, hat man mit dem Warten nichts falsch gemacht. Erweisen sich die Kosten des Frackings aber als unzumutbar hoch, kann man immer noch auf Förderung verzichten. Das Warten hat sich dann erst recht gelohnt. Lernen kann man zwischenzeitlich von den Erfahrungen und Fehlern anderer Länder, die Fracking bereits heute einsetzen. Das mag zynisch klingen, entspricht aber ganz einer an den Interessen der eigenen Bevölkerung orientierten Politik, die nationale Ressourcenvorräte effizient nutzt und den Erhalt der Umwelt und der Gesundheit der Bevölkerung im Auge behält.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 53 vom 23.12.2014.

Schließlich: Die nationale Versorgungssicherheit lässt sich durch Abwarten und den gegenwärtigen Verzicht auf Fracking ebenfalls erhöhen. Solange es auf den internationalen Ressourcenmärkten viele Anbieter gibt, ist Deutschland nicht auf das Wohlwollen einzelner Anbieter angewiesen. Je mehr internationale Vorkommen ausgebeutet werden, desto weniger Anbieter wird es in der Zukunft geben und umso größer wird deren Potenzial, Erdgas zum Beispiel als politische Waffe einzusetzen. Wenn es wirklich darum geht, die Energieversorgung von der politischen Großwetterlage abzukoppeln, dann sollte man sich so lange wie möglich aus dem frei zugänglichen Weltmarktangebot bedienen und die heimischen Vorräte für wirklich schwierige Zeiten aufheben.

Der Staat sollte die Förderentscheidung nicht privaten Extraktionsunternehmen überlassen, da diese die Folgekosten für Gesundheit und Umwelt nicht vollständig berücksichtigen. Wenn sie später mit diesen Kosten konfrontiert werden, sind sie womöglich nicht mehr solvent.

Eine Regierung, die das Wohl der Allgemeinheit im Blick hat, sollte deshalb vorerst mit der Konzessionierung abwarten, ohne sich deswegen schon endgültig vom Fracking als einer möglichen Technologie für die Zukunft zu verabschieden.

Kai A. Konrad ist Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen, Ronnie Schöb ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin