Wer als Tourist Belgien besucht, den mag vielleicht ein Zufallsweg nach dem halbwegs zwischen Brüssel und Antwerpen gelegenen Fort Breendonk führen. Die Anlage ist eine Festung aus dem ersten Weltkrieg, und welches Schicksal ihr damals beschieden war, weiß ich nicht. Im zweiten Weltkrieg, während der kurzen achtzehn Tage des Widerstandes der belgischen Armee im Mai 1940, war Breendonk das letzte Hauptquartier des Königs Leopold. Dann, unter der deutschen Besatzung, wurde es eine Art von kleinem Konzentrationslager, ein "Auffanglager", wie es im Rotwelsch des Dritten Reiches hieß. Heute ist es belgisches Nationalmuseum.

Man tritt durchs Haupttor und befindet sich bald in einem Raum, der damals mysteriöserweise "Geschäftszimmer" hieß. Ein Bild Heinrich Himmlers an der Wand, eine Hakenkreuzfahne als Tuch über einen langen Tisch gelegt, ein paar kahle Stühle. Geschäftszimmer. Jeder ging an sein Geschäft, und ihres war der Mord. Dann die feuchten, kellerigen Korridore, schwach erhellt von den gleichen dünn und rötlich leuchtenden Glühbirnen, wie sie damals schon dort hingen. Gefängniszellen, von zolldicken Holztüren verschlossen. Schwere Gittertore sind immer wieder zu durchschreiten, bis man sich schließlich in einem fensterlosen Gewölbe befindet, in dem mancherlei befremdliches Eisenwerkzeug herumliegt. Von dort drang kein Schrei nach draußen. Dort geschah es mir: die Tortur.

Wenn man von der Tortur spricht, muss man sich hüten, den Mund voll zu nehmen. Was mir in dem unsäglichen Gewölbe in Breendonk zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. Mir hat man keine glühenden Nadeln unter die Fingernägel getrieben, noch hat man auf meiner nackten Brust brennende Zigarren ausgedrückt. Nur das stieß mir dort zu, wovon ich später noch werde erzählen müssen; es war vergleichsweise gutartig, und es hat auch an meinem Körper keine auffälligen Narben zurückgelassen. Und doch wage ich, zweiundzwanzig Jahre nachdem es geschah, auf Grund einer Erfahrung, die das ganze Maß des Möglichen keineswegs auslotete, die Behauptung: Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann.

Es wird aber dergleichen in sehr vielen Menschen aufgehoben, und das Fürchterliche hat keinen Anspruch auf Einzigartigkeit. Man hat in den meisten Ländern des Westens die Folter zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts als Institution und Methode abgeschafft. Und dennoch haben heute, zwei Jahrhunderte danach, noch Männer und Frauen von erlittener Tortur zu erzählen, niemand weiß, wie viele. Während ich diesen Beitrag ausarbeite, fällt mir ein Zeitungsblatt in die Hände mit Fotos, auf denen man sieht, wie Angehörige der südvietnamesischen Armee gefangene Vietcong-Rebellen foltern.

Ich wurde im Juli 1943 von der Gestapo verhaftet. Flugzettel-Affäre. Die Gruppe, der ich angehörte, eine kleine deutschsprachige Organisation innerhalb der belgischen Widerstandsbewegung, bemühte sich um antinazistische Propaganda unter den Angehörigen der deutschen Besatzungsmacht. Wir stellten ziemlich primitives Agitationsmaterial her, von dem wir uns einbildeten, es könne die deutschen Soldaten vom grausamen Wahnwitz Hitlers und seines Krieges überzeugen.

Wer mit Schriftzeug solcher Art von den Männern in Ledermänteln mit vorgehaltenen Pistolen angehalten wurde, der konnte sich keinerlei Illusionen machen. Ich bereitete sie mir auch keinen Augenblick lang, denn ich fühlte mich – zu Unrecht, wie mir heute klar ist – weiß Gott als alter, abgebrühter Kenner des Systems, seiner Männer, seiner Methoden.

Weiß man aber denn auch wirklich? Nur so halb und halb. Vieles geschieht ja in der Tat ungefähr so, wie man es vorstellend vorwegnahm: Gestapomänner in Ledermänteln, den Lauf der Pistolen auf ihr Opfer gezielt, damit hat es schon seine Richtigkeit. Aber dann eröffnet sich fast verblüffend die Einsicht, daß die Kerle nicht nur Ledermäntel und Pistolen haben, sondern auch Gesichter: keine "Gestapogesichter" mit verdrehten Nasen, hypertrophierten Kinnpartien, Pocken- oder Messerstichnarben, wie sie im Buche stehen könnten. Vielmehr: Gesichter wie irgendwer. Dutzendgesichter. Und die ungeheure, wieder jede abstrahierende Vorstellung zerstörende Erkenntnis eines späteren Stadiums macht uns deutlich, wie die Dutzendgesichter dann schließlich doch zu Gestapogesichtern werden und wie das Böse die Banalität überlagert und überhöht.

"Wenn du sprichst", sagten die Männer mit den Dutzendgesichtern zu mir, "dann kommst du ins Gefängnis der Feldpolizei. Gestehst du nicht, dann geht’s nach Breendonk, und was das heißt, weißt du." Ich wußte und wußte nicht und redete wie vorgesehen. Sehr gerne würde ich dem mir durchaus bekannten Breendonk entgehen und aussagen, was man von mir zu hören wünschte. Nur leider sei mir nichts oder fast nichts bekannt. Komplizen? Von denen könnte ich nur die Decknamen nennen. Schlupfwinkel? Aber in die wäre man ja nur nachts geführt worden, und die genauen Adressen habe man uns niemals anvertraut. Das aber war den Männern ein allzu geläufiges Geschwätz, auf das einzugehen sich nicht lohnte. Sie lachten verächtlich. Und plötzlich fühlte ich – den ersten Schlag.