Liebe Schwestern und Brüder,

in Deutschland haben viele Christen ein kleines Büchlein, in dem für jeden Tag des Jahres ein Bibelwort steht. Für den heutigen Tag steht da ein Vers, der mitten hineinspricht in den Gottesdienst, den wir feiern.

Wir sind hier zusammengekommen als Christen unterschiedlicher Konfessionen aus Deutschland und dem Irak. Viele von euch, die heute da sind, haben Schlimmes erlebt. Ihr seid aus Mossul und den Dörfern der Ninive-Ebene vor den Mörderbanden des IS geflohen. Ihr habt all euer Hab und Gut zurücklassen müssen. Manche von euch haben mit eigenen Augen brutale Gewalt mit ansehen müssen. Jetzt seid ihr hier und wisst nicht, wie es weitergehen wird. Wie gut, dass wir heute Abend zusammen sein können!

Wie gut, dass wir heute Abend ein Wort der Bibel mit auf den Weg bekommen. Es gibt unserem Leben, das auf so wankendem Boden steht, einen festen Grund! "Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!", heißt es im Psalm 84, Vers 13. Der Mensch, der das sagt, weiß genau, wer mit uns geht, wenn wir wandern im finstern Tal. Wo du dich auf Gott verlässt, sagt er, hast du festen Grund, wenn auch sonst alles ins Wanken gerät.

Manche unter euch fragen sich vielleicht: Stimmt das? Wo ist denn Gott, wenn vertrieben wird, wenn gemordet wird, wenn die Gewalt freie Bahn hat? Schwestern und Brüder, die Antwort hängt da an der Wand. Gott kommt nicht zu uns als Triumphator, der alles unter Kontrolle hat. Gott ist nicht der große Marionettenspieler, der den Lauf der Welt lenkt. Gott kommt zu uns als der Gekreuzigte. Gott kommt zu uns als Missachteter und Verachteter. Gott kommt zu uns als Folteropfer.

Jesus hat am Kreuz geschrien: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Jesus ist mitten unter euch und teilt eure Angst, euer Erschrecken, eure Hoffnungslosigkeit. Deswegen ist dieser Satz zu euch heute Abend gesprochen: "Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!" Gott ist bei euch jeden Tag, er wird euch nicht verlassen.

Und Gott wird wahr machen, was er uns verheißen hat: dass die Gewalt nicht das letzte Wort hat. Dass alle Tränen abgewischt werden. Dass die mit Tränen säen, mit Freuden ernten werden. Dass die, die da Leid tragen, getröstet werden.

Ich möchte, dass ihr wisst, dass viele Menschen in Deutschland und überall auf der Welt an euch denken und für euch beten. Und nicht nur beten, sondern auch tun, was sie können, um konkrete Hilfe zu leisten. Und ich bitte euch: Betet ihr auch für uns. Dass wir unser Herz öffnen für den Geist Gottes. Dass wir unser Herz öffnen für die anderen. Dass wir mit euch zusammen die Gegenwart Gottes in unserem Leben spüren.

Ja, der Psalmbeter hat recht: "Herr Zebaoth, wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!"

Heinrich Bedford-Strohm, 56, ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.