Der Mann, der den Auftrag hat, die Juden Hamburgs zusammenzuhalten, steht im Chefbüro der jüdischen Gemeinde am Grindelhof, hinter Sicherheitstüren und einem Eisenzaun, und reckt die Hände in die Luft: "Es ist eine Zerreißprobe", sagt er. Bernhard Effertz, 68 Jahre, kräftiger Händedruck, bebendes Lachen, rheinischer Singsang, ist Vorstandsvorsitzender und somit eine Art geschäftsführendes, manche würden sagen weltliches Oberhaupt der Jüdischen Gemeinde Hamburgs.

Jüdische Einheitsgemeinde nennt sie sich. Nur das mit der Einheit ist eher Wunsch als Wirklichkeit. Denn das jüdische Leben in Hamburg ist vielfältig. Heillos zersplittert, trifft es besser. Geschätzte 5.000 Juden sollen in Hamburg insgesamt leben. Die Hälfte davon ist Mitglied in Effertz’ Gemeinde. Die anderen sind Juden, die nie beten. Oder Orthodoxe, die immer beten. Oder Liberale, die beten, wie sie es für richtig halten.

Auch für sie fühlt Effertz sich verantwortlich. Sie hätten ja sonst kein religiöses Zuhause, sagt er. Und, dass er ihnen was bieten wolle. Effertz ist ein Mann, der sagt, er habe das Jüdische schon immer "cool" gefunden, der mit den Frommen kann, der aber auch die Juden versteht, die sich ihr Leben nicht nach jahrhundertealten Gesetzen vorschreiben lassen wollen. Er vermittelt zwischen Russen und Deutschen, Orthodoxen und Liberalen, vielen Alten und wenigen Jungen. Effertz sagt: "Ich bin so ein bisschen der Papa für viele." Gibt es Streit, muss er seine Kinder beschwichtigen, schlichten, ermahnen – und seine Kinder streiten viel.

Derzeit geht es dabei vor allem um ein Rabbinerseminar, das am Rothenbaum entsteht. Dort sollen jüdische Geistliche ausgebildet werden – ab dem neuen Jahr. Schon jetzt sind die ersten Studenten vor Ort. Und schon jetzt ist das Seminar zum Symbol geworden für einen seit Jahren schwelenden Konflikt zwischen den Juden Hamburgs.

Es geht um große Fragen: Wer ist ein richtiger Jude? Wie und wo soll er beten, sein Leben führen, begraben werden?

In dem Seminarhaus nahe der Alster werden sich strenggläubige Männer künftig drei Jahre lang im Gebet vertiefen, die Thora studieren, sie leben und deuten. Die Thora besteht aus 613 Gesetzen, sie ordnen fast alles in Leben und Glauben, vom Händewaschen bis zur Ehe. Es sind strenge Regeln. Regeln, die polarisieren. Der am Rothenbaum gelehrte Glaube sei das Rückgrat der jüdischen Identität, sagen die einen. Er sei frauenfeindlich und hermetisch, sagen die anderen. Er verschrecke moderne Juden, sei nicht das, was das Judentum Hamburgs in Zukunft brauche.

Es geht darum, wer bei den Hamburger Juden die Regeln bestimmt. Und um Geld. Das eine geht ein bisschen mit dem anderen einher. Mittendrin: Bernhard Effertz.

875. 000 Euro zahlt der Senat jährlich an dessen jüdische Gemeinde, die finanziert davon ihre Gottesdienste, eine Schule, einen Kindergarten, einen Friedhof, einen Sportverein, einen Seniorentreff und einen Jugendclub. Der Senat hat Effertz’ Gemeinde vertraglich als Glaubensgemeinschaft anerkannt. Über einen solchen Staatsvertrag mit dem Senat wird deren Glaubensfreiheit gesichert und gefördert. Wer keinen hat, bekommt kein Geld und kann sich keine Synagoge, keinen Rabbiner, keinen Friedhof – eigentlich keinen eigenen Glauben – leisten.

Effertz’ Gemeinde bekommt das Geld, deswegen bestimmt sie, wie das jüdische Leben in Hamburg auszusehen hat. Und zwar so: Die Gemeinde betet nach Geschlechtern getrennt und nur auf Hebräisch. Nur wer eine jüdische Mutter hat, darf Gottesdienste führen, und nur Männer dürfen es.

Trotzdem gibt es viele, die anders beten wollen. Die größte jüdische Gruppe ist heute die Liberale Gemeinde Hamburgs. Vor zehn Jahren haben sich die Liberalen von der Gemeinde getrennt. Ihre rund 300 jüdischen Mitglieder wollen auch weibliche Rabbiner, sie wollen niemanden ausschließen, keine sogenannten Vaterjuden, keine Christen, keine Muslime. Mal versammeln sie sich zum Gottesdienst im Bezirksamt von St. Pauli, mal in einer ehemaligen Sporthalle – je nachdem, wo gerade Platz ist für eine Gemeinde, die keine eigene Synagoge hat. Gebetet wird neben Hebräisch auch auf Russisch und Deutsch. Nach orthodoxem Ritus ist das verboten. Wie streng muss der Glaube sein, damit er bewahrt wird?

Es ist das jüdische Dilemma dieser Zeit. Eines, das Effertz selbst lebt. Bevor er vor 20 Jahren nach Hamburg kam, war er Mitglied in modernen, liberalen Gemeinden in England und den USA. Doch als er vor drei Jahren den Vorstandsposten übernahm, sah, wie alle um das "wahre Judentum" zankten, da dachte er: "Was ein Scheißladen, ich bringe hier mal Ordnung rein." Und Ordnung, das hieß für ihn damals eine harte Hand, eine strenggläubige Hand. Denn wie kann man Brauch und Glauben erhalten, wenn jeder machen darf, was er will?