Ein Junge mit Waffe in der Hand läuft durch eine Stadt in Syrien (Archiv) © DANIEL LEAL-OLIVAS/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Die Nachrichten sind voll von Kriegsberichten. Seit 1945 gab es kaum ein Jahr mit so vielen gewaltsamen Konflikten wie dieses. Woran liegt das?

Philippe Le Billon: Wenn man im Fernsehen vom Krieg hört, wird meist ein ziemlich einfaches Schwarz-Weiß-Bild gezeichnet: Zwei ethnisch oder religiös verfeindete Gruppen hassen sich, deshalb führen sie Krieg. Schiiten gegen Sunniten, Hutu gegen Tutsi. Natürlich gibt es religiös und politisch motivierte Konflikte. In der Ukraine etwa geht es vor allem um Geopolitik. Allerdings wird häufig ausgeblendet, dass im Krieg nicht ausschließlich um Ideologie und Politik gekämpft wird, um Religion und ethnische Zugehörigkeit, sondern immer auch um Geld. Ich gehe in meiner Forschung den Fragen nach, wer vom Krieg profitiert und wie Kriegsökonomien funktionieren.

ZEIT: Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Le Billon: Dass viele Konfliktparteien ökonomisch extrem gut organisiert sind. Nur weil Krieg herrscht, versinkt eine Wirtschaft nicht zwangsläufig im Chaos. In den ersten Monaten eines Krieges, wenn die Menschen ihre Ersparnisse aufbrauchen, lernen sie, sich mit dem Krieg zu arrangieren – auch ökonomisch. Und die Kämpfer erschließen sich Einnahmequellen, um den Krieg zu finanzieren.

ZEIT: Haben Sie ein aktuelles Beispiel?

Le Billon: Die IS-Milizen sind ein gutes Beispiel dafür, wie nicht staatliche Konfliktparteien wirtschaften. Sie kontrollieren meist Gegenden, in denen Ressourcen gefördert werden – zum Beispiel Öl. Im Irak und auch in Syrien gibt es schon seit Längerem Schmugglernetzwerke, die mit Öl handeln. Der IS musste sich in diese Netzwerke nur noch einklinken. Das Geschäft läuft gut.

ZEIT: Was ist mit Gegenden, in denen es keine Bodenschätze gibt?

Le Billon: Dort werden zum Beispiel Geiseln genommen – auch das ist eine typische Erlösstrategie, die nicht nur IS-Milizen, sondern auch die Rebellen in Kolumbien perfektioniert haben oder der Al-Kaida-Ableger im Maghreb. Mit Entführungen lassen sich in kurzer Zeit viele Millionen Dollar verdienen. Es gab Zeiten, da wurden in Kolumbien bis zu 3.500 Geiseln genommen – pro Jahr. Das war eine regelrechte Entführungsindustrie, es gab sogar Zulieferunternehmen: Außerhalb ihres direkten Einflussgebietes haben die Rebellen Banden beauftragt, Ausländer oder reiche Geschäftsleute zu entführen, und ihnen die Geiseln dann abgekauft. Eine weitere, beliebte Einnahmequelle für den Krieg ist Geld aus der Diaspora. Man wirbt bei Exilanten, die sich mit dem Heimatland verbunden fühlen, um Spenden. Oder man erpresst sie, so wie die Mafia das macht. Die Tamilen in Sri Lanka haben auf diese Weise jahrelang ihren Kampf finanziert.

ZEIT: Wenn die Einnahmequellen versiegen – endet dann auch der Krieg?

Le Billon: Nicht zwangsläufig. Erst einmal wird umdisponiert, das kann etwa für Kinder schlimme Folgen haben. Wenn Konfliktparteien das Geld ausgeht, beginnen sie meist damit, Kinder als Soldaten zu rekrutieren. Erwachsenen Kämpfern müssen sie Sold zahlen. Kinder können sie ohne Geld gefügig machen.

ZEIT: Wie versorgen Kriegsökonomien die Bevölkerung?

Le Billon: Das hängt davon ab, wie gut organisiert die Krieg führende Regierung oder Rebellengruppe ist. Einige Rebellen betreiben ein regelrechtes Wohlfahrtssystem, bei den Tamilen in Sri Lanka war das zum Beispiel so oder bei den Roten Khmer in Kambodscha. Ihre Volkswirtschaften sind geprägt von Knappheit und hoher Inflation, aber sie befriedigen die Grundbedürfnisse der Bevölkerung einigermaßen verlässlich. Die Rebellen sorgen dafür, dass die Renten ausgezahlt werden und die Lehrer ihr Gehalt bekommen, oder sie subventionieren Nahrungsmittel und sichern sich damit die Unterstützung der Bevölkerung für ihren Kampf.

ZEIT: Das klingt geradezu fürsorglich. Was ist mit den grausam plündernden Kämpfern?

Le Billon: Die gibt es natürlich auch. Viele Konfliktparteien erheben Steuern ohne jede Gegenleistung. Die einfachste Form, solche Steuern zu erheben, sind Checkpoints an der Straße. Oder die Konfliktparteien erpressen Schutzgeld. In Kolumbien gibt es sogar ein Wort dafür: vacuna, das ist Spanisch für Impfung. Man impft sich gegen die Bedrohung der Rebellen – mit Geld. In vielen Konfliktregionen werden Menschen und Unternehmen doppelt besteuert: einmal von der Regierung und dann von Rebellengruppen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 53 vom 23.12.2014.

ZEIT: Warum haben Rebellen dennoch oftmals Rückhalt in der Bevölkerung?

Le Billon: Man darf nicht vergessen, dass viele Konfliktgruppen zwar grausam sind, aber aus ökonomischer Sicht trotzdem attraktiv für die Bevölkerung. Ich habe während des Bürgerkriegs in Sierra Leone zu sogenannten Blutdiamanten geforscht, also Diamanten, die von den Rebellen abgebaut und verkauft wurden, um den Krieg zu finanzieren. In den Medien wurden die Rebellen als blutrünstige Kämpfer dargestellt, die die Menschen zwingen, in Minen zu arbeiten, und ihnen zur Strafe die Hände abhacken. Das hat es gegeben, ja. Meist aber war es anders, und das ist wichtig, wenn man verstehen will, warum Kriege oft so lange dauern: Die Rebellen haben vielen Leuten Arbeit gegeben.