Harald Hauswald

Die Mauer war weg, wir wollten endlich mal richtig gut essen, was Exotisches! Also bin ich am 24. Dezember vormittags mit einem Freund in Westberlin einkaufen gegangen. Wir haben uns durch die Läden geschnüffelt und Gemüsesorten ausgesucht, die ich nicht einmal kannte. Ich wollte auch unbedingt Lamm besorgen, denn das gab es im Osten wirklich selten. Wir kauften, komischerweise erinnere ich das noch ganz genau, auch eine Flasche Erdnussöl. Erdnussöl, das fand ich ganz verrückt. Wir kannten das ja nicht: dass die Regale so voll sind, dass man alles haben kann! Ich glaube, wir haben ganz schön zugeschlagen. Das Weihnachtsfest selbst verbrachten wir dann im Wedding, bei einem Westberliner Freund, den ich in den Achtzigern bei einem Jugendaustausch in Polen kennengelernt hatte. Das war ganz anders als früher. Wir hatten zwar auch zu DDR-Zeiten immer schon Weihnachtspakete aus dem Westen bekommen, mit Bananen, Jeans, Kaugummis, Kakao. Aber solche Geschenke brauchten wir nun überhaupt nicht mehr. Wir waren ja selber im Westen! Wir standen in einer Westberliner Küche und kochten die verrücktesten Dinge. Ich lernte, wie man eine Artischocke schneidet. Und dass man Zitronensaft draufträufeln muss, damit sie nicht braun wird. Vielleicht klingt das jetzt blöd – aber alles essen und kochen zu können, was man wollte, das gab mir ein wahnsinniges Freiheitsgefühl. Später am Abend haben wir noch die verrücktesten Reisen geplant. Tatsächlich war ich 1990 dann in zehn, zwölf Ländern unterwegs. In Marokko, Ägypten, Kenia, Frankreich, Italien. Ich habe alles nachgeholt, was vorher verboten war. Und Weihnachten 1989 habe ich schon davon geträumt.

Harald Hauswald, 60, gehört zu den bedeutendsten deutschen Fotografen. Er lebt in Berlin

Stefanie Hertel

Ich war zehn Jahre alt, als wir 1989 das erste Weihnachten in Freiheit feierten. Und wir wollten etwas ganz und gar Ungewöhnliches tun: uns nicht beschenken lassen, sondern Westdeutsche beschenken. Einfach, um Danke zu sagen. Danke dafür, dass die Menschen uns Wochen zuvor so herzlich empfangen hatten, als wir zum ersten Mal in den Westen fuhren. Deshalb sind wir am 25. Dezember 1989 an die einstige Grenze gefahren, bei uns im Vogtland, nach Ullitz, genau zwischen Sachsen und Bayern. Schlangen von bayerischen Autos bewegten sich in unsere Richtung. Sie fuhren ganz langsam, der Weg war gerade erst eröffnet worden, es war eher ein breiter Feldweg, nicht geteert oder gepflastert. Wir hatten Blumen dabei und Schallplatten mit Liedern meines Vaters Eberhard Hertel. Ich war darauf auch zu hören, mit einem kurzen Gedicht. Wir hatten alles in schönes Geschenkpapier gepackt, darauf war ein "Gruß aus dem Vogtland" gedruckt. Und das reichten wir den Autofahrern durch die runtergekurbelte Scheibe. Die freuten sich so sehr! Einige stiegen aus und umarmten uns. Es waren unglaubliche Szenen. Vielen gaben wir auch Autogrammkarten mit unseren Adressen. Ich weiß noch, dass ein älteres Ehepaar sich schon wenige Tage nach Weihnachten bei uns meldete und uns zu sich nach Hause einlud. Wir fuhren hin. Ich habe das Bild dieser West-Wohnung noch genau vor mir, die war sehr schick, ganz ungewöhnlich für mich als DDR-Kind. Im Wohnzimmer hing unser Vogtland-Geschenkpapier eingerahmt an der Wand.

Stefanie Hertel, 35, ist Volksmusiksängerin und stammt aus dem sächsischen Vogtland

Thomas Rosenlöcher

Nach Weihnachten 1989 gefragt, bin ich in komfortabler Lage. Habe ich in diesem denkwürdigen Jahr doch von September an Tagebuch geführt. Denn während heute die Tage, von Aktualitäten getrieben, scheinbar nur um die Gegenwart kreisen, war damals fast jeder Tag mit dem Woher und Wohin verknüpft. Und weil immer wieder etwas geschah, das ich noch eben für unmöglich hielt, lag vorgestern gleich eine Woche zurück und vorige Woche fast einen Monat. Sodass ich mir manchmal von heute auf morgen schon selber historisch vorkam. Und wenigstens noch etwas aufschreiben wollte, um nicht den Kontakt zu mir selbst zu verlieren. – Freilich, am 23. Dezember bezeichnet sich der Tagebuchschreiber als "aufzeichnungsmüde". Auch borgt er sich Worte aus Wittenberg aus, indem er den Pfarrer Schorlemmer zitiert: "Noch nie war mir Weihnachten so fern, noch nie habe ich es so gebraucht wie in diesem Jahr". Die nächsten Tage fehlen dann völlig, sodass ich nun erst recht nicht mehr weiß, wie wir Weihnachten 89 verbrachten. Weihnachten 88 hingegen steht mir bis heute vor Augen. Da hatte der Westonkel runden Geburtstag. Die vielleicht nie mehr wiederkehrende Gelegenheit für meine Frau, einmal in den Westen zu dürfen. Sodass unsereins mutterseelenallein mit den Kindern unter dem Weihnachtsbaum saß. Während die Frau am Onkel vorbei gleich nach London hinübermachte. Und eine Ansichtskarte schickte, die wir – als Geiseln zurückgeblieben – mit zu den anderen Geschenken unter dem Weihnachtsbaum legten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 53 vom 23.12.2014.

Ja, ausgerechnet am Heiligen Abend verfällt der Chronist in Schweigen. Als sollte die Zeit noch einmal stillstehn. – Nach der Angst vom Oktober, dass doch geschossen würde. Nach der massenhaft aufgekommenen Hoffnung, dass es jenseits des Kapitals Selbstbestimmung gäbe. Nach dem im November allenthalben um sich greifenden Bankrottgefühl. – Mit dem die Utopie sofort wieder verschwand, als wäre sie nie in den Köpfen gewesen. – Nicht wenig für einen Heiligen Abend. Und nun kam auch noch der Westen hinzu. Der als Zweitutopie sogar den Vorteil hatte, greifbar nah zu sein. Insofern mir der Satz so fern denn doch nicht war, den ich am 19. Dezember vor dem Trümmerhaufen der Frauenkirche gehört hatte: "Mir könn froh sein, wenn die unsern Laden übernähm." – Ja, gerade 89 gab es unter unserem, über und über mit Kerzen bestückten Kleinzschachwitzer Weihnachtsbaum gewiss ein besonders tiefes, innerliches Bescherungsgefühl. Indem es in der Weltgeschichte einmal nicht so zugegangen war, wie sonst in der Weltgeschichte. Mit dem Ergebnis, dass meine Frau uns nicht mehr zu Weihnachten verlassen musste, wenn sie in den Westen wollte. Zumal der Westen dank Begrüßungsgeld auch schon unter unserem Weihnachtsbaum lag. Mit seifenschachtelartigen Kästchen, mit denen man Musik hören konnte, wenn man sich einen Kopfhörer aufsetzte, Walkmans hießen die. Ohne deshalb schon ahnen zu müssen, dass so die Verkabelung der Menschheit begann.

Am 26. Dezember bricht der Chronist denn doch sein Schweigen: "Mieter K. hämmert selbst am Weihnachtsfeiertag". Und obwohl Mieter K. immer hämmert, klopft damit auch schon die neue Zeit an. Knüpft sich doch an das Klopfen die Frage, was nun eigentlich aus "unserem" Haus wird. Zwar werden wir als Hausgemeinschaft noch die Bereitschaft signalisieren, mit dem Volkseigentum Ernst zu machen und die millionärsverdächtige Bröckelvilla zu übernehmen, aber eine Antwort erwarten wir da wohl schon selber nicht mehr. Wochenlang war es vor allem ums Große und Ganze gegangen. Jetzt muss jeder sehn, wo er bleibt. Schon am darauffolgenden Tag fährt der Chronist nach Bremen; er will beim dortigen Rundfunk anklopfen. – "Schön, dass unser Haus erhalten wird. Nur schade, dass wir ausziehen müssen", wird er ein paar Jahre später notieren.

Ich aber frage mich beim Rekapitulieren, ob ich nicht doch eine Erinnerung an jenes versunkene Weihnachten habe. Denn war es nicht am zweiten Feiertag, als ich an der Elbbierbude einen Betrunkenen die restutopischen Worte: "Ni mehr minderwertsch sein!" grölen hörte? Schade, dass sie der Chronist nicht ins Tagebuch aufgenommen hat.

Der Schriftsteller Thomas Rosenlöcher, 67, lebt in der Nähe von Dresden