Sie war eine der wenigen Frauen an der Spitze einer Universitätsmedizin in Deutschland: Gut sechs Jahre lang stand Annette Grüters-Kieslich als Dekanin der Berliner Charité vor. Nun verlässt Grüters-Kieslich, die auch Vizepräsidentin des Medizinischen Fakultätentages ist, ihren Posten vorzeitig – nach heftigem Streit um die Verwendung von Forschungsmitteln der Charité. Zum Jahresbeginn kehrt die renommierte Expertin für Endokrinologie zurück auf ihren Posten als Direktorin der Kinderklinik von Europas größtem Universitätskrankenhaus.

DIE ZEIT: Frau Professor Grüters, Sie treten im Streit zurück. Von einem Rosenkrieg war die Rede. Sie selbst klagten öffentlich, Ihnen sei großes Unrecht widerfahren. Wären Sie noch auf Ihrem Posten, wenn Sie ein Mann wären?

Annette Grüters: Das weiß ich nicht. Ich bin mir nur ziemlich sicher, dass der Konflikt anders verlaufen wäre. Ich bin verletzt und enttäuscht und hätte meine Arbeit liebend gern fortgesetzt, nachdem ich im vergangenen Jahr im Amt bestätigt wurde. Aber ich werde öffentlich keine internen Auseinandersetzungen ausbreiten. Der Grundkonflikt, der meine Amtszeit begleitete, ist kein spezifisches Mann/Frau-Problem.

ZEIT: Sondern?

Grüters: Es ist der Konflikt zwischen den drei klassischen Aufgaben der Hochschulmedizin, der Forschung, der Lehre und der Patientenversorgung, der die Universitätsmedizin zu zerreißen droht. Früher funktionierte das Gleichgewicht. Da haben die Bundesländer ihre jeweiligen Universitätskliniken ausreichend finanziert, und die Krankenkassen haben die Behandlungskosten einigermaßen abgedeckt. Heute sind die Gesundheitsausgaben gedeckelt und viele Bundesländer nicht mehr in der Lage, die notwendigen Investitionen in den Kliniken zu bezahlen. Damit ist das System aus den Fugen geraten. Wenn ein Vorstand dann nicht zusammensteht, endet es in einem Hauen und Stechen.

ZEIT: Wie an der Charité.

Grüters: Aber nicht nur. Fast zwei Drittel der Hochschulkliniken drohen dieses Jahr mit einem Minus abzuschließen. Wenn nicht bald etwas passiert, nimmt die Universitätsmedizin in Deutschland dauerhaft Schaden. In Behandlungsräumen regnet es durch die Decke, die Photometer, die wir in der Biochemie benutzen, sind museumsreif, da gibt es gar keine Ersatzteile mehr. Wir zehren die Substanz auf. Es ist bereits fünf nach zwölf.

ZEIT: Was fordern Sie konkret?

Grüters: In den Niederlanden oder Großbritannien erhalten die Universitätsklinika für ihre besonderen Aufgaben Zusatzvergütungen. So einen Systemzuschlag brauchten wir auch in Deutschland. Wahrscheinlich müsste man die Universitätslandschaft auch einmal systematisch betrachten und sich fragen, ob wir tatsächlich 36 nicht ausreichend ausgestattete Universitätsklinika in Deutschland benötigen.

ZEIT: Mehr Geld – das wollen niedergelassene Ärzte, Psychotherapeuten oder Apotheker auch.

Grüters: Am Ende muss man wissen, was man will und was man aufs Spiel setzt. Deutschland braucht in der Medizin eine Spitzenforschung sowie eine hoch spezialisierte medizinische Versorgung. Beides leistet die Universitätsmedizin.

ZEIT: Aber die anderen Krankenhäuser müssen doch ebenso mit ihren Budgets auskommen.

Grüters: Gewiss, aber sie können in der Regel effektiver wirtschaften, denn sie steuern Patienten und Behandlungsmethoden. Die Universitätsklinika sind gerade auch für Extremfälle zuständig, und die verursachen nun einmal oft extreme Kosten. Das sind die Patienten, bei denen der Rest der Medizin nicht mehr weiterweiß. Die Behandlung seltener Erkrankungen, unter denen einer von zehntausend oder gar hunderttausend Menschen leidet, erfordert eine ganz besondere Expertise. Auch innovative Diagnose- und Therapieverfahren werden zuerst in der Universitätsmedizin eingesetzt. Kennen Sie Ecmo?

ZEIT: Wie bitte?

Grüters: Ecmo, die Extracorporale Membranoxygenierung. Das ist eine Technik der Intensivmedizin, bei der eine Maschine Patienten, deren Lunge und Herz selbst für eine künstliche Beatmung zu schwach sind, übers Blut mit Sauerstoff versorgt. Meist sind es Neugeborene, die dank dieser Technik überleben können. Nur ist sie eben sehr teuer.

ZEIT: Betriebswirtschaftlich gesprochen, ist der Stückkostenpreis der Universitätsmedizin zu hoch.

Grüters: Genau so drücken es die Kaufleute bei uns auch aus, furchtbar!

ZEIT: Wieso?

Grüters: Weil die Universitätsmedizin nicht in erster Linie ein Wirtschaftsbetrieb ist, der auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist, sondern eine universitäre Forschungs- und Ausbildungsstätte und ein Ort, um Menschen, die schwer erkrankt sind, gesünder zu machen. Bevor heute aber ein neuer Professor in der Medizin rekrutiert wird, muss er auch seine wirtschaftliche Performance bewiesen haben.