Illustration aus der Neu-Übersetzung des Kinderbuchklassikers "Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden". © Die andere Bibiothek

Es gab einmal einen Bergsee oben an der norwegischen Grenze. Daraus floss ein kleiner Fluss, der von Anfang an widerspenstig und wild war. So klein, wie er war, wurde er Storån genannt, weil er so aussah, als ob etwas Großes aus ihm werden könnte."

Auf vielen Seiten dieses dicken Buchs finden sich Sätze, die wie diese als kleine Parabeln glänzen. Dabei sind es immer dieselben Kraftquellen, die gefeiert werden: das Erzählen und die Natur. Die Verbindung beider nennt man nationalen Mythos. Um nicht weniger handelt es sich bei Nils Holgerssons wunderbarer Reise durch Schweden. Wobei der Titel nicht ganz genau ist. Denn seinen mythischen Reiz und seine für einen Mythos konstitutive Struktur des Übergreifenden erhält das Buch erst dadurch, dass der Titelheld und wir mit ihm über weite Strecken über Schweden reisen, nämlich fliegen. Erst aus dieser Perspektive und in dieser damals noch exotischen Bewegung wird der Geist sinnfällig, den Selma Lagerlöf beschwört. Es ist der Geist der Einheit – einer Einheit von Kultur und Natur, von Himmel und Erde, von spiritueller und materieller Welt, von Gegenwart und Vergangenheit, von Mensch und Tier und über alledem: die Einheit der Nation.

Wer kennt ihn nicht: Nils Holgersson, der, zum Wichtel geworden, unter dem Schutz der weisen Akka von Kebnekajse auf dem Rücken der Wildgänse gen Norden fliegt. Aber so kannten wir die Geschichte noch nicht. Thomas Steinfeld hat sie für die Andere Bibliothek neu und erstmals ganz ohne Kürzungen und Glättungen ins Deutsche übertragen. Zusammen mit den Illustrationen von 1931 haben wir es also, spät genug, mit dem wahren Nils Holgersson zu tun. Und das ist eine Entdeckung.

Es lohnt sich, mit dem klugen Nachwort von Thomas Steinfeld zu beginnen, damit man begreift, worauf man sich einlässt, wenn man den Gänseflug gen Finnland antritt, der unterwegs so viel mehr bietet, als man von einem Jugendbuch erwarten kann. Und das sollte Nils Holgersson amtlicherseits sein. Im Jahr 1901 fragte der nationale Lehrerverband bei Selma Lagerlöf um ein Werk für die Volksschulen an, das die Größe Schwedens zeigen sollte – die geografische wie die kulturelle. Lagerlöf war bereits eine bekannte Autorin, den Nobelpreis allerdings erhielt sie erst nach Erscheinen von Nils Holgersson, als erste Frau und "aufgrund des edlen Idealismus, des Fantasiereichtums und der seelenvollen Darstellung, die ihre Dichtung prägen". Von alledem strotzt Nils Holgersson nur so. Das Buch ist aber auch noch sehr viel mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 53 vom 23.12.2014.

Es war eines der größten Publikationsprojekte, die Schweden bis dahin gesehen hatte. Unter den Vorbildern, die Steinfeld zusammenträgt, sind jene besonders interessant, die zur gleichen Zeit ein solches nationales Ziel verfolgen, etwa die Tour de France, die 1903, zwei Jahre vor der Veröffentlichung von Nils Holgerssons Schwedenrundflug, erstmals ausgerichtet wurde. Beide Rundreisen dienen der Beschwörung der nationalen Einheit, indem sie alle wichtigen Kulturdenkmäler und Naturschönheiten ihres Landes passieren und das große Ganze als Gemeinschaftserlebnis feiern.

In ebendem Jahr, in dem die ersten Radler zur Tour de France aufbrachen, läuteten in Amerika die Brüder Wright die Ära des Motorflugs ein. Auf schwindelerregend geniale Weise hat Selma Lagerlöf die wegweisenden Strömungen dieser Jahrhundertanbruchsdekade verinnerlicht und verarbeitet. So viel Aufbruch war selten. Und so viel Aufbruch, scheint sie uns sagen zu wollen, braucht die Erdung in einer intakten Natur und in einem nationalen Mythos. Nils Holgersson erzählt viel vom Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die drängenden Themen kommen alle vor: Armut, Kinderarbeit, Ausbeutung der Natur, Kampf gegen die Tuberkulose, Jugendkult, Umweltbewegung, Patriotismus, die Folgen der Industrialisierung. Lagerlöfs Geschichte ist zum Bersten modern, so behaglich volkstümlich und naturkonservativ sie daherkommt.