Ehe ich den Regisseur Roy Andersson selbst treffe, in einem großen Jugendstilhaus in Stockholms bürgerlichem Wohnviertel Östermalm, begrüßt mich sein Mitarbeiter Johan Carlsson, ein ruhiger, besonnen wirkender Mann um die vierzig. Er hat, zusammen mit Pehr Arte, den sehr persönlichen Dokumentarfilm Det är en dag imorgon också (Tomorrow is Another Day) über Andersson, seine Zusammenarbeit mit ihm und die dreieinhalb Jahre währende Drehzeit zu seinem vorletzten Film Das jüngste Gewitter gemacht. Es ist ein Making-of der besonderen Art, in dem die handwerkliche Könnerschaft des Teams und das enorme emotionale Gewicht von Anderssons Arbeiten unauflöslich miteinander verwoben sind.

Ich bin neugierig, was für ein Mensch mir da gegenübertreten wird, der seit fünfzehn Jahren ein eigenes Filmuniversum geschaffen hat. Mit seinen auf unheimliche Art "plausiblen" Bilderrätseln hat er ein filmisches Theater inszeniert, wie ich kein Zweites kenne, dessen Räume uns wie Träume behexen. Große Erwartungen!

Johan Carlsson führt mich durch das mehrgeschossige Haus und lässt mich einen Blick in das Filmstudio im Parterre werfen, einen schmucklosen, entkernten Raum, der mit einem zweiten, nicht weniger kahlen Raum – mehr Hohlraum, geht es mir durch den Kopf – verbunden ist. Angesichts dieser beiden Studios und der vielen darin gebauten Dekors nehmen sich die Fassaden der Jugendstil- und Art-déco-Häuser des bürgerlichen Stockholmer Viertels wie täuschende Kulissen aus. Vielleicht sollte man überhaupt weniger von einem Studio sprechen, in dem in rascher Folge Kulissen gesetzt und verschoben werden. Vielmehr entstehen Anderssons Filmwelten in einer Manufaktur, die mit handwerklicher Meisterschaft Straßen, Plätze, Innen- und Außenansichten herstellt, wie man sie im Kino unserer Tage sonst nirgendwo zu sehen bekommt. Es sind einander täuschend ähnliche Räume, die in seinen letzten drei Filmen zu sehen sind, aber eben nur ähnlich, weil sie zu einem Realsubstrat verdichtet sind.

Im schattenfahlen Neonlicht des Studios fällt als einziges Überbleibsel ein an die Wand gemalter, rosafarbener amerikanischer Straßenkreuzer auf, ein Amischlitten (mit dem Autotyp scheint auch das Wort verschwunden). Und wie in einem double take, einem kinematografisch beschleunigten Déjà-vu, erkenne ich diese etwas verkleinert gemalte Limousine wieder: Sie figuriert im Hintergrund einer langen und ungewöhnlich komplexen Szene in Anderssons jüngstem Film Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach, mit dem er den Goldenen Löwen der vergangenen Filmfestspiele von Venedig gewonnen hat. Es ist eines der vielen Trompe l’Œils, die Andersson als Botenstoffe eines galligen Humanismus durch seine Bilder wandern lässt. In seinem neuen Film ist diese Limousine durch ein großes Fenster auf der gegenüberliegenden Seite einer Straße zu sehen, die an einem idealtypisch verdichteten Café – mit Tresen, Tischen, Stühlen und Spielautomaten – vorbeiführt. Ein scheinbar unauffälliges Detail, das aber durch die Ereignisse, die über das Café im ganz wörtlichen Sinn hereinbrechen, eine ganz andere Aufladung erhält.

In diesem großen Tableau, das man als den "unerwarteten Auftritt des Königs" bezeichnen könnte, sind zu Beginn lediglich die Gäste, der Wirt und der Kellner anzutreffen. Ein geradezu typischer, von Musik untermalter zeitgenössischer Kneipenalltag breitet sich vor uns aus, bis zwei Vertreter von Scherzartikeln eintreten, deren traurige Auftritte den Film von Anfang bis Ende begleiten. Sie haben sich verlaufen. Nach einem kurzen Wortwechsel führen die beiden Gewerbetreibenden ihre müden Nummern vor: Vampirzähne, Lachsäcke, Gevatter-Einzahn-Maske. Plötzlich werden sie von einer heranrückenden Soldateska unterbrochen; ein Berittener der schwedischen Armee aus der Zeit Karls XII. sprengt auf einem Rappen herein, jagt die im Café sitzenden Frauen hinaus, lässt einen älteren Mann am Spielautomaten auspeitschen und kündigt den Auftritt des Königs an. Strahlend und stumm vor lockendem Begehren, reitet Karl XII. herein, die ephebische und tragische Figur einer zum Geschichtsbild geronnenen schwedischen Heldensage; ein Mann, dessen Homosexualität bis heute lieber verschwiegen wird. Während des gesamten Auftritts zieht in einer unaufhörlichen Prozession auf der Straße im Hintergrund die Kavallerie von links nach rechts vorbei. Hochmut kommt vor dem Fall – diesem "Gesetz" muss auch ein König gehorchen, der einige Bilder später als Geschlagener nach der Schlacht von Poltawa – die Reiter ziehen jetzt von rechts nach links – zurückkehrt.

"Gravitation", sagt Roy Andersson, den ich nun endlich, ein Stockwerk höher, in seinen Büroräumen treffe, die eine wohltuende, arbeitsintensive Unordnung ausstrahlen – "Gravitation ist die Wurzel allen Unglücks", eine Art naturgesetzlicher Nemesis. Im Stummfilm ist das der "slow burn", ein ebenso langsam wie unaufhaltsam sich entfaltender "Gag", eine Katastrophe, ein Fallen. Laurel und Hardy, Keaton und später Tati waren darin Meister. Diese spannungsreiche Kunst wird in den Filmen von Roy Andersson neu entdeckt und, fast unglaublich, noch gesteigert. Und so nimmt es nicht wunder, dass der Amischlitten hinter Karls Reiterarmee wiederum ein Echo aus einem Werbefilm ist, den Andersson für eine Versicherung gedreht hat: Ein wohl betrunkener Mann steigt nachts aus seinem hart am Pier geparkten Amischlitten, um vor der Kulisse eines großen Schiffes sein Wasser abzuschlagen. Während er seinem physiologischen Imperativ gehorcht, setzt sich das Auto langsam in Bewegung und stürzt, schwerkraftverliebt, ins Hafenbecken.