Den Betroffenen war ihr Scheitern peinlich, den Unis egal.

In einem Leitbild stehen die Werte, die einem wichtig sind, nach denen man strebt. Wenn eine deutsche Universität sich ein Leitbild gibt, ist sie meist stolz auf ihre Tradition, sie beschwört gern den Geist Humboldts und die Unabhängigkeit ihrer Forschung, sie strebt oft nach Exzellenz und setzt sich ein für die Gleichstellung, sie will international attraktiv sein und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Studenten zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen scheint hingegen für die meisten Hochschulen weder ein wichtiges noch ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Jedenfalls schreibt sich keine Uni die Studentenförderung in ihr Leitbild.

Diese Haltung hat fatale Folgen: In kaum einem Land scheitern so viele junge Menschen an ihrem Studium wie in Deutschland. An den Unis ist es jeder Dritte, an den Fachhochschulen jeder Vierte. Diese Zahlen hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) errechnet, sie beziehen sich auf den Absolventenjahrgang von 2012 und erfassen diejenigen, die sich zwar einschreiben, aber ohne Examen abgehen; Fach- und Hochschulwechsler sind nicht eingerechnet.

In den Technikfächern, in denen ein besonders hoher Fachkräftemangel herrscht, liegt die Abbruchquote sogar noch deutlich höher: Im Studiengang Bauingenieurwesen geben 51 Prozent der Studenten auf, in Mathematik sind es 47 Prozent. Auch das Bachelor-Master-System hat daran wenig geändert. Die Zahlen der Abbrecher sind insgesamt seit Jahren nahezu unverändert, teilweise sogar gestiegen. Was für ein Verlust von Lebenszeit, Steuergeld und Talent!

Sicher, die Unis können nicht jeden ihrer Studierenden erfolgreich zu einem Abschluss bringen. Es wird immer einen gewissen Schwund geben, es wird immer gute Gründe geben, ein Studium abzubrechen und einen neuen Weg einzuschlagen; Scheitern muss erlaubt sein. Nicht hinnehmbar ist es allerdings, wenn in manchen Studiengängen mehr als die Hälfte der Studenten abbricht. Da läuft etwas grundlegend schief: Entweder sind die Studierenden nicht richtig ausgewählt, nicht gut vorbereitet, die Anforderungen im Fach zu hoch oder die Prüfungsordnungen zu streng. Da müssen die Unis etwas tun.

Die hohen Abbrecherzahlen sind ein Skandal. Aber einer, über den sich lange kaum jemand aufregte. Der neue Hochschulpakt zur Finanzierung zusätzlicher Studienplätze könnte nun zu einem Umdenken führen. Denn damit sollen erstmals zehn Prozent der Mittel gezielt für Maßnahmen gegen Studienabbrüche ausgegeben werden.

Bislang wurde das Thema vielfach ignoriert, ein Kollateralschaden der Massenuni. Keiner hatte großes Interesse, darüber zu reden: Den Betroffenen war ihr Scheitern peinlich, den Unis egal. Bis heute kann keine Uni sagen, wie viele junge Menschen ihnen auf dem Weg zum Examen verloren gehen und warum. Die Daten werden nicht erfasst, aus tatsächlichen oder vorgeschobenen Datenschutzgründen und weil man das eigentlich gar nicht so genau wissen möchte. Ist ja nichts, womit man sich rühmen könnte. Nur: Ein Problem, das man nicht wahrhaben will, kann man auch nicht lösen.

Die Hochschulen haben das Thema verdrängt, aber auch der Politik war es in den letzten Jahren wichtiger, dass die Unis möglichst viele Studienanfänger aufnahmen, als dass sich die Studienbedingungen verbesserten. Bund und Länder haben mehrere Hochschulpakte beschlossen, mit denen Hunderttausende zusätzliche Studienplätze geschaffen wurden. Jede Hochschule, die einen neuen Platz meldet, bekommt dafür derzeit 26.000 Euro überwiesen – ganz gleich, ob der Student auf diesem Platz sein Studium erfolgreich abschließen wird oder nach einem Semester wieder abbricht.

Die Hochschulen haben ihre Tore geöffnet, kassiert und sich dann wenig um ihre Studenten gekümmert. Vor allem an den Universitäten wird die Lehre immer noch nicht so wertgeschätzt wie die Forschung. Wenn ein Professor dort im Schnitt 64 Studenten betreut, bekommt er gar nicht mit, wer Probleme hat. Und er mag sogar froh sein um jeden, der geht. Macht weniger Arbeit. Während in den USA jede Uni, die etwas auf sich hält, mit erfolgreichen Absolventenquoten wirbt, ist in Deutschland manch ein Professor insgeheim noch stolz darauf, die Hälfte seiner Studenten rauszuprüfen – um die Qualität seiner Lehrveranstaltungen zu belegen. Wer den Lehrstoff nicht schafft, ist eben nicht studierfähig.