Als Rewedah an diesem Abend

durch Stockholms Straßen läuft, ist ihr nicht anzumerken, dass sie die vielleicht letzten Schritte auf einer 4.500 Kilometer langen Reise macht. Schwedens Hauptstadt liegt in winterlichem Dunkel, und Rewedah steigt die Treppen des U-Bahnhofs Sankt Eriksplan hinauf. In ihrem schwarzen Mantel, Mund und Kinn von einem bunten Schal verhüllt, unterscheidet sich Rewedah kaum von all den anderen Passanten auf ihrem Weg aus den Büros nach Hause.

Auf ihrem rosa Smartphone hat Rewedah ein paar Tage zuvor eine SMS erhalten. Darin stand, sie solle um sieben Uhr abends in der Birkagatan 7 klingeln, bei Wiberg, zweiter Stock. Also ist Rewedah in die Stadt gefahren und geht jetzt durch Straßen, in denen Autos ordentlich in Buchten parken, Häuser Nummern haben und aus den Fenstern warmes Licht fällt. Geborgenheit in vierzig, sechzig, hundert Watt.

Niemand kann wissen: Die Frau im schwarzen Mantel hat vor 804 Tagen eine Stadt verlassen, in der es all das nicht mehr gibt. In der Alltag zur Ausnahme geworden ist. Aleppo, Syrien.

Rewedah, orthodoxe Christin, ledig, 46 Jahre alt, Grundschullehrerin für Geschichte und Geografie, floh am 15. August 2012 aus ihrer Heimatstadt. Es war ein Mittwoch, als der Krieg wieder einmal Schicksal spielte: Schon Wochen zuvor waren Bomben auf ihre Erstklässler gefallen. Auf Sami, Jhon, Maja. Und als Rewedah an diesem Tag nach Hause wollte, hatte sich die Frontlinie verschoben. Wie eine tödliche Grenze verlief sie plötzlich durch ihr Leben, trennte sie vom herzkranken Vater und von der müden Mutter zu Hause. Für diesen Fall hatten die Eltern ihr aufgetragen: Flieh, Rewedah! Flieh, solange du Kraft hast. Wir haben sie nicht mehr.

Rewedah floh, ohne noch einmal heimzukommen, ohne sich zu verabschieden, ohne ein Foto der Familie mitnehmen zu können. Aber mit einem Bündel Geld, das sie in jenen Tagen vorausschauend bei sich trug.

Wenn Rewedah von ihrer Flucht erzählt, findet sie wenige Worte, was auch daran liegt, dass ihr Weg durch manche Nacht und noch mehr rechtliche Grauzonen führte. Und daran, dass sie der Welt keine klare Position zum syrischen Bürgerkrieg zu bieten hat. Sie sagt, sie habe den Diktator Baschar al-Assad gefürchtet – für sie als Christin wurden aber auch die islamistischen Rebellen immer gefährlicher. Ihre Verteidigungsstrategie in diesem Konflikt ist Vorsicht. "Im Krieg weißt du nicht immer, woher die Schüsse kommen", sagt Rewedah. Und bittet, ihren Nachnamen zu verschweigen.

Von Aleppo aus fuhr Rewedah in einem Minibus in Richtung Türkei, Schleuser brachten sie über die Grenze. Sie kletterte in einen Bus nach Istanbul. Dort versteckte Rewedah sich über Wochen, bis sie Platz fand auf einem morschen Kahn, mit dem sie auf die griechische Insel Rhodos gelangte. In Athen wartete sie auf einen gefälschten bulgarischen Pass und lieferte sich zwei weiteren Schleusern aus, die sie – versteckt in einem Kombi – tagelang durch Osteuropa fuhren.

Rewedah war jetzt einer von 51 Millionen Flüchtlingen weltweit, so vielen, wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, aus Syrien, der Ukraine, dem Südsudan. 51 Millionen Menschen, die aus Kriegs- und Krisengebieten in Friedensländer ziehen – das sind auch 51 Millionen Appelle an Hilfsbereitschaft und Einfühlungsvermögen, an Solidarität und Staatshaushalte.

Rewedah hatte ihren Schleusern gesagt, sie wolle nach Schweden, sie habe dort entfernte Verwandte in einer Stadt mit dem sonderbaren Namen Södertälje. Für sie klang das wie ein Ort aus einem Märchen.

Es muss Russland oder Finnland gewesen sein, wo die Schleuser Rewedah aus dem Auto zerrten und in einen Nachtzug setzten. Zielbahnhof: Stockholm. Stunden später stand sie in der schwedischen Hauptstadt auf dem Bahnsteig.

Seit diesem Augenblick vor gut zwei Jahren lebt Rewedah in einem sich dehnenden Dazwischen: Sie weiß nicht, ob ihr Zustand noch ein Fliehen ist oder schon ein Ankommen bedeutet.

Auch nicht jetzt, an diesem Abend in Stockholm, als sie das Straßenschild mit der Aufschrift "Birkagatan" gefunden hat.

Am Morgen des 17. April 2014

steuert Alexander Fischinger seinen Wagen über die B 294, die in enger werdenden Schleifen von Freiburg hinauf in den Schwarzwald führt. In Schonach, wo er aufwuchs, hält er am Waldrand an, zieht den Zündschlüssel ab und fängt an zu laufen. So hält Fischinger, 50, das immer an wichtigen Tagen: Er läuft über die Waldwege seiner Heimat. Er läuft auf den Beinen, von denen die Ärzte sagten, dass sie ihn nie wieder würden tragen können.

Fischinger biegt in den Friedhof ein. Vor dem Grab seiner Mutter bleibt er stehen und denkt daran, wie schön es wäre, wenn sie diesen Tag im Frühjahr 2014 noch erleben könnte. Den Tag, an dem der SV Waldkirch, der kleine Fußballverein, den Fischinger seit zweieinhalb Jahren trainiert, in den DFB-Pokal einziehen könnte.

Ein Sieg an diesem Abend, und Waldkirch wäre dabei: in einem Wettbewerb mit Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04.

64 Teams spielen jedes Jahr um den Pokal des Deutschen Fußball-Bundes. Neben den 36 Vereinen aus der Ersten und Zweiten Bundesliga und den besten vier Drittligisten dürfen auch 24 Amateurclubs teilnehmen. 24 von 58.983 Herrenmannschaften in Deutschland. Fast immer sind es Teams aus den obersten Amateurklassen, der Vierten und der Fünften Liga, die sich für diese 24 Plätze qualifizieren.

Alexander Fischingers SV Waldkirch spielt in der Sechsten Liga.

Waldkirch: Das sind Spieler, die dreimal die Woche trainieren, nach Feierabend. Das sind 200, höchstens 300 Zuschauer hinter Sparkassenschildern aus den achtziger Jahren. Das ist ein Abteilungsleiter Fußball, der seit Jahren mit den Stadtwerken darum ringt, dass aus den Duschen heißes Wasser kommt.

Ein Sieg an diesem Tag, in diesem entscheidenden Spiel, und alles wäre anders. Der Fußball-Bund würde mehr als 200.000 Euro an Prämie überweisen, der SV Waldkirch wäre auf einen Schlag saniert, und in der ersten Runde des Pokals würden womöglich Weltstars wie Arjen Robben, Franck Ribéry oder Marco Reus über den Dorfacker tanzen. Und Alexander Fischinger, der gedacht hatte, er müsse den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen, würde an der Seitenlinie entlangrennen und seine Spieler dirigieren.

Gut zwanzig Jahre zuvor, Anfang der Neunziger, war Fischinger nicht Trainer, sondern Postbote, fußballverrückt schon damals. An Wochenenden spielte er für seinen Heimatverein und fuhr mit Freunden zum SC Freiburg, damals Zweitligist. Bald kannte Fischinger einige der Fußballprofis, zog mit ihnen abends durch die Bars. Bei einem Mittelfeldspieler namens Joachim Löw, der halbtags in einem Sportgeschäft arbeitete, bekam er Rabatt auf seine Fußballschuhe.

Im Juni 1995 wollte Fischinger heiraten. Stattdessen erwachte er im Unfallkrankenhaus. An seinem Bett saßen zwei Pfarrer, der eine evangelisch, der andere katholisch. Eigentlich hätten sie ihn und seine Frau trauen sollen. Jetzt wachten sie darüber, dass er nicht den Lebensmut verlor angesichts der Nachrichten, die ihm die Ärzte überbrachten: aus acht Metern Höhe abgestürzt, das Becken dreifach gebrochen, beide Handgelenke und das Knie zertrümmert wie morsches Holz.

An seinem Polterabend hatten Freunde ein Gerüst aufgebaut und Fischinger an einem Abschleppseil nach oben gehievt. Ein letzter Spaß unter Jungs, sie wussten ja, dass er unter Höhenangst leidet. Sie lachten. Und Fischinger, der Bräutigam, lachte mit.

Zwischen Meter sieben und Meter acht riss das Seil. Denken Sie über einen neuen Beruf nach, sagte der Arzt, als er hörte, dass Fischinger Postbote war.

Ob er je wieder würde Fußball spielen können, wagte Fischinger gar nicht erst zu fragen.