Eine besonders monströse Installation der Ausstellung Der ewige Jude im Deutschen Museum in München im November 1937 zeigte gigantische Nasen, einen sinnlichen Mund und abstehende Ohren – und dazwischen die Gesichtsplastik eines müden, kahlköpfigen älteren Mannes, der alle diese Attribute vereinte. Die Beschriftung besagte, dass es sich um den ehemaligen Reichstagsabgeordneten der KPD Werner Scholem handele.

Die naturalistische Wachsmaske muss im nahe gelegenen KZ Dachau angefertigt worden sein, wo Scholem (der gerade mal 40 Jahre alt war) in "Schutzhaft" saß. Warum musste ausgerechnet Werner Scholem, der seit zehn Jahren aus der KPD verstoßen, in Moskau als Trotzkist verfemt und längst kein aktiver Politiker mehr war, als Urbild eines "jüdischen Bolschewisten" herhalten? Warum wurde ausgerechnet er, obwohl seine Festnahme im Mai 1933 fast zufällig erfolgt und er vom Volksgerichtshof 1935 freigesprochen worden war, nicht wie andere Noch- oder Ex-Kommunisten entlassen, sondern musste von Stufe zu Stufe tiefer in die Hölle der Lager steigen – bis er im Sommer 1940, in der Blütezeit des Hitler-Stalin-Pakts, von einem SS-Mann im Steinbruch von Buchenwald "auf der Flucht erschossen" wurde?

1935 hatte er einen Brief an seinen Bruder Gershom (Gerhard) Scholem, den Zionisten und später berühmten Erforscher der jüdischen Kabbalistik, unterschrieben: "Dein Bruder Hiob". Gleich zwei neue Biografien haben sich nun dieser schwierigen und tragischen Figur angenommen.

Die Judaistin und Kulturwissenschaftlerin Mirjam Zadoff versucht in ihrem Buch Der rote Hiob, den kommunistischen Ultralinken Werner Scholem, ganz im Sinne von späteren Überlegungen Gershoms, der seinen Bruder als einen vom "säkularen Messianismus" Geblendeten zeichnete, "in die jüdische Welt zurückzuholen". So liegt der Akzent von Zadoffs Darstellung zunächst auf der Welt des assimilierten jüdischen Bürgertums in Deutschland, vertreten durch den Druckereibesitzer Arthur Scholem, gegen dessen harsches, aufstiegsorientiertes Familienregime die beiden jüngeren Söhne Werner und Gershom rebellieren – der eine als Sozialist, der andere als Zionist. Das führt zum Zerwürfnis mit ihrem Vater, aber auch mit ihren älteren Brüdern Reinhold und Erich, die in einer deutschnationalen oder nationalliberalen Variante den väterlichen Vorgaben folgen, ohne in Deutschland wirklich heimisch werden zu können. Dann ist da die agile Mutter Betty, die eine sowohl literarische wie geschäftliche Ader hat, ihrem Mann folgt, aber sich zunehmend als Linksliberale emanzipatorische Freiräume und eine eigene Sicht auf die Welt und die Zeitläufte schafft – und die Verbindung zu ihren abtrünnigen jüngeren Söhnen hält.

Diese Familienkonstellation wäre analog zu "Tewje dem Milchmann" und seinen vier unterschiedlichen Töchtern ein wunderbares Material für eine exemplarische deutsch-jüdische Familiengeschichte in der Zeit von Weltkrieg und Revolution. Aber Mirjam Zadoff sieht sie eben durch das Prisma der linksradikalen Biografie des Werner Scholem – ein Prisma, das in vielen Aspekten leider eher unscharf bleibt.

Werners frühe politische Radikalisierungen vor und im Ersten Weltkrieg, schon als Schüler 1912 in der sozialistischen Arbeiterjugend, dann als Kriegsgegner und Weltkriegssoldat im Umfeld des Spartakus-Bundes, werden fast ausschließlich aus seiner Antisemitismus-Erfahrung und einer partiellen Überschneidung mit Gershoms Hinwendung zu einem sozialistisch gefärbten Zionismus beleuchtet, dem Werner sein Diktum entgegensetzt: "Jeder denkende Jude wird Sozialist." Die chauvinistisch benebelten Kerndeutschen, auch die Proleten, nennt er nur mit dem französischen Schimpfwort boches und schreibt seinem Bruder: "Wer dieses Volk näher kennt, der kotzt!" Aber schließlich: "Bin ich ein Proletarier? Mich kümmert nur die Partei."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 53 vom 23.12.2014.

Diese originäre Disposition nimmt Zadoff kaum recht ernst. Werners Hinwendung zum Kommunismus 1917/18 über Liebknecht und Luxemburg versteht sie durch den Weichzeichner von Ernst Blochs Geist der Utopie als die Suche nach einer "Heimat, in der noch niemand war" – immer in Parallele zu Gershom, der diese Heimat in Palästina findet. Aber das verkennt dann doch den wilden, genuinen Hass, mit dem Werner sich gegen die in die Republik hinüberwachsende wilhelminische Gesellschaft wendet, und seine absolute Unversöhnlichkeit gegenüber der verräterischen Sozialdemokratie. Wie er seinem schockierten Bruder gesteht, hätte er sich durchaus gern in der Rolle eines "Schreckensmannes" gesehen, der als bolschewistischer Rotgardist "baltische Barone köpfen" oder die sozialdemokratischen "Nosketiere" an die Wand stellen würde, wie diese es umgekehrt mit den Spartakisten taten.

So kommt es, dass Zadoff die entscheidende politische Wirkungszeit Werner Scholems kaum wirklich schildert – jene Jahre, in denen er es als einer der führenden Köpfe der Berliner Linksopposition zusammen mit einer Gruppe um Ruth Fischer (Eisler) und Arkadi Maslow nach dem Scheitern des "deutschen Oktobers" 1923 bis an die Spitze der Kommunistischen Partei Deutschlands bringt. 1924/25 steigt er zum "Org.sekretär" der Partei auf, bei dem alle Fäden und alle Karrieren zusammenlaufen.