Die ganze Woche über freut sich Katja Wassiljewskaja auf den Samstag und den Sonntag. Seit die Neunjährige in Kiew die vierte Klasse besucht, geht sie nicht mehr gern zur Schule. Sie ist die Kleinste in der Klasse und die Einzige, die aus dem Osten der Ukraine stammt. Freunde hat sie in ihrer neuen Klasse noch nicht gefunden. Peresselenzy – Umsiedler – nennen sie in der Ukraine Familien wie die von Katja, die aus den Kampfgebieten um Donezk und Luhansk oder von der annektierten Krim geflohen sind. Es gibt Menschen in der Ukraine, die sehen die Umsiedler aus der Ostukraine als Verräter, die sich erst abspalten wollen und nun bei ihnen Zuflucht suchen.

Anfang Juni hat Katjas Familie ihre ostukrainische Heimatstadt Luhansk verlassen: Die Mutter Viktoria, Katja, die 14 Jahre alte Nastja und der Säugling Slawa. Sie gehörten zu den Ersten, die geflohen sind. Nachts hatten sie Schüsse, Explosionen und Sirenen gehört. Am nächsten Tag stiegen sie ins Auto und fuhren die Nacht durch. Morgens um sechs Uhr kamen sie bei Verwandten in einem Dorf nahe Kiew an. Nur zwei Wochen wollten sie bleiben, hatten nur Sommersachen dabei und ein wenig Spielzeug. Vater Wjatscheslaw blieb zunächst in Luhansk, kam erst nach, als es im Osten auch für ihn nicht mehr sicher war.

Katja mag die Wochenenden auch, weil sie dann mit ihrer Mutter das Hilfszentrum in der Frolivska-Straße am Rande der Kiewer Innenstadt besuchen kann. Freiwillige haben es auf dem Gelände einer ehemaligen Textilfabrik eingerichtet. Flüchtlinge bekommen dort medizinische Hilfe, werden bei der Arbeitssuche unterstützt oder können sich in der Kleiderkammer ausstatten – alles kostenfrei. Während die Kinder auf ihre Eltern warten, spielen sie in einem bunt angemalten Bauwagen auf dem Gelände. In den Kartons mit Spielzeug und Büchern, die Kiewer gespendet haben, entdeckt Katja immer wieder kleine Schätze: An diesem Tag sind es eine Spieluhr und eine Handpuppe in Eulengestalt. Stundenlang spielt sie damit. Auf dem Hof gibt es Tee und Wurstbrote.

Jeden Tag flüchten weitere Menschen aus dem Osten des Landes. Nach Russland zu gehen, wie viele andere Ostukrainer, kam für Katjas Eltern nicht infrage. "Viele, die damals beim sogenannten Referendum für Russland gestimmt haben, bereuen das schon", sagt ihre Mutter Viktoria. Sie müssten in Kiew ständig erklären, dass sie die Separatisten nie unterstützt hätten, auch nicht anfangs. Katjas Vater ist in Weißrussland geboren, ihre Mutter in Luhansk. Viktoria ist mit Katjas Großvater, der beim Militär war, häufig innerhalb der Ukraine umgezogen. Sie fühle sich als Ukrainerin, sagt sie.

Dieses Porträt ist einer von mehreren Kinder-Wunschzetteln in der ZEIT No 53 vom 23.12.2014

Katja spricht mit ihren Eltern und Geschwistern zwar Russisch, aber sie alle können fließend Ukrainisch. Wenigstens die Sprache bereitet ihr also keine Probleme in der neuen Schule in Kiew. Trotzdem hat sie schlechtere Zensuren als in ihrer Heimat. Ihre Eltern glauben, dass es daran liegt, dass sie zu Beginn des Schuljahres die umgerechnet zehn Euro für den Geburtstagsblumenstrauß für die Klassenlehrerin nicht bezahlen konnten. Manchmal weint Katja nach der Schule. "Sie ist verschlossener geworden", sagt ihre Schwester Nastja. "Früher hatte sie viele Freundinnen." Beide Mädchen haben keinen Kontakt mehr zu ihren Freundinnen von zu Hause. Sie wissen nicht einmal, wo die sind.

Warum es Krieg gegeben hat, versteht Katja nicht. "Da sind schlechte Menschen", sagt sie und wird still. Wörter wie Separatisten oder Anti-Terror-Operation versuchen ihre Eltern von ihr fernzuhalten, ebenso wie die Fernsehbilder von Toten und Verwundeten in ihrer Stadt Luhansk. Sie erzählen Katja nicht, dass einige Bekannte gestorben sind und dass viele, die noch am Leben sind, ihr Zuhause verloren haben. "Wenigstens mussten meine Kinder nie im Bombenkeller sitzen", sagt Viktoria.

Als Katjas Familie nach Kiew kam, hatten sie fast nichts, kein Geld für Windeln oder Antibiotika, all das haben sie im Hilfszentrum bekommen. Ihr Vater hat dann schnell Arbeit gefunden, als Fitnesstrainer, und heute können sie sich eine kleine Mietswohnung leisten. Katjas Mutter, die noch im Mutterschutz ist, sortiert im Hilfszentrum fast jeden Tag Kleidung, Lebensmittel und andere Spenden. Sie möchte jetzt anderen helfen. Sie wolle ihren Kindern vorleben, dass man das Beste aus jeder Situation machen müsse, sagt sie. Im Hilfszentrum bereiten sie sich in diesen Tagen auf das Neujahrsfest vor, an dem Kinder in der Ukraine traditionell Geschenke bekommen. Ein Tannenbaum wird im Hof aufgestellt, es soll Spiele, Tanz- und Malkurse geben – und natürlich Geschenke. Fast 3000 Flüchtlingskinder werden erwartet.

Katja wünscht sich, dass der Krieg aufhört und alle wieder lächeln. Das hat sie auf ihrem Wunschzettel notiert – mit einem kleinen Fehler: Woina, das russische Wort für Krieg, schreibt sie mit a statt mit o. Dann malt Katja noch einen goldenen Fisch aufs Papier. Der soll ihr wie im Puschkin-Märchen jeden Wunsch erfüllen. Ziemlich schlau für eine Neunjährige.

Manchmal, wenn Katja und ihre Schwester Nastja auf dem Balkon der neuen Wohnung stehen, stellen sie sich ihren Innenhof in Luhansk vor. Sie wollen zurück. "Ich wünsche mir, dass alles so ist, als sei nichts gewesen, und dass alle es gut haben", sagt Katja. Sie vermisst die Bluse ihrer Luhansker Schuluniform, ihr eigenes Bett, ihre Freundinnen Wlada und die beiden Irinas, das Kunstturnen und das Klavierspielen.

Bei kostenlosen Turnstunden in Kiew war für sie kein Platz, und Klavierspielen gehe nicht ohne eigenes Instrument, sagte man ihr. Jetzt geht Katja zum Gesangsunterricht. Manchmal singt sie den Helfern etwas vor. Manchmal imitiert die Neunjährige, die in Luhansk zwei Schönheitswettbewerbe für Kinder gewonnen hatte, staksend Modelschritte auf dem Hof des Hilfszentrums. Sie bleibt dann am Ende eines imaginären Laufstegs stehen, stellt das Knie aus, knickt die Hüfte ein, legt den Kopf schief und verteilt Luftküsse. Sie strahlt. Ihre Zuschauer lachen. Es ist ein guter Tag, findet Katja. Wenn nur die neue Schule nicht wäre und der Krieg, zu Hause im Osten.

Anmerkung der Redaktion:Die Kriege und politischen Krisen des ausklingenden Jahres haben auch das Wirtschafts-Ressort der ZEIT beschäftigt, weil sie nicht selten ökonomische Ursachen haben und stets ökonomische Folgen, vor allem Mangel: Mangel an Nahrung, Mangel an Gesundheitsversorgung und Mangel an Sicherheit. In der Weihnachtsausgabe der ZEIT blickt das Ressort auf die Krisen dieses Jahres zurück – durch die Augen derjenigen, denen wir sonst viel zu wenig zuhören: der Kinder.

ZEIT-Reporter haben Jungen und Mädchen besucht und sie gebeten, Wunschzettel zu beschriften und zu bemalen. Sie waren dafür im Südsudan und in Libyen, wo Bürgerkrieg herrscht, in Gaza und Israel, wo die gegenseitigen Angriffe nicht enden, in der Ukraine, wo Menschen Schutz suchen im unübersichtlichen Kampf zwischen Separatisten, Russen und der ukrainischen Armee, und sie waren auch in Deutschland bei Kindern, die aus Afghanistan nach Berlin geflohen sind. Lesen Sie alle Porträts in der aktuellen ZEIT, die Sie hier online kaufen können.

Unter www.zeit.betterplace.org finden Sie Projekte, die sich für bessere Lebensbedingungen in den beschriebenen Regionen einsetzen. Zusammen mit der gemeinnützigen Organisation betterplace.org haben ZEIT-Redakteure sie ausgesucht. Frohe Weihnachten!

Ihr ZEIT-Wirtschaftsressort