Auf alles hatte sich Jasper vorbereitet. Wie immer. Er hatte recherchiert, dass er 41 Minuten brauchen würde, um mit der S-Bahn 1 aus Glienicke im Berliner Norden zur Technischen Universität zu fahren. Er hatte Fotos der Eingänge, Treppen und Hörsäle studiert. Und er hatte sich von seinem Vater auf dem Lageplan zeigen lassen, wo im Hauptgebäude er diesen Gasthörerausweis bekommt. Aber als er am Morgen die Gänge durchquert hat und an jenem Büro angelangt ist, blickt er auf eine geschlossene Tür. Und eine Klingel. Für den 15-Jährigen mit Asperger-Syndrom wäre das früher ein Grund gewesen, sich umzudrehen und zu gehen.

Nicht der Mathekurs macht Jasper an seinem ersten Tag als Student Sorgen. Als Achtklässler wurde er einmal, weil seine Mitschüler auf Klassenfahrt waren, in eine 10. Klasse gesetzt und deprimierte die Schüler dort, weil er schon alles wusste. Der Religionslehrer fürchtet seine Klausuren, seitdem Jasper einmal versucht hat, die Erbsünde mit Formeln zu widerlegen. Und die Lateinlehrerin hebt ratlos die Hände, wenn der schmächtige Junge mit dem schwarzen Schopf und der viereckigen Brille mal wieder ein Schwätzchen auf Latein halten will.

Was Jasper am ersten Tag in der Uni beunruhigt, ist das Neue, das Unvorhersehbare, das potenzielle Chaos. Jetzt muss er allein klarkommen – ohne seinen Mentor, der versucht hat, ihn über die Welt der Zahlen auf die Welt da draußen vorzubereiten. Ob der Plan aufgeht, ob er reif ist für diese Welt, zeigt sich jetzt. Jasper drückt die Klingel.

Wenn Jaspers Mutter an die Kindertage ihres Sohnes denkt, sieht sie ihn auf Zehenspitzen stehen, die Fäuste ballen und schreien. Kein Kindergeschrei, wie sie es von ihrem jüngeren Sohn Lennert kennt. Schriller, durchdringender, untröstlich. Er schreit mit einem Jahr im Kinderwagen, weil er sich nicht bewegen kann, mit vier im Sandkasten, wenn sich Spielkameraden nicht an Abmachungen halten, mit sieben beim Zelten, weil er nach Hause will.

Als Jasper neun Jahre alt ist, stellt ein Psychologe die Diagnose "Asperger-Syndrom". Die Eltern sind erst einmal erleichtert: Sie wissen jetzt, was mit ihrem Sohn los ist. Jaspers Vater, der als Chemiker in der Forschung arbeitet, wird klar, dass auch er eine leichte Form des Syndroms hat – anzumerken ist ihm das kaum. Doch allein das Wissen um die Ursache für Jaspers Verhalten hilft den Eltern nicht. Wenn sich Jasper auf den Rasen im Garten wirft, nützt es nichts, mit ihm zu reden oder ihn ins Haus zu tragen. Erst wenn der Förderlehrer kommt, ist Jasper schlagartig ruhig.

Seine Mutter, eine Musikerin, liest Dutzende Bücher, recherchiert im Netz, lässt sich zur Familientherapeutin mit Schwerpunkt Asperger-Syndrom ausbilden. Sie sagt, Jasper sei wie ein Fass ohne Boden – soviel man es auch mit Zahlen und Formeln füllt, es läuft nie über. Jasper hat einen IQ von 143, die Mathematik ist seine Welt: die Logik, die klaren Zusammenhänge. Stundenlang sitzt er in seinem Zimmer im Dachgeschoss und grübelt über Aufgaben. In der Schule ist der Junge unterfordert, dabei ist er schon früher eingeschult worden und hat eine Klasse übersprungen.

Die Eltern engagieren einen Informatikstudenten, der Jasper mit elf Jahren Programmieren beibringt, dann einen weiteren. Doch die Studenten stoßen schnell an ihre Grenzen. Der Vater klappert die Universitäten der Stadt ab, aber Jasper ist noch zu jung, und die Gruppen sind für ihn zu groß. Dann erfährt der Mann von einem Mentorenprogramm namens Fibonacci für hochbegabte Kinder in Berlin – die Eltern vereinbaren einen Termin. Ausgerechnet ein 70-jähriger Professor im Ruhestand soll den Draht zu dem damals zwölfjährigen Jasper finden. Für Burchard von Braunmühl wird es der Schüler seines Lebens.