Er hätte damals auch sterben können. Wie Peitschenhiebe knallten die Schüsse der griechischen Wasserschutzpolizei in seinen Ohren. Rahmat schnappte nach Luft. Das Salzwasser brannte auf seiner Haut. Er kann nicht schwimmen. Niemals zuvor hatte er das Meer gesehen. Nur der Kragen der Schwimmweste hielt seinen Kopf über Wasser.

Das Boot mit den Polizisten kam näher. Langsam wanderte der Lichtkegel des Suchscheinwerfers über die Flüchtlinge hinweg, die hilflos mit den Armen im Wasser ruderten. "Ich habe gedacht: Jetzt ist es einfach aus und vorbei. Alle tot, Gott sei Dank", sagt Rahmat.

Aber Rahmat ist nicht gestorben. Vier starke Arme haben ihn damals aus dem Wasser gezogen, so erzählt er es, das Boot hat ihn zur griechischen Küste gebracht. Rahmat, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat Europa erreicht, mit nichts als der Kleidung an seinem Körper. Und mit einem großen Wunsch im Kopf: endlich zur Schule gehen zu können.

Rahmats Schicksal ist nicht ganz mit demjenigen der Menschen vergleichbar, die heute an Europas Grenzen stranden. Vom Krieg, der in seiner Heimat Afghanistan herrscht, hat er in seinem Dorf nur gehört, wenn Besucher aus anderen Teilen des Landes kamen. Das gab nicht den Ausschlag für seine gefährliche Reise. Rahmat ist ein Bildungsflüchtling. Mit 13 hat er sein Dorf verlassen, weil er mehr vom Leben wollte. Er träumte davon, eine Zukunft zu haben, die ihm in seiner Heimat verwehrt war.

Trotzdem zeigt seine Geschichte, was aus einem Flüchtling in Deutschland werden kann, wenn er den Willen mitbringt – und die Chance bekommt. Heute, sechs Jahre nach seiner Ankunft in Europa, hat er es geschafft. Aus dem einstigen Analphabeten ist ein Auszubildender geworden.

Das ist keineswegs selbstverständlich. Flüchtlinge haben es auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht leicht. "Ob jemand einen Ausbildungsplatz bekommt, hängt von Dutzenden Zufällen ab", sagt Tobias Klaus von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Die größten Hürden sind mangelnde Deutschkenntnisse und in vielen Fällen ein fehlender Schulabschluss. Nachholen können Flüchtlinge ihren Abschluss in Deutschland je nach Bundesland nur bis zum 16. oder 18. Lebensjahr. Ältere Flüchtlinge sind auf spezielle Bildungsprojekte angewiesen, die es längst nicht überall gibt.

Ein Problem ist oft auch der Aufenthaltsstatus: Viele Flüchtlinge dürfen nur für einige Monate im Land bleiben. Deshalb scheuen Arbeitgeber häufig davor zurück, sie für eine mehrjährige Ausbildung einzustellen. "Dabei wäre das die beste Integration", sagt Tobias Klaus. "So verdienen sie schnell eigenes Geld und entlasten das Sozialsystem."

Rahmat hat auf dem Weg zu seinem Ausbildungsplatz Mut und Fleiß bewiesen – und Glück gehabt. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf in Afghanistan. Mit seiner Mutter und seinem Vater lebte er in einer Lehmhütte, wie es sie zu Dutzenden im Dorf gibt: ein Zimmer, eine Küche, ein Brunnen hinter dem Haus, erzählt er. Zum Schlafen legten sie drei Matratzen auf den Fußboden. Rahmats Vater baute Mais, Getreide und Mandelbäume an, seine Mutter kochte das Essen. Als er sechs Jahre alt war, schickten die Eltern ihn mit zwei Nachbarsjungen zum Ziegen- und Schafehüten in die Berge.

Zur Schule ging Rahmat nicht. In Afghanistan ist sie kostenpflichtig, seine Eltern konnten das Schulgeld nicht bezahlen. Neidisch habe er auf die Kinder in seinem Dorf geblickt, die lernen durften, sagt er. Manchmal habe er sich gefragt, ob das immer so weitergehen würde, ob er immer Schafe und Ziegen hüten würde, tagein, tagaus, bis er irgendwann tot umfiele.

Es war nicht seine Idee, aber er war sofort Feuer und Flamme, als seine Schäferfreunde ihm vorschlugen wegzulaufen. Nach Kabul, in die Hauptstadt, und dann weiter. Vielleicht ins Ausland, wohin auch immer. Was das bedeutet, war keinem von ihnen klar – bislang hatten sie wenig mehr gesehen als ihr Dorf und die Berge rundum. "Wir hatten keine Angst, wir kannten die Gefahren ja gar nicht", sagt Rahmat. Erst einmal war es einfach ein Abenteuer: ohne das Wissen der Eltern auf die offene Ladefläche eines Lkw zu klettern, wie sie zu Tausenden als kostenlose Taxen durch Afghanistan fahren.