Es ist ein besonderer Moment für ihn, als Pete, ein groß gewachsener 60-jähriger Afroamerikaner, bei der Einreise am Wiener Flughafen seinen US-Reisepass herzeigen muss: "Ich bin in Österreich geboren, in Salzburg", sagt er gleich dazu. Verdutzt blickt ihn die Polizistin, die seinen Pass kontrolliert, an. Offensichtlich hat sie Schwierigkeiten damit, seinen Geburtsort Salzburg, sein Geburtsjahr 1954 und seine dunkle Hautfarbe miteinander in Einklang zu bringen. "Wirklich?", fragt sie. "Wirklich!", entgegnet Pete lächelnd. Am nächsten Tag, als er vor sein Hotel in der Wiener Innenstadt tritt und Straßenszenen fotografiert, sagt er lachend: "I am a tourist." In Begleitung seiner alten Adoptiveltern ist er zum ersten Mal seit über 50 Jahren wieder in sein Geburtsland zurückgekehrt.

Pete, damals noch Peter, kam als eines von rund 20.000 Besatzungskindern in Österreich auf die Welt. Seinen Vater, einen afroamerikanischen GI, lernte er ebenso wenig kennen wie seine Mutter. Über die Beziehung seiner leiblichen Eltern lässt sich heute nicht mehr viel herausfinden. Im Jahr seiner Geburt waren intime Beziehungen zwischen GIs und österreichischen Frauen zwar gesetzlich erlaubt, allerdings fanden sie unter schwierigen sozialen Bedingungen statt. Das Spektrum reichte von innigen Liebesgeschichten bis hin zu Gelegenheitsprostitution. Die Frauen wurden massiv angefeindet und als "Amischicksen", "Gold-Diggers" oder "Dollarflitscherln" geschmäht ( ZEIT Nr. 52/10).

Noch mehr Ablehnung und Aggression schlug jenen Frauen entgegen, die Beziehungen mit afroamerikanischen GIs eingegangen waren. Sie wurden von der Presse mit rassistischen Artikeln angefeindet. Außerdem verhinderte die in einigen US-Staaten damals noch gültige Politik der Rassentrennung häufig Eheschließungen zwischen afroamerikanischen GIs und österreichischen Frauen.

Die jungen, ledigen Mütter standen unter starkem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck, der dazu führte, dass sie oft ihre Kinder in Adoption oder Pflegschaft abgaben. Auch für Peter und seinen Zwillingsbruder Fritz musste ein Platz gefunden werden. Im Alter von wenigen Wochen gelangten die beiden, gemeinsam mit acht anderen afroösterreichischen Kindern, in das kleine Kinderheim des austroamerikanischen Ehepaars Joseph und Aurelia.

Joseph, selbst ehemaliger Besatzungssoldat, hatte während seiner Stationierung in Österreich die Wienerin Aurelia kennengelernt. Bald wurde aus der zierlichen Verkäuferin und dem groß gewachsenen blonden Soldaten ein Paar, das 1947 heiratete und in den US-Bundesstaat Oregon zog. In Portland ließen sich die frommen Baptisten auf einer christlichen Hochschule zu Missionaren ausbilden. 1955 kehrte das kinderlose Paar für die freikirchliche Organisation World Missions to Children nach Österreich zurück. Ihr Plan war es, ein Heim für die bedürftigsten Kinder zu gründen – die afroösterreichischen Besetzungskinder. Unweit von Salzburg fanden sie eine alte Mühle, die sich als Kinderheim eignete. Für die Kinder waren sie nun Onkel Joe und Tante Reli.

Trotz guter Noten durften die schwarzen Kinder nicht das Gymnasium besuchen

Auch zu der alten Mühle führt Pete und seine Adoptiveltern ihre Erinnerungsreise. Das Haus wird immer noch von Mitgliedern einer Freikirche geführt. "Du bist doch kein Ami, du bist einer von uns!", sagt eine alte Nachbarin zu Pete, als dieser sich im Gespräch vor seinem ehemaligen Zuhause mit deutschen Vokabeln abplagt. Bei den Nachfragen zu den einzelnen Kindern von damals und ihrem heutigen Leben in den USA wechseln die Namen: Robert heißt jetzt Bob, und Margarete wird Peggy gerufen. Die Buben und Mädchen aus dem Heim leben allesamt in den USA – in Texas, Utah, Idaho, Kalifornien und Oregon. Sie haben Familien gegründet und arbeiten als Unternehmer, Sozialarbeiter, Lastwagenfahrer oder Büroangestellte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 1 vom 30.12.2014.

Vor Ort kommen Pete viele Erinnerungen. Die große rote Schaukel, die Joe einst für die Kinder in den fünfziger Jahren errichtete, steht heute noch immer am Waldrand neben der Mühle. Vergnügt schwingt sich Pete auf den Holzsitz und lässt die Beine in der Luft baumeln. Bei einem Spaziergang durch den kleinen Ort trifft er zufällig auf der Hauptstraße auf die alte Volksschullehrerin. Auch sie hat lebhafte Erinnerungen an die Kinder aus dem Heim von Joseph und Aurelia. Auch sie erkundigt sich nach den einzelnen Schicksalen. Rassismus sei hier kein Problem gewesen, erzählt Pete.

Die heile Welt existiert jedoch wohl nur in der Erinnerung. Manche Anrainer wollten augenscheinlich kein Kinderheim voller unehelicher Kinder in ihrer Umgebung und schon gar keines mit unehelichen schwarzen Kindern. An einen offenen Konflikt mit den Bewohnerinnen der Region wollen sich jedoch weder Pete noch Joe und Aurelia erinnern. Anfang der sechziger Jahre machten die Pflegeeltern jedoch auch mit dem staatlichen, institutionellen Rassismus Bekanntschaft. Als den beiden ältesten ihrer Schützlinge trotz guter Noten der Besuch des Gymnasiums verwehrt wurde, sahen sie sich zum Handeln gezwungen. Sie beschlossen, die Kinderschar zu adoptieren und mit ihrer neuen Großfamilie auf eine Farm nach Idaho umzuziehen. Aus Joe und Reli wurden Mum und Dad, aus Peter und seinen Geschwistern Amerikaner.